Bitte hinterm Haus parken

„Dass die Idee der Arbeitsgemeinschaft Familienhilfe, umbenannt im Jahr 1985 zum Sozial- und Gesundheitssprengel, solche Kreise nach sich zieht, hätte ich mir nie gedacht“, sagt Paula Kofler aus Prutz. RS-Foto: Plangger

Vor 35 Jahren wurde der Sozial- und Gesundheitssprengel Obergricht gegründet

 

Der Gesundheits- und Sozialsprengel ist mittlerweile zu einem wichtigen Unternehmen im Gesundheitsbereich herangewachsen. Bei der Gründung im März 1983 konnte sich Initiatorin Paula Kofler aus Prutz noch nicht vorstellen, welche Bedeutung ihm als soziale Einrichtung einmal zukommen wird.

 

Von Martin Plangger

 

Die Orts- und Gebietsbäuerinnen nahmen sich bereits im Jahr 1979 der vielfältigen sozialen Probleme in den Dörfern an. Damals gab es nämlich noch keine Einrichtung, die Frauen und Mütter für kurze Zeit unterstützt oder gar für eine geraume Zeit ersetzen konnte. Der damalige Bauernobmann Franz Greiter, Beraterin Nessi Seiringer und Obfrau Paula Kofler überlegten, wie dieser „soziale Missstand“ beseitigt werden kann. So wurde im Jahr 1982 die erste „Arbeitsgemeinschaft Familienhilfe“ ins Leben gerufen. Sie nahm ihren Ursprung in Serfaus. Mit ein Grund war dazumal bereits der Tourismus. Dieser „soziale Funke“ sprühte über die Gemeinden Ladis, Fiss und Tösens. Bereits 1983 folgten die Gemeinden Prutz, Ried, Fendels, Faggen, Kauns, Kaunerberg und Kaunertal. Vereinsstatuten oder Finanzierungsmöglichkeiten gab es zur Gründung nicht, weder in der Umgebung noch im benachbarten Ausland gab es Institutionen, an denen man sich hätte orientieren können. Viel ehrenamtliches Engagement war nötig – und es blieb nicht unentdeckt: Der damalige Landeshauptmann Eduard Wallnöfer war 1985 von dieser Idee sehr angetan und sicherte spontan die Unterstützung des Landes zu. Voraussetzung allerdings, der Name „Arbeitsgemeinschaft Familienhilfe“ musste in einen geeigneteren Namen geändert werden, der alle Tätigkeiten beinhaltete und zudem in ganz Tirol Anwendung finden konnte. Die Bezeichnung Sozial- und Gesundheitssprengel war geboren. In Folge wurden in Nord- und Osttirol flächendeckend sowie in anderen Teilen Österreichs Institutionen nach diesem Vorbild gegründet – ihr Ursprung war der Einsatz und der Weitblick der Bäuerinnenorganisation aus dem Oberinntal.

 

ALLER ANFANG IST SCHWER. „Wenn jemand eine Hilfe benötigt hat, so wurde ich angerufen, wohl mit dem Hinweis, dass die Betreuerin ihr Auto hinter das Haus stellen sollte. Zu unseren Anfängen schämten sich noch die Leute, dass sie fremde Hilfe überhaupt annahmen“, erzählt die 79-jährige rüstige Gründerin Paula Kofler. Alle elf Bürgermeister der Gemeinden standen von Anfang hinter der Idee, sich den sozialen Aufgaben im Dorf zu widmen. Somit war auch die pro-Kopf-Finanzierung der Gemeinden von fünf bis sieben Schilling, die als Grundsicherung beigesteuert wurde, nie ein Thema. „Ein entscheidender Punkt im Erfolg unserer Arbeit war auch, dass alle Orstbäuerinnen in die Planung und Vorbereitung der Arbeit miteinbezogen wurden. Der oft mühsame und beschwerliche Weg machte sich allerdings bezahlt, wenn wir somit zu einer Verschönerung eines Lebens zu Hause beitragen konnten“, kann Paula stolz auf ihr Lebenswerk zurückblicken.

 

VERSORGUNGSMODELL MIT PERSPEKTIVE. In Zusammenarbeit mit den Ärzten, Pfarren, Gemeinden und dem Land wurden in ganz Tirol bis heute 62 Sozial- und Gesundheitssprengel gegründet. Dabei hat sich zum einen die Struktur und zum anderen auch das Aufgabengebiet deutlich geändert. Es gibt nun etwa eine hauptamtliche Geschäftsführung. Nach dem Ausscheiden Paula Koflers im Jahr 2003 übernahm diese Position ihre Tochter Annemarie Kofler, und 15 Jahre später konnte Andrea Erisöz-Gastl für diese Aufgabe gewonnen werden. Auch das Aufgabengebiet hat sich im Laufe der Zeit gravierend geändert: Im Sozial- und Gesundheitssprengel wird die medizinische sowie nicht-medizinische Hauskrankenpflege angeboten. Jene beinhaltet u.a. die Haut- und Körperpflege, Wundversorgung, die Medikamentenvorbereitung und -verabreichung sowie die Sterbebegleitung und die Hilfe für pflegende Angehörige. Auch die Pflegehilfe, zuständig für Grundpflege sowie medizinisch-pflegerische Tätigkeiten, die Heimhilfe für die umfassenden Dienste des täglichen Bedarfes wie Wohnungsreinigung sowie Hauswirtschaft und zudem der Heilbehelfsverleih werden heutzutage angeboten. „Derzeit verzeichnen wir im Sozial- und Gesundheitssprengel Obergricht 314 Einsätze pro Woche. Dies entspricht einer Zahl von 105 Klienten pro Woche“, verrät Pflegedienstleiterin Priska Köhle. So flexibel wie das Aufgabengebiet des Sozial- und Gesundheitssprengels, so reichhaltig gestaltet sich das Tätigkeitsfeld sowie das Beschäftigungsausmaß der derzeit 21 Mitarbeiter. Somit hat sich der Sozial- und Gesundheitssprengel nicht nur zu einer sozialen Einrichtung, sondern auch zu einem Arbeitgeber mit Zukunftsperspektive etabliert.

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