„Blauschmuck” steht niemandem

Die Leiterin des Frauenhauses, Gabi Plattner und der stellvertretende Postenkommandant Harald Wagner griffen verschiedene Diskussionspunkte auf. RS-Fotos: Schretter

Starkes Statement gegen Gewalt an Frauen in der Bücherei Reutte

Gewalt hat viele Gesichter. Gewalt ist im häuslichen und  im öffentlichen Bereich anzutreffen, findet in Form von Verfolgung oder der Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses statt. Ein starkes Aufbegehren gegen Gewalt an Frauen war bei der Veranstaltung „Blauschmuck“ in der Bücherei Reutte zu spüren.

Die junge Schauspielerin Lara Schumacher  eröffnete den Abend mit einer Lesung aus dem Roman „Blauschmuck“ von Katharina Winkler. Hervorragend und eindrucksvoll interpretiert, gelang es Lara Schumacher, das Publikum zu fesseln, aufzuwühlen und zum Schweigen zu bringen. Katharina Winklers Debütroman beruht auf wahren Begebenheiten. Er schildert das Leben einer Frau, die erleben muss, dass Liebe und Gewalt miteinander verschmelzen können. Sie erlebt Abhängigkeit und Unterdrückung und sieht ihren Traum vom Leben im Westen sterben. Ihr „Blauschmuck” trägt die Handschrift ihres Mannes, gehört zu ihr und zeigt das unfassbare Leid, dass sie ertragen muss. In einer knappen, sehr prägnanten Sprache – von Lara Schumacher exzellent vorgebracht – hinterlässt Katharina Winkler mit ihrem Roman Eindrücke, die nur schwer zu verstehen und verarbeiten sind.

Schweigen. Fast schien es, als hätten die Zuhörer ihre Stimmen verloren. Am Ende der Lesung breiteten sich Ergriffenheit und Schweigen aus. Gabi Plattner, Leiterin des Frauenhauses Innsbruck, durchbrach die Stille und lud zur Diskussionsrunde ein. An ihrer Seite stellte sich Harald Wagner, stellvertretender Postenkommandant bei der Polizei in Reutte, den Fragen des Publikums. „Was Lara vorgelesen hat, kenne ich aus meiner täglichen Arbeit“, relativierte sie die Illusion, hier in Tirol wäre alles anders.
„Ich bin als Mann sehr betroffen und es fällt mir schwer, Worte zu finden”, gestand Harald Wagner. Als Polizist hat er sehr häufig mit Fällen häuslicher Gewalt zu tun. „Im Bezirk Reutte gab es im Zeitraum von Jänner bis November 31 Betretungsverbote, die von uns verfügt wurden.  Bei 32 Prozent dieser Fälle spielte Alkohol eine große Rolle. Festzustellen ist auch, dass es häufig Familien betrifft, in denen die Frau keinen besonders hohen Bildungsstatus besitzt. Gewaltdelikte sind fast immer Männerdelikte“, gibt Harald Wagner Einblick in seine Arbeit. Gewalt würde zunehmen, führt er weiter aus. Es seien aber auch mehr Einschreitfälle zu registrieren, das heißt, dass immer mehr Frauen den Mut aufbringen, sich an die Polizei zu wenden. „Das 1997 beschlossene Gewaltschutzgesetz greift immer mehr“, sieht er eine positive Entwicklung.
Gabi Plattner betont in diesem Zusammenhang, dass die Zusammenarbeit mit der Polizei sehr gut funktioniere. „Es gibt immer wieder Schulungen, die wir für Polizisten veranstalten. Wir vermitteln hier, wie bei einem Gewalteinsatz richtig reagiert wird.“ Sie sieht umfassende Information oft als Initialzündung, um sich Hife zu holen. „Viele Frauen trauen sich, wenn sie jemand darauf anspricht und ermutigt, sich an die Polizei zu wenden. Schwieriger ist es für Betroffene, die sich in einer starken emotionalen oder ökonomischen Abhängigkeit befinden.”
Bei einem Gewalteinsatz der Polizei wird der Gefährder weggewiesen und erhält ein dreitägiges Betretungsverbot des gemeinsamen Haushaltes. Der Sachverhalt wird aufgenommen und das Gewaltschutzentrum informiert. „Wenn sich die Gefährder nicht an die Auflagen halten, kommen die Frauen aus Angst dann oft zu uns ins Frauenhaus. Hier sind sie sicher. Sehr oft sind es Migrantinnen, die zu uns kommen und Hilfe suchen“, vedeutlicht Gabi Plattner, wie wichtig die Zusammenarbeit mit der Polizei ist.
Harald Wagner erklärte: „Wenn Kinder involviert sind, verständigen wir das Jugendamt. Wenn die Polizeiarbeit abgeschlossen ist, wäre – wenn notwendig – immer auch ein Kriseninterventionsteam greifbar. Die Opfer werden vom Gewaltschutzzentrum weiterbetreut.“
LR Christine Bauer stellte fest, dass wohl die rechtlichen Grundlagen des Opferschutzes gut wären, weitere Maßnahmen in den Bereichen Prävention und Öffentlichkeitsarbeit aber unbedingt notwendig wären.
Wer mit Gewalt konfrontiert ist oder jemanden unterstützen will, der bedroht ist, kann auf www.gewaltfrei-tirol.at Kontakte zu Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen in Tirol finden.