Das Wehren gegen den Wahnsinn der Normen

Präsentiert am Freitag, dem 10. November, ihr jüngstes Werk in der Imster Tyrolia-Filiale – die Autorin und Logotherapeutin Inge Patsch. RS-Foto: Matt

Logotherapeutin und Autorin Inge Patsch im Gespräch mit der RUNDSCHAU

Wenn das Glück ein Vogerl ist, so ist das Leben vielleicht ein Hund, der mal hier, mal dort für ein kurzes Schnuppern verharrt und lieber den längeren als den kurzen Weg nach zuhause einschlägt. Wo der Vierbeiner aber dem Instinkt folgt, muss der Mensch auf Vertrauen bauen, meint Inge Patsch. Die Logotherapeutin, Autorin und Gründerin des Tiroler Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse stellt am Freitag, dem 10. November, um 19 Uhr ihr neues Buch „Vertrau auf dein Gefühl und lebe mutig“ in der Imster Tyrolia-Filiale vor – zuvor plauderte Inge Patsch aber mit der RUNDSCHAU über ihren Werdegang, das Wesen der Logotherapie und den vergeblichen Versuch, das Unglück auslöschen zu wollen.

Von Manuel Matt

Wie so vieles im Leben begann auch der Weg zur Logotherapeutin für Inge Patsch bei ihrer Mutter. „Wir pflegten stets eine schwierige Beziehung“, verrät Patsch. Stets habe sie verwundert, wie ihre Mutter das eigene Leben so schwer nehmen kann, während es der Großmutter trotz traumatischer Erlebnisse aus Kriegstagen stets mühelos zu gelingen schien, mit einem fröhlichen Lächeln das Schicksal zu akzeptieren. „Das wollte ich verstehen lernen – deswegen habe ich damals mit der Ausbildung zur Logotherapeutin begonnen“, erinnert sich Patsch, die Jahre später zusammen mit Günther Funke den Grundstein für das Tiroler Institut für Logotherapie und Existenzanalyse legen sollte.

Zwei verwandte Seelen.

Wie sie auf Viktor Frankl und seine Lehren aufmerksam wurde, erzählt Patsch ebenso freimütig. Der Holocaust-Überlebende war einst zu Gast bei „Land der Berge“, einer erstmals 1982 ausgestrahlten Dokumentarreihe im österreichischen Staatsfernsehen. Dabei machte nicht nur das Interview des brillianten Rhetorikers und Psychiaters einen überzeugenden Eindruck auf Patsch, sondern auch ebenso der Grundsatz „Freiheit mit Verantwortung“, der sich wie ein roter Faden durch das Werk von Frankl zieht. „Da hab’ ich gleich gewusst – wenn ich etwas lerne, dann das“, erinnert sich Patsch. „Für mich ist Freiheit der höchste menschliche Wert. Viele junge Menschen mögen die Freiheit mittlerweile als selbstverständlich ansehen. Auch ich wurde erst nach dem Krieg geboren, aber wir sehen ja, was auf der Welt passiert. Frei entscheiden zu können, sich nicht mit einer Arbeit abfinden zu müssen, die nur belastend ist – auch das zählt für mich zur Freiheit.“

Von Mut in Zeiten der Furcht.

Unumgänglich für das Bewahren dieser Freiheit sind Menschen, die mutig den Wert dieser Errungenschaft hochhalten – kein leichtes Unterfangen, säen doch Terrorismus, ein rasanter technischer Fortschritt und das Erwachen von Überwachungsstaaten seit Jahren Furcht und Zweifel in den Herzen unserer Spezies. Das Ergebnis ist das Darbringen der Freiheit auf dem Altar der vermeintlichen Sicherheit. „Bei Maschinen darf und muss ein gewisses Sicherheitsdenken angewandt werden. Wenn ich im Auto sitze, müssen die Bremsen funktionieren, wenn ich mit dem Zug fahre, kann ich davon ausgehen, dass der Lokführer weiß, was er tut – immerhin geht es um Sicherheit“, erklärt die Logotherapeutin: „Diese Sicherheit auf das Leben, auf Beziehungen zu übertragen – das ist ein riesengroßes Missverständnis. Sicher ist unser Leben nie.“ Niemand könne mit Bestimmheit sagen, dass er sich am nächsten Tag noch des Lebens erfreuen darf. Dieses Wissen um das eigene Unwissen zeichne aber auch den Menschen aus, findet Patsch – als das einzige Wesen, das um die Existenz des Staubes weiß, zu dem es eines Tages zurückkehren muss.

Ein Leben voll von Ablenkungen.

„Das macht Angst“, weiß Patsch. Um der schrecklichen Wahrheit zumindest für einige Zeit entfliehen zu können, stürzen wir uns in Ablenkungen wie hemmungslose Einkaufstouren oder verfolgen aufmerksam das inszenierte Leben von berühmten Zeitgenossen. Überhaupt zeige sich heute das Bestreben, das Glück zu maximieren und jegliches Unglück vollends auslöschen zu wollen. Ein torhaftes Unterfangen, lässt uns doch erst eine durchgestandene Nacht die Schönheit des heranbrechenden Tages sehen. Einen Gegenentwurf zu diesem Irrschluss möchte die Logotherapie liefern – mit dem „Hausverstand, der vor 30 Jahren verloren ging“, wie es Patsch formuliert. Immerhin wollen Glück und Sinn nicht gejagt, sondern gefunden werden. Patentrezepte gebe es dabei freilich keine, offenbart Patsch, vielmehr soll die Logotherapie eine Art der Orientierung bieten. Strikte Gesetzmäßigkeiten und Erwartungen birgt das Leben immerhin in beinah’ unüberschaubarer Menge. Darunter leidet besonders die Jugend, denen Patsch rät: „Wehrt’s euch gegen den Wahnsinn der Normen!“

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.