Der Mensch als Fluglehrer

Fast wie Nils Holgersson mit seinen Wildgänsen begleitet das Waldrappteam die Jungvögel bei ihrer ersten Reise in die Toskana. Foto: Schmalstieg

Waldrappteam gastierte in Ried im Oberinntal

Rücksichtslose Bejagung ließ den Waldrapp im 17. Jahrhundert beinahe aus Mitteleuropa verschwinden. Die Bemühungen von zoologischen Einrichtung wie dem Innsbrucker Alpenzoo verhinderten zwar ein gänzliches Aussterben, doch bis heute zählen die bemerkenswerten Tiere zu den am stärksten bedrohten Vogelarten weltweit. Das Waldrappteam unter Biologe Johannes Fritz bemüht sich um die Wiederansiedlung der seltenen Vögel und gastierte von 17. bis 21. August in einem Feld bei Ried im Oberinntal.

Von Manuel Matt

Es seien „lustige Vögel“, erzählt Anna-Gabriela Schmalstieg vom Waldrappteam, „alle haben einen ganz eigenen Charakter“. Die junge Frau ist als menschliche Ziehmutter eine der wenigen Auserwählten, die sich der Voliere der 31 Vögel, die sie mit der Hand aufgezogen hat, nähern darf. Sonst wird der menschliche Kontakt auf ein Minimum reduziert, um die geplante Auswilderung nicht zu gefährden.

Der Mama hinterher.

Unverzichtbar für dieses ambitionerte Unternehmen ist es aber, den Waldrappen den Weg in ihr Winterdomizil zu weisen – denn die bedrohten Tiere sind zwar Zugvögel, verfügen aber etwa im Gegensatz zu ihren nahen Verwandten, den Störchen, nicht über einen „inneren Kompass“, der sie intuitiv an ihr Ziel bringt. „Normalerweise lernen die Jungvögel den Weg in den Süden von ihren Eltern“, weiß Schmalstieg. Da die Eltern aber durch ein Leben in Gefangenschaft dieses Wissen nicht weitergeben können, kommt der Mensch ins Spiel – und zwar recht spektakulär: Die kleinen Flugkünstler folgen bei ihrer Reise in ein WWF-Schutzgebiet in der Toskana einem Ultraleichtflugzeug, in dem neben dem Piloten auch die Ziehmutter Platz nimmt. Damit kein Vögelchen verloren geht, lässt die Mama ihre vertraute Stimme erklingen – besonders bewährt sei dabei der Ruf „Waldi!“, wie Schmalstieg schmunzelnd erzählt.

Aufbruch & Rückkehr.

Seine Zelte hat das Team in Ried mittlerweile wieder abgebrochen, um mit den Waldrappen zur nächsten Station zu ziehen – der Südtiroler Gemeinde Cavalese. Die Reise ist insgesamt in sechs Etappen unterteilt, ehe die Vögel planmäßig ab 20. September das italienische Klima genießen dürfen. In ihr vertrautes Sommergebiet kehren die Waldrappen erst mit Einsetzen der Geschlechtsreife zurück, was etwa im Alter von drei Jahren geschieht. Eine planlose, endlos scheinende Heimreise, wie sie einst dem Mythos nach dem gewieften Odysseus widerfur, haben die Waldrappen aber nicht zu befürchten: „Haben die Vögel einmal die Reise unternommen, finden sie immer wieder zurück“, beruhigt die Ziehmutter. Gute Reise, wünscht somit die RUNDSCHAU – und hoffentlich auf baldiges Wiedersehen!

Ein besonders prächtiges Waldrappen-Exemplar begegnet der Kameralinse mit vogeltypischem Argwohn. Foto: Schmalstieg

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