„Er kennt da kein Erbarmen!“

Die RUNDSCHAU traf einen gelöst wirkenden Thomas Kammerlander. Die Erkenntnis: Zum „Kammi“ kommt das Christkindl klarerweise mit einer Rodel. RS-Foto: Unterpirker

Thomas Kammerlander und die RUNDSCHAU beim Gespräch in der Grantau

Besser hätte der Saisonauftakt für Thomas Kammerlander nicht laufen können. In Kühtai knallte der aktuelle Weltcup-Gesamtsieger vor noch nie dagewesenem Zuschauerandrang einen zweiten Lauf auf die Eispiste, dass seine Konkurrenten nur mehr mit den Ohren schlackerten. Erstes Rennen, erster Sieg! Dass dahinter allerdings ein beinharter Knochenjob steckt, ahnen die wenigsten. Im großen RUNDSCHAU-Interview gibt „Kammi“ einen Einblick in seine Trainingsabläufe und über einige Faktoren, die für die Zeitspanne seiner Karriere ausschlaggebend sind.

Von Albert Unterpirker

RUNDSCHAU: Wie verliefen die vergangenen Monate, wie war der Sommer?

Thomas Kammerlander: Zwei Tage nach Saisonende, also direkt nach der Staatsmeisterschaft (Anm.: die Thomas gewann) habe ich wieder mit dem Training begonnen. Also, ich hab‘ heuer praktisch durchtrainiert.

 

RS: Durchtrainiert heißt: jeden Tag?

Kammerlander: Ja, es waren schon sieben Tage in der Woche.

 

RS: Wie hat das Training ausgesehen?

Kammerlander: Im Frühjahr war es mehr Grundlagen- und Ausdauertraining, da waren zum Beispiel auch Skitouren dabei – und sobald es gegangen ist Mountainbiken. Und viel Joggen. Im Mai und Juni hat es dann mit Kraftaufbau begonnen und ab da ist es eigentlich immer durchgegangen. Ende Oktober bin ich ein wenig auf die Bremse gestiegen – aber das Training ist super gelaufen! Dann haben wir mit den Starttrainings in Innsbruck (in der Olympiaworld) und im November mit dem Bahntraining begonnen – unter anderem in Südtirol und Kühtai.

 

RS: Vom Gefühl her, deine Einschätzung, wo stehst du heuer?

Kammerlander: Wie man in den Leistungstests gesehen hat, ist einiges weitergegangen. Die Werte sind nochmal besser geworden, eigentlich in den letzten drei Jahren stetig nach oben gegangen.

 

RS: Wie schauen solche Werte aus, was kann sich ein Laie darunter vorstellen?

Kammerlander: Ende Oktober haben wir immer einen Leistungstest (vom Verband), da gibt es u.a. Klimmzüge, Liegestützen, einen 2000 Meter-Lauf, einen 100 Meter-Sprint oder einen Pendellauf, wo es Limits gibt, die zu erreichen sind. Es sind im Ganzen sechs Übungen und fünf davon musst du positiv abschließen, um überhaupt in der Nationalmannschaft startberechtigt zu sein.

 

RS: Wo liegst du da im Vergleich zu deinen großen Südtiroler Kontrahenten? Denkst du dir, dass sie ähnliche Werte haben?

Kammerlander: Mittlerweile ist es so: Wenn du dir das vor zehn Jahren angesehen hast, da war der Standard noch ein ganz anderer. Aber jetzt sind alle, die da vorne mitfahren, sowas von trainiert und fit wie ein Turnschuh. Da hat sich schon einiges getan und es wird weiterhin extremer werden. Mit „ein bissl Rodeln gehen“ hat das nichts mehr zu tun. Zur körperlichen Verfassung kommen dann noch die ganzen Materialgeschichten – bei denen es jetzt langsam in die Formel 1 reingeht.

 

RS: Apropos Formel 1: Wie schaut’s mit dem Material aus?

Kammerlander: Ich habe jetzt mal nichts geändert. Das Material vom letzten Jahr hat super funktioniert. Aber man versucht schon zwischen dem ersten und zweiten Weltcup, der dann im Jänner stattfindet, am Material einiges zu machen. Gerade bei den Schienen, um da vielleicht wieder was rauszufinden. Momentan ist der Stand aber so, dass alles gleich geblieben ist.

 

RS: Derzeit also kaum Verbesserungen möglich? Oder muss man schon fast in den chemischen Bereich einsteigen …

Kammerlander: (lacht): Tja, das wird so kommen, früher oder später.

 

RS: Gibt‘s einen Wunsch ans Christkindl, noch einen Materialtipp abzugeben?

Kammerlander: (schmunzelt) Nein, nein, ich habe da schon mein Umfeld, das sich da Gedanken darüber macht.

 

RS: Du sprichst dein Umfeld an: Wie setzt sich das zusammen?

Kammerlander: Es ist ein ziemlich großes Umfeld. Es sind ja mittlerweile auch die ganzen Social Media-Sachen zu machen. Social Media macht die Schwägerin, die Homepage macht die Cousine. Die gesamten Trainingspläne schreibt Gerald (sein Bruder, Anm.).

 

RS: Ist er da knallhart?

Kammerlander: Er kennt da kein Erbarmen! Und er begleitet mich im Winter auch, er ist ja Sportdirektor (beim österreichischen Verband). Zusätzlich kommen im Winter noch die Trainer dazu, unter anderen Robert Batkowski.

 

RS: Gerald und Robert haben in ihrer aktiven Laufbahn viele Top-Erfolge eingefahren. Kann man von diesen beiden noch was lernen? Oder lernen sie jetzt schon mehr von dir?

Kammerlander: Teils, teils. Aber mittlerweile hat sich das alles so dramatisch weiterentwickelt, dass sie fast schon ein bisschen mehr von mir lernen (schmunzelt). Sie haben den Vorteil, dass sie nach ihrer aktiven Karriere sofort in eine Trainerkarriere eingestiegen und somit permanent am Ball geblieben sind. Wenn einer zwei Jahre weg ist – der hat keine Ahnung mehr, was da passiert!

 

RS: Man kann es natürlich so formulieren: Die beiden haben bezüglich der anderen Teams ihr Ohr am Puls der Zeit. Ein guter Trainer wird natürlich immer schauen, dass er für seinen Athleten das Beste herausholt, oder?

Kammerlander: Ja, aber es ist auch schwierig, wenn du mehr Athleten hast. Jeder braucht eine andere Schiene, jeder ist anders eingestellt, jeder hat einen anderen Fahrstil.

 

RS: Wie definierst du deinen eigenen Fahrstil? Was unterscheidet dich zum Beispiel von Patrick Pigneter, gibt es da einen Unterschied?

Kammerlander: Ich glaube nicht, dass es zwischen uns viel Unterschied gibt. Den Alex Gruber musst du da auch mitnehmen. Wir sind alle auf Anschlag und geben alle 100 Prozent. Vom Fahrstil unterscheidet sich der Alex vielleicht, denn der geht noch ein bisschen mehr über‘s Limit, er riskiert immer 120 Prozent. Wenn es ihm aufgeht, ist er sauschnell. In Kühtai hat er eben im zweiten Lauf einen Fehler gemacht und wir (Pigneter) haben davon profitiert. Patrick und ich sind da eher „safe“ unterwegs.

 

RS: Der Saisonauftakt in Kühtai verlief mit dem Sieg also äußerst zufriedenstellend. Liegt dir die Bahn dort?

Kammerlander: Kühtai kommt mir ein bisschen entgegen, es gibt dort enge Kurvenradien. In Südtirol sind die Bahnen eher weit gebaut. Außerdem waren die Bedingungen im zweiten Lauf ziemlich schwierig, weil viele Schläge rausgekommen sind. Und das sind wir von Umhausen (Grantau-Bahn) her gewohnt – ich trainiere oft unter diesen Bedingungen.

 

RS: Wie lange willst du im Weltcup eigentlich noch mitmischen?

Kammerlander: Das hängt von mehreren Faktoren ab. Auch das Training ist über das ganze Jahr so intensiv geworden, dass der Zeitpunkt vielleicht irgendwann mal kommt und du sagst: Ich mag jetzt nicht mehr. Denn wenn du es nicht mit 100 Prozent betreibst, dann kannst du es auch gleich lassen – du wirst dann nicht mehr mitkommen. Mein Ziel ist jetzt mal die WM 2021 in Umhausen und dann wird ja im nächsten Sommer entschieden, wie es mit Olympia aussieht. Wenn Naturbahnrodeln als olympische Diziplin aufgenommen werden würde, wäre man erstmals 2022 in Peking dabei. Das wäre mal so der grobe Plan. Später wäre sicherlich auch mal ein Trainerposten interessant.

 

RS: Dass du die Südtiroler dann trainierst…?

Kammerlander: (lacht) Man weiß nie.

 

RS: Wieviel wert ist der Rückhalt von deiner Freundin Lisa?

Kammerlander: Das ist das Wichtigste überhaupt. Wenn sie nicht dahinterstehen würde, dann würde das Ganze sowieso nicht gehen.

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