„… geschafft zu sterben, sonst hätten sie ihn fort“

Herausgeber Horst Schreiber (1. Reihe 3. v. l.) mit den Autoren, darunter Roman Spiss (1. Reihe 2. v. l.), der sich dem Bezirk Landeck gewidmet hat. Foto: Land Tirol/Kathrein

„1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ mit einem umfangreichen Beitrag von Roman Spiss über den Bezirk Landeck

 

„Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot: Der Nährboden für den Nationalsozialismus“ überschreibt Roman Spiss das Kapitel über den -Bezirk Landeck in einem eben erschienenen Werk über den „Anschluss“ im Jahr 1938 in -Tirol. Der Historiker mit Landecker Wurzeln lässt etliche Zeitzeugen zu Wort kommen, hat die Namen vieler Verhafteter recherchiert u.ä. und zeichnet so ein lebendiges Bild der damaligen Situation.

 

Von Daniel Haueis

 

Roman Spiss – dieser Name bürgt für Qualität; Qualität, die offensichtlich auch Horst Schreiber schätzt, der soeben das Werk „1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ herausgegeben hat. Spiss, der in Landeck aufgewachsen ist und am Gymnasium in Perjen unterrichtet hat, hat sich für das Buch wieder in die Geschichte seiner Heimat vertieft und die Machtübernahme der Nationalsozialisten sowie die Vorgeschichte dazu dokumentiert.

 

SCHLECHTEN ZEITEN FOLGT RADIKALISIERUNG. Roman Spiss zeichnet ein lebendiges Bild des damaligen Lebens, ruft auch viele Zeitzeugen auf. Viele waren Anfang der 1930er-Jahre noch Bauern, auf Nebenerwerb umzustellen war mangels Arbeitsplätzen oft nicht möglich. Die Tausend-Mark-Sperre traf den Tourismus hart: Im Sommer 1933 wurde nur mehr etwas mehr als die Hälfte der Nächtigungen des Sommers im Vorjahr erreicht. Handwerk, Gewerbe und Handel erlitten massive Umsatzein-bußen, die Zahl der Beschäftigten wurde reduziert. Dies zusammengenommen führte zu einer Radikalisierung der Bevölkerung. Auch in Landeck gab es während der Jahre 1933 bis 1938 Nationalsozialisten (als die Partei eigentlich verboten war) – 224 wurden in diesen fünf Jahren zu Arrest- und Geldstrafen verurteilt. Dann kam der 12. März 1938, der „Anschluss“.

 

ETLICHE VERHAFTUNGEN. Noch in der Nacht von 11. auf 12. März wurde Bezirkshauptmann Konrad Falser verhaftet. Josef Egger, Direktor der Landecker Hauptschule, wurde am Tag des Einmarsches verhaftet und später ins KZ Dachau gebracht – gut ein Jahr später wurde er entlassen. Stadtpfarrer Penz wurde vorgeladen und habe aus Angst den Hitlergruß angedeutet. Nicht einmal ein Jahr später starb er – „er hat es gerade geschafft zu sterben, sonst hätten sie ihn fort“, hat Roman Spiss von einem Zeitzeugen erfragt. Ebenfalls ins KZ Dachau kamen Volksschullehrer Josef Peintner, Friedrich Heidenberger (beide aus Landeck), Hans Pach aus Fließ, Franz Tschol aus St. Anton oder Karl Winkler. Roman Spiss widmet sich auch Rudolf Gomperz und Edmund Gansl, dem im Konzentrationslager umgekommenen jüdischen Tourismuspionier aus St. Anton und dem geflüchteten jüdischen Kaufmann aus Landeck. Bei der Abstimmung am 10. April gingen im Bezirk Landeck 99,87 Prozent zur Wahl und stimmten zu 99,41% für die „Wiedervereinigung“ – „es war das viertbeste Ergebnis der neun Kreise“, hat Roman Spiss recherchiert.

 

HEINRICH HIMMLER IN LANDECK. Es trat anschließend tatsächlich ein wirtschaftlicher Aufschwung ein (u.a. aufgrund von Straßen- und Uferschutzbauten), der Tourismus erlebte deutliche Nächtigungssteigerungen. Andererseits goutierte die Bevölkerung antikirchliche Maßnahmen der Nationalsozialisten (z.B. die Entfernung der Kreuze aus der Landecker Hauptschule) gar nicht. Mit Feiern des Muttertages oder Maifeiern (Roman Spiss: „Völlig neu für die Bevölkerung war das Aufstellen von Maibäumen“) wirkten die Nationalsozialisten öffentlich; eine der größten Veranstaltungen in Landeck war der Kreisappell am 22./23. Juli 1939 – auch Reichsführer SS Heinrich Himmler nahm teil. Neben ihm stand Gauleiter Franz Hofer, als Parteigenossen, aber auch Schützen, Musikkapellen, Vertreter des Handwerks etc. vorbeizogen. „40 Tage später sollte mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg beginnen“, beendet Roman Spiss seinen 55-seitigen bebilderten Beitrag in „1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols“.

 

 

 

Das Buch

„1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ (ISBN: 978-3-7065-5660-6) ist Band 21 der Reihe „Studien zu Geschichte und Politik“ und eine Kooperation von Land Tirol und „erinnern.at“, dem Institut für politisch-historische Bildung über Holocaust und Nationalsozialismus des Bundesministeriums. Die 536 Seiten starke Publikation ist im Inns-brucker Studien Verlag erschienen und um 24,90 Euro erhältlich.

 

Roman Spiss

Roman Spiss, geb. 1964, ist in Landeck aufgewachsen. Er hat Geschichte, Geographie und Politikwissenschaften in Innsbruck und Klagenfurt studiert. Er ist Lehrer am BRG Innsbruck am Adolf-Pichler-Platz (GW, GSP, ETH, INF), Lehrbeauftragter am Institut für Geographie der Universität Innsbruck und Akademischer Politischer Bildner. Spiss kann auf umfangreiche Vortrags- und Ausstellungstätigkeiten vor allem zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Tiroler Oberlands verweisen. Ein „Meilenstein“ in der Landecker Geschichtsforschung war sein Werk „Landeck 1918 – 1945“, das vor zwei Jahrzehnten erschienen ist.