Gottes Stimme ist weiblich

Paluselli Consort und Chor der Stiftsmusik Stams. RS-Foto: Buchner

Felix Mendelssohn Bartholdys „Paulus“ im Stift Stams

Mit seinem Oratorium „Paulus“ setzte der junge Felix Mendelssohn Bartholdy völlig neue Maßstäbe. Aus der Tradition der großen Bach-Passionen kommend, öffnete er einem Genre die Tür in die Moderne. In der Stiftsbasilika Stams war eindrucksvoll zu erleben, wie sich das anhört.

Von Lia Buchner

Felix Mendelssohn Bartholdy war ein Wunderkind. Als Neunjähriger trat er als Pianist auf, mit elf Jahren begann er in atemberaubendem Tempo zu komponieren. Mit nur 20 Jahren setzte er die Wiederaufführung der völlig in Vergessenheit geratenen „Matthäus Passion“ von Bach durch – ein enormer Erfolg. Die Singakademien und großen Chöre seiner Zeit wollten nun alle Oratorien singen. Der Frankfurter Cäcilienchor bat Mendelssohn um die Komposition eines zeitgenössischen Oratoriums. Als Stoff wählte er die Geschichte des Apostels Paulus mit seiner zweigeteilten Biographie: vom Saulus zum Paulus. Anklänge dieser Thematik ziehen sich auch durch Mendelssohns eigene Familiengeschichte. Einer starken jüdischen Tradition entstammend, hatte sich sein Vater dazu entschlossen, seine Kinder taufen zu lassen. Mit dem christlichen Zusatznamen Bartholdy hat Felix lange gehadert.

Sensible Wandlung.

Konsequent arbeitet Mendelssohn die Ambivalenz des Paulus mit einer klaren Zweiteilung des Oratoriums heraus. Im ersten Teil erzählt er die Geschichte des ehrgeizigen jungen Saulus, der wütend das jüdische Erbe gegen die frühen Christen verteidigt. Großartig umgesetzt ist die Damaskus-Szene der Bekehrung am Ende des ersten Teils: Die Stimme Gottes „Saul, was verfolgst du mich?“ donnert nicht – wie noch bei Bach – mit Bass-Solist und Posaune, hier schwebt sie als vierstimmiger Frauenchor milde auf Saulus herab. Der zweite Teil zeigt den erwachten Paulus als charismatischen Prediger des christlichen Friedensgottes.

Kassenschlager.

„Paulus“ machte Mendelssohn mit einem Schlag zum Star. Schon im ersten Jahr wurde das Werk von fast 50 Chören einstudiert, in ganz Europa, aber auch in den USA fanden zahllose Aufführungen statt.

Waren bei der Uraufführung 1836 noch 536 Musiker und Sänger (davon allein 90 Tenöre) beteiligt, sorgte die vergleichsweise schlanke Besetzung in der Stiftsbasilika Stams für einen fein ausbalancierten Klang. Der erweiterte Chor der Stiftsmusik Stams – unmissverständlich der Mittelpunkt des Werkes – klang wunderbar differenziert. Sehr stark waren die dramatischen „Stimme des Volkes“-Szenen mit „Steiniget ihn“. Die Sopran-Solistin Christine Buffle berührte mit ihrer „Jerusalem“-Arie tief. Auch der Bass- (Jonathan de la Paz Zaens) und Tenor-Solist (Wolfgang Frisch) konnten überzeugen. Dem großartigen Ensemble des Paluselli Consort unter der Leitung von Fr. Martin Anderl gelang einmal mehr ein großer Abend.

Differenzierter Klang: Fr. Martin Anderl leitete das Ensemble. RS-Foto: Buchner

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