Grüne Grenze im Kinderalltag

Der Zankapfel: Der erste Abschnitt (hinten) trennt Asphalt- von Grünfläche, während der neue Zaun (l.) auch die Spielwiese teilt. RS-Fotos: Matt

Zaun zwischen Imster Sonderschule und Kindergarten Auf Arzill erregt die Gemüter

Bei knapp einem Meter Höhe wären Vergleiche mit jener Mauer, die einst West- und Ostdeutschland voneinander trennte, freilich maßlos überzogen – trotzdem weiß der Maschendrahtzaun zwischen der Allgemeinen Sonderschule in Imst und dem Kindergarten Auf Arzill für Distanz zu sorgen, besonders zwischen den Leiterinnen der beiden pädagogischen Einrichtungen. Sonderschuldirektorin Irene Mantl fühlt sich und ihre Schützlinge ausgeschlossen, während Kindergartenleiterin Sarah Spinel-Auer mit Sicherheitsbedenken argumentiert. Die RUNDSCHAU hörte sich beide Seiten der Geschichte an – ein Bericht zwischen den Fronten.

Von Manuel Matt

Kleine Hände greifen nach dem grünen Maschendraht und ein kleines Mädchen späht neugierig in das andere Lager. Ihre FreundInnen nutzen derweil die Zeit, um die frische Luft und den beginnenden Sommer zu genießen – alles unter der wachsamen wie liebevollen Aufsicht des Lehrerkollegiums unter Irene Mantl, Direktorin der Allgemeinen Sonderschule Imst. Auch sie blickt in Richtung der grünen Grenze, die zwar den offensichtlichsten, aber nicht alleinigen Dorn im Auge der Pädagogin darstellt. Von Anfang an, schon während der Entstehungsphase des Kindergartens, habe „niemand auf uns als Schule, noch auf die Asylwerber Rücksicht genommen“, kritisiert Mantl: „Dabei haben wir durch den Bau ziemlich viel verloren.“ So musste etwa der Schulgarten mit seinen Möglichkeiten zum lebensnahen Lernen einem Gehsteig und Parkplätzen weichen. Abstellflächen für Fahrzeuge seien aber trotzdem rares Gut und auch der momentane Weg im Schulhof zeigt sich mit seinen tiefen Spalten alles andere als rollstuhlgerecht. Daneben sorgten ebenso die Bauarbeiten selbst für so manche Probleme im Schulalltag. „Haben wir alles hingenommen“, erzählt Mantl, auch in der Hoffnung auf eine Begegnungszone zwischen den Einrichtungen. „Als wir im Herbst wieder mit dem Schulbetrieb begonnen haben, war da aber dieser Zaun, den wir nie gewollt haben“, wundert sich die Direktorin.

Allerdings sollte es bei diesem ersten Zaun zwischen Grün- und Asphaltfläche nicht bleiben – seit einigen Wochen ist nun auch das Gras zwischen Kindergarten und Schule durch Maschendraht geteilt. Die Direktorin sieht für dessen Errichtung einen „Vorfall“ vor einigen Wochen als Auslöser: „Meinen Lehrpersonen wurde von zwei Kindergartenpädagoginnen mitgeteilt, dass es nicht erwünscht sei, dass unsere Kinder beim Fenster hineinschauen oder hin- und hergehen“, erinnert sie sich. Das sei zwar durchaus einige Male vorgekommen, sei aber nunmal völlig normal, meint Mantl. Was folgte, war trotzdem ein weiterer Zaun – „schon schräg, in Zeiten der Inklusion und Integration“, so das Urteil der Direktorin.

Die andere Seite.

Kindergartenleiterin Sarah Auer-Spinel kann die Aufregung um den Zaun, der nur wenige Meter von der Glasfassade ihres Büros entfernt steht, nicht ganz nachvollziehen. „Wir haben in Imst fünf Gemeindekindergärten – alle sind eingezäunt und haben weit höhere Zäune“, informiert die Leiterin: „Es hat einfach etwas mit Sicherheit zu tun, immerhin beherbergen wir über 100 Kinder.“ An besagter Zaunseite würden sich zudem vornehmlich Krippenkinder tummeln – „die verstehen keine Staude als Grenze“, argumentiert Auer-Spinel. Zudem sei die Abgrenzung auch wegen der Kindergarten-Philosophie der „offenen Tür“ notwendig. Geplant sei der Zaun aber bereits seit Baubeginn gewesen, die Ausführung habe sich lediglich verzögert. Die Vermutung der Direktorin, neugierige Kinder wären der Stein des Anstoßes gewesen, entspreche „nicht der Wahrheit“, so Auer-Spinel: „Wir haben uns anfangs nie beschwert. Dann standen aber auch Erwachsene tagtäglich an den Fenstern – meine Pädagoginnen haben sich in ihrer Arbeit gestört gefühlt.“ Das Thema sei bei einer Teamsitzung im Frühjahr zur Sprache gekommen, danach habe man im entsprechenden Falle höflich darum gebeten, das Beobachten einzustellen. Mit dem Zaun stehe dies aber nicht in Zusammenhang, unterstreicht die Leiterin.

„Dass ein Zaun kommt – das war von Anfang an klar“, meint auch Stadträtin Martina Frischmann, Obfrau des Bildungsausschusses. Ursprünglich wäre sogar eine Höhe von 180 Zentimetern vorgesehen gewesen, „das war aber für mich kein Thema“, so die Lehrerin an der NMS Oberstadt. Bei einem Meter Höhe wären hingegen Gespräche kein Problem, ohne bei der Sicherheit der Kleinen Abstriche machen zu müssen. Was aber weichen müsse, sei der erste Zaun zwischen Asphalt und Grünfläche, was auch Stadtratskollegin Brigitte Flür bestätigt. Dies passiere sobald wie möglich, so Frischmann. Der jüngere Abschnitt bleibt, soll aber begrünt werden. Der beanstandete Weg im Schulhof wird derweil mit Platten ausgebessert werden. Den Kontakt zwischen den Kindern möchte die Stadträtin mit gemeinsamen Aktivitäten fördern – „vielleicht gemeinsam im Winter Schneemänner bauen“, könnte sich die NMS-Lehrerin vorstellen. Aber für das Pläneschmieden bleibt ja in den Sommerferien noch Zeit.

Sonderschuldirektorin Irene Mantl (2.v.l.) wünscht sich mit Schützlingen und Lehrerkollegium den „Mauerfall“ herbei.
Alles andere als rollstuhlgerecht – Mantl demonstriert das Problem mit dem neuen Weg im Schulhof.
Sieht den Zaun als gerechtfertigt: Kindergartenleiterin Sarah Auer-Spinel.
Stadträtin Martina Frischmann hofft auf ein harmonisches Miteinander.

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