Grüner Ring-Projekt „Türe“

Das Projekt „Türe“ verblüfft die Wanderer, die sich den „Grünen Ring“ in Lech erwandern. Neue Aus- und vielleicht sogar Einblicke werden ermöglicht. Fotos: Kocher

RUNDSCHAU-Gespräch mit dem Wenner Künstler Daniel Nikolaus Kocher

Über Bescheidenheit, Kunst und, speziell, Kunst in den Bergen spricht Daniel Nikolaus Kocher. Der Wenner zeichnet für die künstlerische Leitung des „Grünen Rings“ in Lech seit langem verantwortlich. Dennoch schafft er es, stets neue Perspektiven zu eröffnen, gerade durch das aktuelle Projekt „Türe“, wie er der RUNDSCHAU erzählt.

Von Thomas Parth

RUNDSCHAU: Du bespielst jetzt das 9. Jahr den „Grünen Ring“ in Lech. Ist es für dich als künstlerischer Leiter nicht eine unglaublich anstrengende Aufgabe, gezwungen zu sein, stets etwas Neues, Anspruchsvolles, Interessantes und Beeindruckendes auf die Welt zu bringen?

Daniel Nikolaus Kocher: Das Künstlerische stellt eigentlich selten das Problem dar. Vielmehr sind es das Schaffen von Strukturen, Abläufen und Organisationen oder die behördlichen Hürden sowie die Frage des Grundbesitzers und dessen Zustimmung, die in einem Projekt ermüden lassen. Und dann natürlich noch die Anhäufung von Details, die man anfangs nicht in diesem Ausmaß sieht.

 

RS: Wie schaffst du es, dich bei der Ideenfindung nicht zu verkrampfen und die „richtige“ Idee weiterzuverfolgen und umzusetzen?

Kocher: Die Idee für die Türe entstand schon viel früher. 2013 stellte ich auf einem Teilabschnitt des Grünen Rings für Kinder die erste Tür als Portal auf. Als ich sie, aus ihrem konventionellem Kontext gerissen, in der Landschaft sah, spürte ich, dass diese Idee noch einiges an Potential beinhaltet. So befasste ich mich immer wieder mit diesem Thema und vertiefte es in einem neuen Konzept, bis ich mich schließlich 2016 entschloss, es in Lech der Öffentlichkeit zu präsentieren.

 

RS: Was hat es mit dem Projekt „Türe“ auf sich?

Kocher: Es geht in erster Linie darum, Außenräume spürbar zu machen. Eine Tür hat etwas Magisches, man betritt und verlässt einen Raum immer in ein und demselben Moment, wenn man eine Türe passiert. Man bekommt mit der Türe im Außenraum ein Werkzeug in die Hand, zusätzlich inhaltliche Ebenen darüberzulegen. Die können narrativer, transzendenter oder zum Beispiel historischer Natur sein, dies war den Künstlern frei überlassen.

 

RS: Der Salvesen-Künstler Reinhold Neururer aus Tarrenz hat eine Türe „bespielt“. Wie würdest du seine Arbeit beschreiben?

Kocher: Reinhold beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem WWW und dessen Auswirkungen. Bei seiner Tür geht es um die Transparenz und gleichzeitig Intransparenz im Netz, was mit unseren Daten geschieht. Alles, was einmal im Netz landet, bleibt auch für immer unlöschbar darin.

 

RS: Die Aufstellung der einzelnen Objekte war wohl eine besondere Herausforderung?

Kocher: Es war planbare Arbeit und teils durch die alpine Lage kompliziert in der Abwicklung.

 

RS: Ein unkonventionelles Projekt verlangt nach einer unkonventionellen Vernissage: Wie war die Reaktion der Künstler?

Kocher: Wir verteilten die Plätze der Türen ein wenig nach Kondition der Künstler. So hatte ich diesbezüglich keine Beschwerden zu verzeichnen.

 

RS: Wie gestaltet sich das Feedback der Touristen bzw. der heimischen Bergwanderer?

Kocher: Das Projekt ist soeben erst angelaufen, aber ich glaube, wir haben schon viele Schmunzler einkassieren können. Humor ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil, wenn es um Kunst am Grünen Ring geht.

 

RS: Wie sieht die Kunstwelt den Grünen Ring? Fällt diese Arbeit zwischen zwei dokumenta-Ausstellungen überhaupt international auf? Wird eure Arbeit ernst genommen?

Kocher: Wir haben nicht den Anspruch, uns zu messen, zumal dieses Projekt nicht unter musealen Rahmenbedingungen stattfindet. Kunst ist frei und war noch nie so offen und facettenreich wie heute. Wie der Kunstmarkt mit diesem Thema umgeht? Das fragen wir lieber die Märkte. Ernst nehmen muss man sich in erster Linie selbst.

 

RS: Im Film gefiel mir der Künstler aus Armenien, für den es keine Rolle spielt, ob er sich in den Alpen oder in den Bergen Armeniens bewegt, stattdessen verknüpft er dieses Gefühl mit einem Gefühl der Heimat. Wie ist dein Bezug zur Bergwelt?

Kocher: Hrach Vardanyan ist ein sehr interessanter Künstler, der eine stark ausgeprägte Innensicht pflegt. Ich teile seine Meinung, dass es bei dem Begriff BergHeimat mehr um ein Gefühl, als um einen spezifischen Ort geht. Es hat einen genetischen Grund, warum die einen Menschen am Meer und die anderen in der Stadt leben wollen. Ich bin genetisch gesehn wohl ein Bergler.

 

RS: Nach welchen Kriterien hast du die Künstler ausgesucht und dazu eingeladen, sich am Projekt zu beteiligen?

Kocher: Ich wollte das Projekt mit möglichst vielen Facetten anreichern und nur Künstler und Gestalter einladen, die ich persönlich kenne. Ein Designer geht anders an die Idee heran als eine Schriftstellerin oder ein Maler. Auch dass sie aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen kommen, war uns ein Anliegen.

 

RS: Mich hat deine Aussage nicht überrascht, dass man als Künstler am Berg viel planen muss und dazu gezwungen wird, pragmatisch zu sein. Über diesen Pragmatismus – der ja nicht jedermanns und wohl nicht jedes Künstlers Sache ist – gelangt man, und das hat mich sehr wohl überrascht, zur Bescheidenheit. Kannst du uns diesen Gedankengang bitte näher ausführen?

Kocher: Die Bescheidenheit beruft sich auf das Ausdehnungspotential einer Idee. Man denkt in einfachen und stabilen Materialen und Oberflächen, lässt eine Idee nicht entgleisen, sondern versucht, sie kompakt und überschaubar zu halten. In meinem Atelier bin ich vor dem Wetter geschützt, habe einen Stapler, Strom, Straße und Parkplätze, Liefernaten, Vertreter, Fachgeschäfte und Kranfahrzeuge. Alles Dinge, die man in den Bergen nur bedingt hat. Und ich habe am Grünen Ring immer den gleichen Regisseur, die Natur. – Das macht bescheiden und ich finde es gut so!

 

Daniel Nikolaus Kocher liebt die künstlerische Arbeit am Berg.
Türe von Christian Piffrader (I.) beim Transport.
Türe Hrach Vardanyan (weiß mit Hütte im Hintergrund).