„Ich könnte nie eine Weinkellerei leiten!“

Andrea Stigger füllt Brauereichef Martin Steiner den Bierkrug mit süffigem Zwickelbier, das es in der Filiale in Zirl oder im Brauereishop in Tarrenz zur Abholung gibt. RS-Foto: Parth

Brauereichef Martin Steiner identifiziert sich mit „seinem Starkenberger“

Brauereichef Martin Steiner und die Leiterin des „Bier-Mythos-Starkenberg“, Andrea Stigger, standen der RUNDSCHAU Rede und Antwort, als es im Interview um die wirtschaftliche Zukunft und den philosophischen Hintergrund des Oberländer Kult-Getränkes „Starkenberger“ ging.

Von Thomas Parth

RUNDSCHAU: Wann und wie sind Sie zu Ihrem Engagement im Brauereibusiness gekommen?
Martin Steiner: Nach meinem Studium und kurzer Berufszeit in einer Bank musste ich den elterlichen Betrieb, ein Sägewerk im Wipptal, nach dem Tod meines Vaters übernehmen. Ich habe aber schon bald die Zeichen der Zeit erkannt und im Schnittholz-Handel mit Fokus auf Italien, Deutschland und Österreich kaum eine Zukunft gesehen. – Heutzutage gibt es entweder Einmann- oder Großbetriebe. – Parallel zu meiner Tätigkeit habe ich also begonnen, mich nach beruflichen Alternativen, zunächst im Holzbereich, umzusehen.

RS: Was hat letztlich den Ausschlag für Starkenberger gegeben?
Steiner: Weil ich mich als Biertrinker mit dem Produkt identifiziere. Ich könnte z.B. nie eine Weinkellerei leiten. 2008 bin ich mit der Familie Amann schließlich handelseins geworden.

RS: Was hat sich seither verändert?
Steiner (lacht): Sie spielen auf das „neue“ Etikett an. Ja, wenn ich das gewusst hätte… Ich dachte mir, ein neuer Besen kehrt gut. Am Ende des Tages hat uns der Etikettenwechsel nicht geschadet oder den Flaschen-Umsatz zurückgehen lassen. Aber wäre mir die hohe Bedeutung des gewohnten Etiketts für den Flaschen-Trinker bewusst gewesen, hätte ich‘s vielleicht nicht gemacht. Ansonsten haben wir uns der gleichbleibend hohen Qualität unseres Bieres verschrieben.

RS: Tirol hat mit Zillertalbier eine weitere, starke Biermarke: Konkurrenz oder Kooperation?
Steiner: Wir schauen auf uns. Jetzt und in Zukunft.

RS: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Handel?
Steiner: Der Absatz durch den Handel hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Zuletzt hatten wir eine interessante Kooperation mit der Firma MPreis unter der Marke „Bio vom Berg“. Wir haben von Tiroler Bauern Gerste anbauen lassen und ein ungefiltertes Lagerbier einbrauen lassen, das bei den Kunden so gut ankam, dass es nach kurzer Zeit ausverkauft war. Mittlerweile haben wir die Anbauflächen zwar verdoppelt, aber die Nachfrage scheint ungebrochen. Und vielleicht ist es reizvoll, wenn ein Produkt nicht ganzjährig zu haben ist.

RS: Wie viel macht das Zeltfest-Geschäft im Sommer aus, ist dies überhaupt interessant für Sie? Wie können Sie sich als Kleinbetrieb im Wettbewerb mit den Braukonzernen behaupten?
Steiner: Natürlich sind Zeltfeste für uns interessant, allein schon aufgrund der Kundennähe. Ebenso wie die Gastronomie auf Hütten oder im Tal sowie Handel und Einzelverbraucher: In Summe trägt alles zum Absatz bei. Wichtig ist eine gute Verankerung in den Gastronomie-Betrieben im Tiroler Oberland. Das kann eine langfristige Überlebensstrategie für eine kleine Brauerei sein, um auch in Zukunft gegen Weltkonzerne zu bestehen, denn an oberster Stelle steht die Kundenzufriedenheit.
Andrea Stigger: Und wenn Martin um Mitternacht von einem Kunden angerufen wird, ist die Flexibilität das entscheidende Kriterium der Kundenzufriedenheit.

RS: Was bedeutet das Thema „Regionalität“ für Sie? Wo sehen Sie die Zukunft von Starkenberger?
Steiner: Wir wollen den Kunden die Qualität und Regionalität in Erinnerung rufen. Wir sind ein Betrieb aus der Region, der Arbeitsplätze für Einheimische schafft, z.B. mit der Lebenshilfe zusammenarbeitet und dabei ein Top-Produkt erzeugt. Auch das Schlagwort „Nachhaltigkeit“ darf hier nicht zu kurz kommen. So verwenden wir ausschließlich Mehrwegflaschen – oft gegen den Widerstand, wohlgemerkt, des Handels. Die Biertrinker sehen ein, dass die Mehrfach-Nutzung der Gebinde für die Ökobilanz einer Kleinbrauerei mit kurzen Wegen die beste Lösung ist.
Stigger: Wir schicken dieser Tage zwei unserer Mitarbeiter zur Sommelierausbildung und versuchen auch unserer Kundschaft die hohe Wertigkeit des Biers mitzugeben. Wir verwenden beste Rohstoffe. Das Wasser, das beim Bier 95 Prozent ausmacht, kommt aus den Quellen oberhalb von Tarrenz. Anstatt die herkömmliche Flasche Wein zur Einladung mitzubringen, kommen die Kunden bei uns im Shop vorbei und erstehen eine 2-Liter-Zwickel-Flasche, weil es einfach etwas Besonderes ist.

RS: Thema „Radler“ und/oder „alkoholfrei“ – reicht es aus, „nur“ gutes Bier zu produzieren oder braucht es auch eine „Produktentwicklung“?
Steiner: Dieser Trend geht sicher weiter. Wir haben hier laufend umgestellt und produzieren alle, sowohl den klaren als auch den naturtrüben Radler sowie die Schlossbiere, auf Starkenberg. Allein weil das alkoholfreie Bier sehr aufwändig herzustellen ist – man muss den Alkohol aus dem Bier bekommen – wird dieses nach unserem Rezept in Bayern gebraut. Der Biertrinker trinkt sein Flascherl am liebsten ein Leben lang in immer derselben Qualität. Diesem Wunsch wollen wir stets entsprechen. Allerdings verlangt unsere schnelllebige Zeit nach Innovationen. Wir haben fast jährlich ein neues Produkt in unserer Palette. Wir werden 2018 sauren Radler in Flasche und Fass auf den Markt bringen.

RS: Wie ist es um den „Biermythos Starkenberg“ bestellt?
Stigger: Seit 2005 läuft unser Biermythos auf Starkenberg mit steigenden Besucherzahlen. Hier können wir unser Produkt den Kunden näherbringen, es nicht nur präsentieren, sondern ihnen Wissen über Geschichte, Produktion und Lagerung etc. vermitteln. Der Fokus liegt hier klar auf den Einheimischen, aber auch den Gästen, die in der Region urlauben. Gastronomen schicken die Leute zu uns, damit sie wissen, wie das Bier in ihr Glas kommt. Unsere Partner im Tourismus nehmen einen Ausflug nach Starkenberg in ihr Programm auf. Bei einigen Busreisen aus dem Elsass sind wir fixer Programmpunkt. Darüber hinaus werden unser Shop und der Online-Shop gut frequentiert. Im Marketing setzen wir, neben „klassischer Werbung“ und Merchandising sowie dem Besuch von Messen, auf die Mundpropaganda. Wir sind aber auch z.B. beim Hüttenwirtetreffen mit dabei und selber veranstalten wir mit der Firma Silo Melmer auch heuer wieder auf Schloss Starkenberg unser Familienfest und einen Bockbieranstich wird es ebenfalls wieder geben.

Anlässlich des jährlichen Hüttenwirtetreffens auf Starkenburg hielt der 75-jährige Peter Habeler einen vielbeachteten Vortrag über seine Bergsteigerkarriere: Mag. Martin Steiner/GF Brauerei Starkenberg, Andi Riml von der Muttekopfhütte, Bergsteigerlegende Peter Habeler, Harald Schultes vom Württembergerhaus und Bernhard Venier vom Hohenzollernhaus (v.l.). Foto: privat