Krawatten & Bankomaten

Liebe Freunde obskurer Beobachtungen!

Unsere Amts- und Würdenträger werden zusehends hemdsärmeliger. Die Krawatte taucht nur noch selten auf. Begräbnisse, Ehrenfeiern und ganz hohe Feiertage nötigen uns noch den Schlips ab. Ansonsten sind wir im Beruf und in der Freizeit zumeist angenehm marscherleichtert.

Eine Berufsgruppe freilich hängt noch nahezu militärisch an ihrer Uniform. Die Banker tragen nicht nur Anzug und gebügelte Hemden. Sie schnüren sich nach wie vor feine Seide um den Hals. Solcherart sollten sie wohl jene Seriosität vermitteln, die wir uns von Menschen wünschen, die mit unserem Geld haushalten.

Ich freilich sah diese Burschen jüngst eher zufällig auf einer Werbeseite in einer Zeitung. Persönlich zu Gesicht bekomme ich diese Typen schon lange kaum mehr. Denn: Unsere Geldgeschäfte erledigt meine liebe Gattin im Internet, Kredit habe ich schon länger keinen mehr aufgenommen. Und die wahre Kohle, das Bare, drückt mir meine Angetraute in den nötigen Tages- und Wochenrationen direkt in die Hand. Ich gehöre eben noch zur alten Garde. Ich will das Geld begreifen!

Einige meiner Altersgenossen sind da schon fortschrittlicher. Sie haben eine Bankomatkarte. Und drücken sich ihre Scheine quasi selbst. Per Tipp und Klick aus dem Automaten. Doch auch diese Errungenschaft moderner Technik ist längst vom Aussterben bedroht. Ich sprach zuletzt mit vielen Bürgermeistern. Hemdsärmelig und doch sehr vertrauenswürdig vermeldeten sie Erschreckendes. In vielen Dörfern gibt es heutzutage keine Kohle mehr. Keine Bank, keinen Automaten. Zum Geld holen musst du in den nächsten größeren Ort fahren. Was speziell für ältere Menschen ein echtes Problem darstellt. Als ich jung war, baute die Bank noch mit den Gemeinden wahre Prunkzentren. Das animierte die Jugend zur lockeren Investition. Beim Geldausgeben scherzten wir: „Nix scheißen, zahlt Raiffeisen!“ Heute reimt sich das eher auf „In den Hintern beißen…“.

Meinhard Eiter


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