Nur Befindlichkeiten, keine Erzählung

Schwerverdauliche Kost von Ewald Palmetshofer (4.v.r) im Großen Rathaussaal, großartig inszeniert von Susi Weber (4.v.l). RS-Fotos: Agnes Dorn

„Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft“ feierte in Telfs Premiere

Kein Anfang der Geschichte. Und lauter Punkte, die keine Linie ergeben. Mit dem Stück des renommierten Dramatikers Ewald Palmetshofer, das bis Ende August im Großen Rathaussaal aufgeführt wird, beweisen die Veranstalter Mut bei der Stückeauswahl. Denn „Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft“ ist großes Theater, doch ob Telfs als Aufführungsort groß genug ist, wird das Publikum entscheiden müssen.

Gott ist tot und der Himmel ist eine Maschine, die Zahlen verteilt. Und nur derjenige, der eine Zahl bekommen hat, mit dem kann gerechnet werden im großen Spiel des Lebens. Schlimm, wenn man keine Zahl hat und auf keiner Achse zur Existenz kommt. Dann wird man zum Planeten ohne Schwerkraft, zum reinen gasförmigen Körper, ohne Geschichte und rein aus Befindlichkeit bestehend. Die beiden Geschwister Dani und Mani haben nie Fuß fassen können in ihrem Leben und treiben dahin, ohne dass sich irgendwann eine Erzählung ergeben könnte. Doch dann kommen sie heim zu Omas Geburtstag und treffen beim anschließenden Begräbnis ihres Freundes Hannes ihre alten Bekannten Oli und Bine wieder, die das Leben ganz anders erleben. Wann die daraufhin beginnende Geschichte wirklich begonnen hat, darüber werden sich die Figuren in diesem Drama nicht einig. Vielleicht ja doch, als die Russen damals das Klo zum Gesichtswaschen verwendet haben, wie Oma behauptet.

DER HIMMEL IST EINE MASCHINE. Susi Weber inszeniert mit einem tollen Ensemble ein Stück, das bis zum Schluss nie langweilig wird und das trotz der anfangs undurchsichtigen Geschichte und dem stetigen Wechsel zwischen Rückblick und Gegenwart niemals unverständlich ist. Im Gegenteil: Das Rätsel wird von Minute zu Minute aufgelöst und wäre da nicht dieser ausweglose Morast, in dem die Figuren treiben, könnte man sich fast freuen über diese ausgezeichnete Inszenierung. Doch so bleibt das Entsetzen über die Familie wie ein Stein im Magen liegen. Mani hätte ja viele Antworten, wie jene auf sein eigenes Dasein, das nur in bloßer Gegenwart besteht und dessen Punkte keine mathematische Funktion ergeben, auf keine Vergangenheit zurückgreifen und auf keine Zukunft hinweisen können. „Das ist ja total östlich, dein Im-Augenblicksein“, hört Mani andere sagen. Aber: „Dein anonymer Buddhismus ist die Krankheit und nicht die Heilung“, zieht er Bilanz über sein Leben, das wohl ewig so weiter gehen wird. Seine Schwester Dani hat auch viel über sich selbst nachgedacht, wohl viel zu viel, denkt man als Außenstehender. „Meine Scheiß-Befindlichkeit ist die einzige Politik, die ich noch habe“, sagt sie und dass es ein Luxus sei, sich so um das eigene Wohlergehen kümmern zu können. Aber es ist wohl mehr ein Mangel an sozialem Kontakt, eine Armut an Gemeinschaft, die Dani dazu zwingt, nur um sich selbst zu kreisen.

LACHEN ÜBER DAS GRAUEN. Dass die östliche Philosophie so ein Leben als Ideal sieht, wie Mani glaubt, er selbst dagegen an diesem Nur-im-Augenblick-Sein seelisch erkrankt, ist das Tragische an den Figuren in Palmetshofers Stück. Dass bei der Premiere an einigen Stellen im Publikum gelacht wurde, hängt wohl damit zusammen, dass die Unmittelbarkeit dieser familiären und privaten Höllen, mit der man in diesem Drama im Rathaussaal konfrontiert wird, anders nur schwer zu ertragen ist. Das bisweilen äußerst Vulgäre macht das Stück zumindest stellenweise weniger grauenhaft. Wenn Dani ihre Wut über das eigene Ungenügen herausschimpft, bekommt der Zuschauer zumindest einen Augenblick Gelegenheit zum Durchatmen. Sinikka Schubert als Dani ist leuchtend in ihrer Blassheit und unüberhörbar in ihrer Introvertiertheit. Daneben brilliert auch Johannes Gabl als Mani, der auf sachliche Art ordinär und nihilistisch wird, dass es ein Grausen ist. Klaus Rohrmoser als der hilflos wirkende Alte und Ute Heidorn als Mutter, die über den Muttermord sinniert, sind die zwei anderen im Sumpf des Verderbens treibenden Gestalten. Michaela Schmid und Markus Oberrauch als die einzig „Normalen“ gehen einem schon zu Beginn heillos auf die Nerven, wodurch sich die Frage aufdrängt, ob es denn keinen Ausweg für Palmetshofer aus der Schwerelosigkeit geben kann. Buddhismus fühlt sich jedenfalls ohne die Maschine im Himmel ganz anders an.

Von Agnes Dorn

Mani (Johannes Gabl) liefert seine Analysen über den leeren Himmel ab. RS-Foto: Agnes Dorn

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