ÖGB will Oberland und Außerfern stärken

Der Tiroler ÖGB-Chef Philip Wohlgemuth (2.v.r.) mit dem Regionalvorsitzenden fürs Oberland und Außerfern, Herbert Frank (M.), den beiden Regionalsekretären Roland Graswander/Imst und Landeck (l.) sowie Steffan Feneberg aus Reutte (2.v.l.) mit Pressereferentin Helena Sachers (r). Im Pressegespräch zogen die ÖGB-Spitzen Zwischenbilanz und gaben einen Ausblick auf Kommendes. RS-Fotos: Parth

Tunnel für Straße und Bahn gefordert, aktive Arbeitspolitik eingemahnt, Herausforderungen angenommen

Der neue Tiroler ÖGB-Vorsitzende, Philip Wohlgemuth, ist noch recht „frisch“ in seinem Amt. „Die ersten vier Wochen waren durchaus politisch turbulent“, gibt Wohlgemuth unumwunden zu. Das Spektrum, in welchem der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) aktiv mitmischt, ist auch kein geringes. „Wir wollen die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Wir fordern von der Politik eine aktive Arbeitsmarktpolitik ein. So fehlen uns in den kommenden Jahren etwa 1000 Mitarbeiter im Bereich der Pflege“, weiß Wohlgemuth. Im Pressegespräch zieht Wohlgemuth eine erste Zwischenbilanz und hebt dabei das Thema „Verkehr und Mobilität“ besonders hervor.

Von Thomas Parth

Der ÖGB-Chef möchte den Branchenmix erweitern und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, um Tirol vom österreichischen Kaufkraft-Schlusslicht wegzubekommen. Jüngst hätten die Sozialpartner einen kollektivvertraglichen Mindestlohn von 1.500 Euro durchgesetzt. „Unser Ziel müssen die 1.700 Euro sein“, stellt der Gewerkschafter klar, da mit steigenden Löhnen auch die Kaufkraft steige.

Frauen und 50+.

Wohlgemuth, übrigens seit 2013 Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft „vida“, spricht das „Teilzeitproblem“ an. Von den 100 000 Teilzeitbeschäftigten seien 85 Prozent Frauen, welche von Armut bzw. Altersarmut betroffen sind. „Ihnen müssen Vollzeitstellen angeboten werden oder zumindest die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf erleichtert werden. Es gilt das Betreuungsangebot sowie die Betreuungszeiten auszubauen“, pocht der ÖGBler auf Ausgeglichenheit. Im Zuge der Bildungsreform müsse auch die klassische Lehre wieder höhere Bedeutung erhalten und damit einhergehend auch mehr Ansehen und Anerkennung. „Künftig haben wir einen starken Anstieg von Arbeitnehmern der Altersklasse 50+“, weiß Wohlgemuth zu berichten und er folgert: „Die Themen Arbeitsfähigkeit bzw. Arbeitsgesundheit werden stärker in den Fokus geraten. Ich werde mich für eine Burnout-Präventionsstelle einsetzen.“

Verkehr und Mobilität.

„In Gemeinden mit bis zu 20000 Einwohnern beträgt das Pendlervolumen 54 Prozent. In kleineren Gemeinden unter 500 Einwohnern liegt die Pendlerquote, die auswärts zur Arbeit müssen, bereits bei 74 Prozent“, informiert Wohlgemuth. „Von den unteren Einkommen können sich 40 Prozent der Haushalte kein Auto leisten. Und sich kein Auto leisten zu können, ist eine weitere Hürde im Arbeitsleben. Wiederum trifft es hier die Frauen besonders hart. Tirol darf im öffentlichen Verkehr eine Vorreiterrolle einnehmen“, wünscht sich der Tiroler ÖGB-Chef. Der ÖGB sei jedoch nicht für ein „Autofahrer-bashing“ zu haben, sondern will durch positive Anreize den öffentlichen Verkehr weiter attraktivieren.

Park&Ride.

Herbert Frank sieht „bei uns im Oberland“ ein Problem der Park&Ride-Anlagen, welche zu klein dimensioniert seien. „Sowohl am Bahnhof Imst-Pitztal als auch in Landeck fehlen adäquate Busverbindungen, speziell in die Täler. Wenn ich um 21 Uhr in Imst-Pitztal ankomme, fehlt mir die Bus-Anbindung in die Stadt“, stellt Frank fest. Er folgert: „Das 490-Euro-Jahresticket, mit dem man den öffentlichen Verkehr nutzen kann, war der erste richtige Schritt. Beim nötigen zweiten Schritt hinken wir aber hinterher. Es ist eine Evaluierung der aktuellen P&R-Anlagen nötig und eine Machbarkeitsstudie, um die Täler – auch abseits der Wintersaison – besser an die Bahn durch Öffis anzubinden.“

Zweigleisiger Bahntunnel.

Für Frank bleibt ein Scheiteltunnel am Fernpass „illusorisch“ und nicht zielführend, wenn nicht gleichzeitig der Tschirganttunnel kommt: „Kommt der Tschirganttunnel nicht, machen wir durch den Scheiteltunnel nur die Strecke über den Fernpass um 15 Minuten attraktiver und haben damit noch mehr Verkehr im Gurgltal und am Holzleiten.“ Und was die Öffi-Anbindung des Außerferns mit dem Inntal anbelangt, so freue sich der ÖGB über den von der Tiroler SPÖ eingebrachten Mehrparteienantrag, eine Bahntrasse prüfen zu lassen. „Ein zweigleisiger Bahntunnel mit einer Schnellbahnanbindung Reutte-Innsbruck unter 45 Minuten würde die Pendler sicher entlasten. Heute fährt man mit dem Zug nach Garmisch und ist nach zweimaligem Umsteigen in rund zweieinhalb Stunden in der Landeshauptstadt“, schildert Frank.

Fachkräftepool erschließen.

Ein leichter Geruch von Wahlkampf scheint in der Luft zu liegen, wenn im ÖGB-Handout zu lesen ist, wie die Anbindung des Bezirkes Reutte an die Landeshauptstadt finanziert werden könnte. „Um das Projekt zu finanzieren, könnte die B179, die als Transitstrecke bekannt ist, in die Vignettenpflicht eingebunden werden“, und weiter: „Dem Beispiel Deutschlands folgend sollten Einheimische davon entbunden werden.“ Diesen, wenn schon nicht wahlkämpferischen, dann zumindest kreativen, Ansatz will der ÖGB zumindest als ernst gemeinten Denkanstoß verstanden wissen. „Ich sehe die Gefahr, dass sich große Unternehmen wie Plansee, verstärkt um Facharbeiter aus dem süddeutschen Raum bemühen, wenn wir nicht den Fachkräftepool in Innsbruck erschließen“, resümiert Herbert Frank aus Zams.