"Schuld sind nicht die Opfer!"
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Am 8. März wird weltweit der Internationale Frauentag begangen. Ins Leben gerufen wurde dieser Tag vermutlich durch den Streik der Arbeiter- und Soldatenfrauen und erstmals auch der Bauernfrauen der armen Stadtviertel in Sankt Petersburg am 8. März 1917, die damit die Februarrevolution auslösten. Weiterhin ist es notwendig, für die Gleichberechtigung der Frau einzutreten. Eine Frau, die das macht, ist Renate Moser-Abler aus Landeck, seit Jahren wohnhaft in Roppen. Sie ist Teil der Straßentheatergruppe Ein-Aus, die am 8. März zum Solidaritätsmarsch aufruft. Von Maria Stecher

RUNDSCHAU: Seit fünf Jahren lädt die Theatergruppe Ein-Aus am Internationalen Frauentag zu einem Demonstrationszug durch die Landecker Innenstadt. Was war der Anlass dafür, sich erneut für einen lautstarken Marsch durch Landeck zu entscheiden?
Renate Moser-Abler: Prinzipiell natürlich die tägliche, von vielen immer noch bagatellisierte oder gar ignorierte Gewalt an Mädchen und Frauen in unserem unmittelbaren Umfeld und in der eigenen Familie. Die "gesunde Watsch’n" trifft Kinder, Jugendliche und Frauen gleichermaßen! Zu demonstrieren, um herrschende Ausbeutung und Unterdrückung anzuprangern, ist eines der elementaren Rechte in einer Demokratie für diejenige Gesellschaftsschichten in der Bevölkerung, die sich keine millionenschweren Werbekampagnen in den Medien leisten können, um Gehör zu finden. Unsere sozialen Errungenschaften, die soeben Stück für Stück abgebaut werden, stammen aus dieser frühen "Demonstrationskultur". Die "Mächtigen" und Politiker täten sich mit dem Sozialabbau schwerer, wenn wir öfter und vereint bei Demonstrationen gegen Ungerechtigkeit jeder Art auf die Straßen gingen! Ich sag immer: "Überlassen wir das Denken nicht denen, die dafür bezahlt werden! Setzen wir ein lautstarkes Zeichen dagegen!"
RS-Foto: Stecher
RS-Foto: Stecher


RUNDSCHAU: Der geschlechterspezifische Lohnunterschied zwischen Frau und Mann wird in Fachkreisen als "Gender Pay Gap" bezeichnet und betrug in Tirol im Jahr 2009 26 Prozent. Glauben Sie, dass Frauen zum Teil selbst schuld an dieser Situation sind?
Renate Moser-Abler: Nein, das kann ich niemals glauben! In der hierarchischen Struktur unseres männerdominierten Gesellschaftssystems rangieren Frauen eben an hinterster Stelle und sind dementsprechend schlecht entlohnt! Das ist aber keinesfalls die "Schuld" der betroffenen Frauen selbst, sondern jene des Wirkens von jahrtausendelangem Patriarchat. Das beginnt schon im Kindesalter und wird dann beispielsweise auch in der Werbung und in allen wesentlichen Teilen des öffentlichen Lebens in unsere Köpfe gebrannt! Schuld sind nicht die Opfer!

RUNDSCHAU: Gewalt scheint "Männersache" zu sein. So wurden beispielsweise im Jahr 2007 in Tirol
293 Wegweisungen (siebentägiges Rückkehrverbot) an Männer erteilt. Welche Ursachen sehen Sie dafür?
Renate Moser-Abler: "Männersache" (lacht!) ...schwenken wir kurz weg von reinen Frauenrechtsbelangen, so muss ich leider sagen "Gewalt ist Menschensache!" – ich sage das bewusst provokant in Bezug auf die unsägliche Grausamkeit, die die meisten Menschen an ihren nichtmenschlichen Lebewesen, den Tieren begehen und diese bis zum Tod ausbeuten. Gewalt ist zur Aufrechterhaltung der hierarchischen Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft offensichtlich unbedingt nötig! Sonst gäbe es ja weise Entscheidungen zugunsten des Gemeinwohls auch gegen Konsum- und Profitinteressen! Ob Gewalt daher Männersache ist?
In Bezug auf Gewalt unter Menschen stimmt das sicher, denn die Machtverhältnisse sind in Männerhand und so ist die Gewalt Män-
nersache! Gäbe es keine Machtverhältnisse, wäre der Begriff Gewalt ein Fremdwort.

RUNDSCHAU: Politik ist ein eigenes Kapitel! In Tirol gibt es 279 Gemeinden, nur zwei werden von Bürgermeisterinnen gemanagt! Warum ergreifen so wenig Tirolerinnen die politische Initiative?
Renate Moser-Abler: Ich denke, Politik, besonders Gesellschaftspolitik, wird nicht nur im Gemeinderat und im Parlament gemacht, sondern in der Köpfen der Menschen und auch auf der Straße mit Flugzetteln, Demonstrationen usw. Bei manchen Reden von so genannten "Berufspolitikern" hab ich oft das Gefühl, dass ihr Denken oft in die Richtung geht: Warum sollten in unserer patriarchalen Männergesellschaft plötzlich "Tirolerinnen" Bürgermeisterinnen sein? Wäre doch absurd! Besser hinter den Herd mit ihnen und zur Aufzucht von Nachwuchs!

RUNDSCHAU: Welches Verbesserungspotenzial sehen Sie speziell für die Bezirke Landeck und Imst?
Renate Moser-Abler: Solange es Männer und sogar Frauen als Wirtschaftstreibende bei uns gibt, die mit sexistisch und spärlich bekleideten Frauen – die über ganze LKWs angebracht sind – in ihrer Werbung arbeiten, ist es noch ein weiter Weg zur Gleichstellung bzw. Gleichberechtigung der Frau. Da sehe ich momentan allein visionäre Ziele: Etwa ein Ausbildungszentrum für Frauen in Landeck und Imst, tirolweit und sogar österreichweit einzigartig, weil von Frauen autonom organisiert und verwaltet, ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten, Wünschen entsprechend, frei von konsumorientierten Forderungen, innovativ und beispielgebend für die ganze Europäische Union! Leider fördern Systeme wie unser Kapitalismus ja bekanntlich weder Solidarität noch Menschlichkeit.