„Sag Nein“

Der Künstler in der Selbstinszenierung als Künstler: Peppi Spiss. RS-Foto: Buchner

Letztes Kunststraßen-Wochenende in Imst – ein Rundgang

Am dritten Kunstwochenende zeigte die 17. Kunststraße Imst noch einmal eindrucksvoll, was eine regionenübergreifende künstlerische Plattform in einer Gemeinde bewegen kann. Das Jahresthema „Selbstdarstellung und andere Inszenierungsstrategien“ lenkt auch den Blick des Betrachters.

Von Lia Buchner

Brüllend laut schallt Konstantin Weckers „Sag Nein“ aus dem Kunstkonsum. Einige Künstler nicken sich verstehend zu. Hier in der Zentrale der Kunststraße ist man um 9 Uhr morgens noch unter sich. Die weitläufige Geschäftsfläche des ehemaligen DM mischt bewusst niederschwellig Alltags-Design, Kunsthandwerk und hochkarätige Kunst. „Die Menschen sollen sich hereintrauen“, sagt Florentine Prantl, Organisatorin der Kunststraße und bringt Kaffee.

Im Gebirge.

Sofort ins Auge springen die großformatigen Kompositionen von Brigitte Neururer mit ihren vielschichtig gearbeiteten Frauengestalten. Handgebaute Lautsprecher von höchster Qualität finden sich ebenso wie Filzarbeiten oder pure Denkanstöße. Sehr beeindruckend sind die Arbeiten von Jessie Pitt. In ganz Imst finden sich diese fast monochromen, wolkenumwehten Gipfelmotive, die seit vielen Jahren ihr Thema sind. Mit Licht und Schatten fängt die gebürtige Australierin den Moment ein, in dem die Seele der Berge sichtbar wird. Ihre Mischtechnik und die haptische Qualität der unaufgespannten, wie Papier verwendeten Leinwand gibt den Bergen die dritte Dimension zurück.

Verwurzelt.

Ein Rundgang durch die Galerien, Geschäfte und Lokale der Kunststraße zeigt auf den ersten Blick Vielfalt: in der Herangehensweise, in der Technik, in den ästhetischen Vorstellungen. Auf den zweiten Blick erschließt sich dann das Gemeinsame. Die theoretischen Überlegungen, die sich am Jahresthema Selbstdarstellung und vor allem an Imst abarbeiten, sind durchgängig faszinierend.

Pressefotograf Thomas Böhm setzt sich beispielsweise mit dem Heimatgedicht „Mei Imscht“ von Jakob Kopp auseinander. Generationen von Imster Volksschülern haben es auswendig gelernt. Seine Installation „humble landmarks“ im Museum im Ballhaus unterlegt großformatige Fotos von Imster Detailansichten mit dem in Endlosschleife gelesenen Text. Gerade im Kontrast zwischen heimat-seeliger Selbstdarstellung und abgebildetem Ist-Zustand liegt viel Reiz. Eine kritische Umdeutung des Gedichts von Claudia Sager ermöglicht Vergleiche.

Der rapide Wandel des Selbstverständnisses von Imst interessiert auch Helga Eiter. Sie verarbeitet historische Arbeitsbedingungen und Erzählungen von Imster Zeitzeugen. Sätze wie: „…der tägliche Weg zu Fuß zur Arbeit war sehr weit“ inspirieren sie zu Kollagen, die sie wieder und wieder übermalt. Diese „Gene unserer Vorfahren“ werden von Schicht zu Schicht weitergegeben, verwandelt und bleiben doch sichtbar.

Starke Frauen.

Einen anderen, sehr spannenden Zugang zum Wandel, zum Vergehen, zeigen die enorm kraftvollen Arbeiten von Sabine Auer. Aus der elterlichen Pension ausgemusterte Bettlaken dienen ihr als Untergrund für ihre starken Frauengestalten. Das Leben, Lieben, Leiden zahlloser Körper ist wie kondensiert in diesen Stoffen erhalten. Ihre Akte wirken wie Abdrücke, wie Sinnbilder weiblicher Seinszustände, lebendig im Wissen um die eigene Vergänglichkeit.

Momentaufnahmen.

Performativ geht Peppi Spiss mit dem Thema Selbstinszenierung um. Im Kunstraum ehemals Jaksch bearbeitet er live mit großem, kräftigem Strich eine aus vielen kleinen Leinwänden montierte Fläche. Die so entstehenden Bilder löst er dann als Detail eines größeren Ganzen heraus: Momentaufnahmen eines Prozesses. Diese Arbeiten haben einen ganz speziellen Reiz, da sie anders nicht herstellbar wären; der Akt ihres Entstehens bleibt ihnen eingeschrieben.

Bei Peppi Spiss brüllt übrigens Pink Floyd.

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.