„Wie ein Adelsprädikat für St. Anton“

Einige Ski Bums im Jahr 1994 auf der Hütte von Andreas Fahrner auf dem Kapall. Foto: Andreas Fahrner

Der Tradition der „Ski Bums“ auf der Spur

 

Sie sind in der Regel jung, sportlich, feierfreudig und stammen vorwiegend aus dem englischsprachigen Raum oder Skandinavien: „Ski Bums“, die erstmals in den 50er-Jahren in die Arlbergmetropole zum Arbeiten gekommen sind und seither bezirksweit einzigartig sind – über 700 aus Großbritannien, Schweden, den USA, Australien oder Kanada sind es aktuell allein in St. Anton. Einige sind hier auch hängengeblieben.

 

Von Elisabeth Zangerl

 

Ski Bums sind Kult in St. Anton – Ski-Bum-Partys waren legendär, auch eigene T-Shirts mit den Namen und amüsanten Spitznamen wurden nach jeder Saison angefertigt. -Kramt man in alten Fotoalben, findet man sehr oft Assoziationen an diese besondere Spezies Saisonarbeiter – etwa bei der Lawinenkatastrophe in St. Anton 1988, nach der die Ski Bums kurzerhand ein Benefizkonzert zugunsten der Opfer gaben. Während dieser Wintersaison sind 1535 Angestellte in der Gemeinde St. Anton gemeldet, rund die Hälfte davon sind Ski Bums, einige davon Chaletmitarbeiter. Diese kommen vorwiegend aus Großbritannien (550 Briten), auch andere Nationen sind vertreten: 158 Schweden, 14 US-Amerikaner, elf Australier (etliche der 550 Briten sind jedoch Australier mit britischem Reisepass) und drei Kanadier. Es sind also über 700 junge Menschen, die stolz zu dieser Spezies gehören, weitere knapp 40 meldet die Gemeinde Pettneu. Dabei ist der englische Begriff „Bum“ eigentlich negativ behaftet, so steht er wörtlich übersetzt für „Gammler“, „Rumtreiber“ oder „Schnorrer“. „Es ist Multi-Kulti oder der Charme des Internationalen“, beschreibt TVB-Direktor Martin Ebster diese Kultur, „man muss sagen, Ski Bums sind nur dort, wo es super Skigebiete gibt – diese sind in der Regel sehr sportlich. Es ist wie ein Adelsprädikat für St. Anton.“ Diese Behauptung teilt ein ehemaliger weiblicher Ski Bum, der vor ca. 25 Jahren erstmals nach St. Anton zum Arbeiten gekommen ist – und schon seit zwei Jahrzehnten hier seinen Hauptwohnsitz hat: „Hauptmotivation dafür, an den Arlberg zu kommen, dürfte für die meisten das Skifahren sein.“

 

„SÜDAFRIKANER MIT ST. ANTONER DIALEKT“. Die ers-ten Ski Bums kamen in den 50er-Jahren nach St. Anton zum Arbeiten, weiß Hotelier Andreas Fahrner: „Einer der ersten Ski Bums war der Amerikaner Brud Volger, er kommt noch immer regelmäßig nach St. Anton. Er war ca. 1954 hier.“ Fahrner erinnert sich auch: „Eddie war der erste Südafrikaner mit St. Antoner Dialekt – er war beispielsweise in den 60er- oder 70er-Jahren hier.“ Der Ausbildungsreferent für touris-tische Berufe der Wirtschaftskammer hat in seinem Hotel Fahrner im Laufe der Jahre auch etliche Ski Bums beschäftigt: „In den 60er-Jahren sind über das Krazy Kanguruh, das von einem gewissen Douglas eröffnet wurde, viele Australier nach St. Anton gekommen, später haben die Schweden die Australier abgelöst, in weiterer Folge sind viele Engländer gekommen.“ Die Ski Bums, die heute kommen, seien anders als die früher – vor 20 Jahren seien sie wirklich zum Arbeiten gekommen, heute stehe die Party oftmals im Vordergrund. Und noch ein weiterer Aspekt ist sehr wichtig: Ski Bums sind in der Regel junge Leute mit meist geringem Budget, die einige Jahre ihres Lebens dem Skifahren oder Snowboarden widmen – finanziert durch Nebenjobs in Restaurants, Bars oder Sportgeschäften. Für die meisten Ski Bums ist ein Job genau dann ein guter, wenn er möglichst wenig Zeit vom Skitag frisst, sprich: der Arbeitstag nach dem Skifahren startet. Andreas Fahrner erinnert sich diesbezüglich auch an tragische Ereignisse: „Ski Bums sind meist abseits der Pisten unterwegs, viele haben in den vergangenen Jahrzehnten ihr Leben hier verloren.“

 

„WÄHREND DES WINTERS IM ZELT GEWOHNT“. „Vor vielen Jahren waren einmal Ski Bums in St. Anton, die während des gesamten Winters in Zelten im Bereich der Planie gewohnt haben“, erinnert sich Fahrner – er glaubt, dass es mittlerweile deutlich weniger geworden sind. TVB-Direktor Martin Ebster sieht’s gleich: „Insgesamt würde ich gefühlt auch sagen, dass es weniger geworden sind.“ Der allerorts viel diskutierte Arbeitskräftemangel, besonders in der Gastronomie, kann mit Ski Bums wohl kompensiert werden: „Es wäre schwierig für Jobs wie Tellerwäscher oder ähnliches Personal zu bekommen – würden die Ski Bums wegfallen, wäre diese Jobproblem nicht so schnell zu lösen“, ist auch Ebster überzeugt. „Diese Arbeitskräfte werden dringend gebraucht“, diese Erfahrung hat auch die ehemalige Ski-Bum-Lady gemacht, die St. Anton und das gesamte Stanzertal längst als ihre „Heimat“ bezeichnet.

 

VOM SKI-BUM ZUM INVESTOR, TOURIST ODER ZUR SKI-MUM. Viele der Ski Bums der 70er-, 80er- oder 90er-Jahre kehren nach St. Anton zurück, wie auch TVB-Direktor Martin Ebster immer wieder feststellt: „Viele haben mittlerweile Familien gegründet und einige, die damals Müll gesammelt haben, haben anschließend studiert und kommen als Touristen oder Investoren nach St. Anton zurück … Auch kenne ich ehemalige Ski Bums, die nun Hotelbesitzer oder Universitätsprofessoren sind.“ So sieht’s auch Andreas Fahrner: „Heuer waren an die 20 Familien in unserem Hotel, von denen mindestens ein Familienmitglied als Ski Bum in St. Anton war.“ Unsere Ski-Bum-Dame sieht das genauso: „Auch ich kenne ehemalige Ski Bums, die mittlerweile gut bezahlte Jobs haben und regelmäßig als Touristen zum Arlberg kommen.“ Sie selbst pflegt Kontakte zu zahlreichen anderen ehemaligen Ski Bums aus der ganzen Welt, die mittlerweile im Stanzertal sesshaft geworden sind: „Es sind sehr viele, die hier hängen geblieben sind – ich würde schätzen an die 100.“ Abschließend schmunzelt sie: „Ich wurde vom Ski Bum zur Ski Mum.“

Viele Ski Bums kehren als Touristen nach St. Anton zurück, wie diese Schweden, die gleich im Hotel von Andreas Fahrner die Schweden-Fahne aufhängten. Aufgenommen wurde dieses Bild während der Fußball-Europameisterschaft 2008. Foto: Andreas Fahrner
Brud Volger aus den USA ist einer der ersten, wenn nicht sogar der erste Ski Bum, der Anfang der 50er-Jahre nach St. Anton kam. Foto: Andreas Fahrner
TVB-Direktor Martin Ebster: „Es wäre schwierig für Jobs wie Tellerwäscher oder ähnliches Personal zu bekommen – würden die Ski Bums wegfallen, wäre dieses Jobproblem nicht so schnell zu lösen.“ RS-Foto: Zangerl
Andreas Fahrner: „Vor vielen Jahren waren einmal Ski Bums in St. Anton, die während des gesamten Winters in Zelten im Bereich der Planie gewohnt haben.“ RS-Foto: Zangerl

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