1634 wurden rund 200 Telfer Opfer der Pest

Eine erste archäologische Prospektion rund ums Moritzenkirchlein, die die Ausgrabung vorbereiten soll und bei der auch Metallsuchgeräte zum Einsatz kamen, hat bereits stattgefunden. Im Hintergrung sind Heimatbund-Obmann HR Mag. Hans Sterzinger und Pestzeitspezialist Dr. Hans Gapp zu sehen. Fotos: Dietrich/Gapp

Grabungen am Pestfriedhof im Oktober sollen Aufschluss über die große Katastrophe bringen

Im Jahr 1634 traf Telfs die größte Katastrophe seiner Geschichte: Eine Pestepidemie tötete innerhalb weniger Wochen etwa 200 der rund 1.000 Einwohner. Viele Seuchenopfer wurden außerhalb des Ortes bei der Moritzen-Kirche begraben. Jetzt interessieren sich Archäologen für den Telfer Pestfriedhof. Im Herbst soll eine Ausgrabung stattfinden. Vielleicht kann dabei sogar der einstige Krankheitserreger identifiziert werden.

Über das „große Sterben“ in Telfs berichten die Quellen Dramatisches. Es herrschte Weltuntergangsstimmung. Wir erfahren etwa, dass sich nacheinander vier Totengräber ansteckten und starben. Später weigerte sich sogar der Pfarrer aus Todesangst, den Sterbenden geistlichen Beistand zu leisten. Der Telfer Volkskundler Dr. Hans Gapp hat zahlreiche Quellen über die Pestzeit gesammelt. Er kann auch auf eine Urkunde aus dem Telfer Pfarrarchiv verweisen, die bestätigt, dass der vorerst improvisiert angelegte Friedhof bei Moritzen im Jahr 1656 vom Brixener Bischof geweiht wurde.

TRAGÖDIE ERFORSCHEN.  Nun soll die Tragödie, an die in Telfs noch heute die jährliche Sebastiani-Prozession erinnert, archäologisch erforscht werden. Eine erste Untersuchung beim Moritzen-Kirchlein hat bereits stattgefunden. Im Herbst wird eine Sondierungsgrabung des Archäologie-Instituts der Universität Innsbruck folgen. Die Ausgrabung wird vom Heimatbund Hörtenberg mitfinanziert. Das Spannende dabei: Am Projekt sind nicht nur Archäologen, sondern auch Molekularbiologen und Mediziner beteiligt. Projektleiter Prof. Harald Stadler: „Es ist durchaus möglich, dass wir noch den Krankheitserreger identifizieren können. Das ist besonders interessant, weil nicht klar ist, ob die Seuche, die damals in Tirol wütete, tatsächlich die klassische Pest war oder eine andere hochansteckende Krankheit, die vereinfachend als „Pest“ bezeichnet wurde. In Frage kommen z. B. Fleckfieber oder Typhus. Denkbar sind auch weitergehende Laboruntersuchungen wie DNA-Analysen, die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Toten von St. Moritzen und heutigen Telfern aufzeigen könnten.“

SONDIERUNGSGRABUNGEN IM OKTOBER. Die Sondierungsgrabung ist für Oktober bereits fixiert. Wenn alles klappt, wird der Friedhof bei Moritzen aber auch Teil eines überregionalen Forschungsvorhabens sein. Geplant und bei den Förderungsstellen eingereicht ist ein großangelegtes Interreg-Projekt zur Erforschung der Pestzeit von 1634/35 in Tirol, Südtirol und dem Trentino. Dann sollen in Telfs sowie in Brixen, Naturns und Trient weitere Ausgrabungen stattfinden. Damit hoffen die Forscher, ein überregionales Bild von der dunklen Epoche zu gewinnen, als das „große Sterben“ in Tirol wütete.

SPENDEN. Der Heimatbund Hörtenberg ist für jede finanzielle Unterstützung dankbar. Die Nummer des Spendenkontos der Archäologie-Sektion im Heimatbund lautet: AT91 3633 6000 0049 2223.

Von Stefan Dietrich

Eine Darstellung des Moritzenkirchleins aus dem Jahr 1753. Die Gräber sind bereits wieder aufgelassen, jedoch ist das alte Pestkreuz deutlich neben dem Gotteshaus zu erkennen. Fotos: Dietrich/Gapp
Das Moritzen-Kirchlein heute. Fotos: Dietrich/Gapp
Die Urkunde aus dem Telfer Pfarrarchiv, die die Friedhofsweihe im Jahr 1656 belegt. Der handschriftliche lateinische Zusatz des Brixener Weihbischofs Jesse Perchofer am Rand links lautet übersetzt: „Wir haben dort auch einen Friedhof gesegnet.“ Fotos: Dietrich/Gapp

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.