1938 – das Anschlussjahr im Bezirk Reutte

Univ. Doz. Dr. Horst Schreiber stellte das neu erschienene Buch vor. RS-Fotos: Claus

Univ. Prof. Dr. Horst Schreiber und Dr. Richard Lipp beleuchten die Situation

Wie war das 1938, als die Nationalsozialisten vor 80 Jahren die Macht in Österreich übernommen hatten? Was spielte sicåçh in den Bezirken Tirols und besoåçnders im Bezirk Reutte ab – und was machte die Situation mit der Bevölkerung?

Von Uwe Claus

Der Reuttener Historiker Dr. Richard Lipp stellte zum wiederholten Mal seine Kompetenz auch auf dem Gebiet der NSDAP-Vergangenheit unter Beweis.
RS-Fotos: Claus

Dies versuchten – im Rahmen einer Buchpräsentation zum Thema – Univ. Doz. Dr. Horst Schreiber für Gesamttirol und der ausgewiesene Kenner örtlicher Historie, Dr. Richard Lipp, in der Bücherei Reutte zu beleuchten. Dr. Lipp ist auch einer der Experten, der in diesem Buch für den Bezirk Reutte seine Darstellung und Einschätzungen zur damaligen Zeit wiedergibt.
Horst Schreiber ist Historiker und Lehrer für Geschichte und Französisch am Abendgymnasium Innsbruck für Berufstätige. Ferner ist er Dozent am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, Vorstandsmitglied der „Michael-Gaismair-Gesellschaft” sowie Leiter des dezentralen Netzwerkes Tirol des Projekts des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) „Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart.” Das Buch „1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols“, das in diesem Abend vorgestellt wurde, enthält zwölf Beiträge, die den Aufstieg der NSDAP, NS-Terror und deutschnationale Traditionen analysieren. Ausgrenzung und Gewalt, aber auch sozialpolitische und alltagskulturelle Angebote waren für die Mehrheit der Tiroler Bevölkerung attraktiv. War Adolf Hitler 1923 bei einem Auftritt in Innsbruck noch nicht für voll genommen worden, so war in den späten dreißiger Jahren die grassierende Arbeitslosigkeit der Ansatzpunkt für seine Aktionen. Besonders die Jugend, da sie unerfahren war, wurde zum Klientel für den Machtaufbau. Dazu bekamen illegale Nazis Aufwind, es entstand eine eigene Dynamik und die Übernahme der Nationalsozialisten wurde ein „Freudenfest”. Der Kirche wurde „das Wasser abgegraben” und die Bevölkerung mithilfe der „geraubten” Devisen mit „Wohltaten” beglückt.
Politische Gegner wurden verhaftet, beschimpft, geschlagen. Bei nächtlichen Überfällen wurden „ihre Feinde” im offenen Lkw nach Innsbruck gebracht, damit Parteigenossen und Schaulustige Gelegenheit hatten, sie zu verspotten. In Imst z.B. jagten Parteimitglieder Staatsbeamte durch die Stadt, wo sie der Pöbel, dem sie ausgeliefert waren, bespuckte, verhöhnte und sie mit Tritten und Schlägen malträtierte. Historiker Dr. Lipp zeigte am Beispiel von Reuttes Kreisleiter Karl Schretter auf, dass gemäßigtere NSDAP-Kräfte den Kürzeren zogen und bis hinauf zum Kreisleiter mit aller Härte verfolgt wurden, wenn sie von der politischen Richtlinie des Gauleiters Franz Hofer abwichen. „Ingenieur Karl Schretter stand auf der falschen Seite des Lebens und hatte dafür die Folgen zu tragen”, so Dr. Lipp. Er veranschaulichte auch die Herrschaftspraxis anhand des Schicksals jüdischer Familien im Metallwerk Plansee, die, wie in anderen Bezirken auch, aufgrund der „Arisierung” verfolgt wurden. Mit zeitgenössischen Bildern und Zeitungsausschnitten unterstrich er die vorangetriebene Gleichschaltung mit dem Deutschen Reich und schilderte einige Schicksale von Menschen im Bezirk Reutte, die in die Mühle des Nationalsozialismus geraten waren – wie Dr. Hermann Stern und Primar Dr. Leo Stecher – oder Pfarrer Siegfried Würle aus Namlos, der für sein „ungebührliches” Verhalten auf der Kanzel 60 Monate im KZ Dachau verbringen musste.

Man hat etwas gelernt.

In der Nachbetrachtung wurde betont, dass nicht jeder Nazi ein Verbrecher war. Die eingesetzten Bürgermeister und Kreisleiter versuchten in erster Linie, ihr Augenmerk auf den Ort zu konzentrieren. Es waren Handlungsspielräume da und wurden oftmals auch genutzt. Auf die aktuelle Frage, ob man aus der NS-Vergangenheit etwas gelernt habe, antwortete Dr. Lipp: „Meiner Meinung nach ja, sonst hätten wir nicht seit 1945 Frieden im Land.” Dr. Schreiber mahnte Zivilcourage an und, obwohl aktuelle Parallelen zu damals erkennbar sind – Lösungswege müssten so schnell wie möglich gefunden werden, um eine Verstärkung zu verhindern.

Information.

Das Buch ist im Studienverlag erschienen. Unter dem Buchtitel „1938 – der Anschluss in den Bezirken Tirols” ist im Netz auch eine mehrseitige Leseprobe abrufbar.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.