22 Mann und ein Ball

Liebe Freunde des runden Leders!

Nur noch ein paar Tage schlafen. Dann haben wir es geschafft. Die ewig lange Durststrecke mündet in die Löschphase. Mit dem kühlen Blonden vor dem TV-Gerät. Fußball schauen. Bis die Augen eckig sind. Weltmeisterschaft in Russland. Bei Siegen vielleicht sogar mit Wodka. Oder Kaviar. Egal. Hauptsache der Ball läuft. Und das Runde fliegt ins Eckige. Ich bin heuer total entspannt. Muss dieses Mal zu niemandem helfen. Österreich ist in prominenter Gesellschaft mit Italien und Holland außen vor. Wir genießen Knödel, Nudeln, Käse und Wein von zuhause aus. Wegen des Biers helfe ich zu Deutschland. Und damit indirekt auch zur Türkei. Denn Özil und Gündogan waren statt bei Merkel bei Erdogan. Und schrieben ihrem Herrscher auf die Fahne: Wir schaffen das! Bei uns daheim hilft mir subtiles ideologisches Hinterfragen des bevorstehenden Großereignisses gar nichts. Mama sagte immer, sie könne nicht verstehen, dass 22 vernunftbegabte Männer ein Leben lang einem einzigen Ball nachlaufen können. Und bis sich meine Frau bei einer WM entscheidet, welches Team ihr am besten gefällt, sind wir meist schon im Halbfinale. Mein Jüngster mag nur Eishockey. Meine Tochter hat sich zum Schutz unserer Enkelin selbst TV-Verbot erteilt. Und mein Großer macht mir echte Sorgen. Einerseits ist er bekennender Nichtinteressierter. Und als Anti-Fachmann wettet er auf Mexiko. Wahrscheinlich nur wegen der Sombreros. Oder der Tortillas. Die sind wenigstens aus Weizen. So wie mein deutsches Bier.

Gott sei Dank hat man nicht nur Familie. Den Freunden braucht man nichts zu erklären. Sie sehen selbst, wer im Abseits steht. Und was der Videoschiedsrichter falsch beurteilt hat. Beruflich ist der WM-Monat ein Traum. Ich sage fast alle Einladungen ab. Weil ich ja Termine habe. Irgendwie schade ist, dass unser Fernseher nicht rechtzeitig kaputtgegangen ist. Denn im Moment könnte ich mir billig einen Neuen kaufen!

Meinhard Eiter

 

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