Abends länger hell

Liebe Freunde des Zeitmanagements!

Zur heißen Jahreszeit pflegen die Politiker Pause zu machen. Die Journalisten, die deshalb kaum Themen haben, nennen das Saure-Gurken-Zeit. Oder Sommerloch. Da die Zeitungen trotzdem gefüllt werden müssen, helfen neuerdings die Statistiker und Umfrageinstitute. Wenn statt den gewählten Volksvertretern, das Volk selbst spricht, werden nicht selten sinnlose Kontroversen produziert. Jüngst fragte man die Allgemeinheit zum Zeitvertreib, ob man künftig die Zeit vertreiben solle. Gemeint war die Sommerzeit, die uns arbeitende Bevölkerung zur wärmeren Jahreshälfte wenigstens nach Feierabend noch ein paar helle Stunden gewährt. Das Ergebnis der Umfrage war wegen der geringen Anzahl der Befragten zwar weder von Relevanz noch von Repräsentanz, aber doch irgendwie interessant. Während junge Leute und Menschen mittleren Alters eindeutig für helle Abende plädierten, waren die Pensionisten für die Abschaffung der Sommerzeit. Ausgerechnet jene, die den ganzen Tag Zeit haben, sich die Zeit zu nehmen wie sie sie gerade brauchen – weil sie ja genug davon haben – gönnen anderen, die wenig Zeit haben, die schönste Zeit des Tages nicht. Das ist fast so wie beim Brexit. In England haben auch die Alten den Jungen eine Zukunft im gemeinsamen Europa verwehrt. Ich will ja nicht die Urteilsfähigkeit der Rentner anzweifeln. Aber ich möchte diese Sinnlosbefragungen der Bevölkerung abgeschafft wissen. Wenn von 100 Prozent weit weniger als 50 Prozent ihre Stimme abgeben und danach fast immer eine knappe Mehrheit für Nein herauskommt, dann muss man Volksbefragungen in Zweifel ziehen. Weil die Demokratie Gefahr läuft, zur „Dummokratie“ zu verkommen. Zurück zum Thema Zeit. Unlängst schrieb mir jemand, der von mir etwas wollte, in einer E-Mail: Die Zeit drängt! Ich war verstört, dachte nach und fand des Rätsels Lösung: Nicht die Zeit, der Schreiber dieser Zeilen, drängte. Weshalb ich ihn warten ließ!

Meinhard Eiter

 

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