Als das Warmwasser noch in der Kanne kam

Felixe Minas Haus steht im Herzen von Tannheim. Besichtigen kann man es nur im Rahmen einer Führung. RS-Fotos: Gerrmann

In Felixe Minas Haus in Tannheim begegnet man den Gründerjahren des Tourismus

In die Geschichte der Vorfahren eintauchen – das kann man in den Museen im Außerfern. Und jedes Exponat, das dort zu sehen ist, kann eine eigene Geschichte erzählen. Zum Beispiel der Waschtisch in Felixe Minas Haus in Tannheim.

Von Jürgen Gerrmann

Manchmal wird man wie per Blitzschlag in die eigene Kindheit zurückgeführt. Mir geschah das, als ich das Stuckzimmer in Felixe Minas Haus betrat. Doch nicht so sehr die Decke – die von den zur Bichlbacher Zunftbruderschaft gehörenden Tannheimer Stuckateuren, die viel in der Welt herumgekommen waren, um 1770 kunstvoll gefertigt wurde – hatte es mir angetan. Es war der Waschtisch in dieser Kammer, der mich geradezu magisch anzog.

So sah Komfort für die ersten Touristen im Tannheimer Tal aus: Diesen Waschtisch kann man in Felixe Minas Haus in Tannheim bewundern.

Ich fühlte mich 60 Jahre zurückversetzt. In die 50er Jahre, als ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und oft auch dem Alpenverein Schwäbisch Gmünd, dessen Vorsitzender mein Vater war, häufig im Tannheimer Tal war und (wie ich heute weiß) schon damals mein Herz ans Außerfern verloren hatte.

Wie bei Kölle Hanse.

So ein Waschtisch stand nämlich auch in unserer kleinen Stube im Kölle Hanse-Hof. Die Krüge und die Schüssel aus Steingut sehe ich heute noch vor mir. Und auch Leo und Anna Kleiner, die ich als kleiner Bub immer für ein Ehepaar hielt, weil sie immer so vertraut und gemütlich nebeneinander saßen. Erst vor ein paar Jahren hat mir dann Erich Lumpert vom Hotel „Sägerhof“, auf dessen Gelände der Kölle Hanse stand, erzählt, dass das gar nicht stimmte – die beiden waren Geschwister.
Aber so wichtig ist das ja auch nicht. Viel wichtiger war die Herzlichkeit, mit der sie mit uns Kindern und auch mit unseren Eltern umgingen. Es war eine unbeschwerte Zeit, die mich bis heute begleitet. Und der Kölle Hanse war auch ein Ort des Friedens: Nur zwölf Jahre nach dem Krieg saßen wir mit Jacques Cousty und seiner Familie (zu der sich dann eine Freundschaft mit gegenseitigen Besuchen entwickelte) zusammen, und auch wenn wir Kinder kein Französisch verstanden, so kriegten wir doch mit, dass es abends in der Stube bei einem guten Südtiroler Vernatsch zuweilen gewaltig hoch her ging. Von wegen „Erbfeindschaft“!

Warmwasser als Luxus.

Seltsam (oder auch nicht): all das kommt beim Anblick dieses Waschtisches wieder hoch. Er ist somit auch irgendwie ein Dokument der Tourismus-Geschichte im Tannheimer Tal. Und eine Erinnerung an eine Zeit, in der sich auch die Gäste mit viel weniger begnügten und es für die allermeisten „Luxus pur“ bedeutete, überhaupt einmal wegfahren zu können.
Zum Luxus der damaligen Zeit gehörte auch, dass die Gastgeber morgens und abends den Krug mit warmem Wasser vor die Zimmertür stellten. Und ältere Tannheimer Talerinnen erinnern sich auch daran, dass über Nacht dann sogar die Schuhe der Gäste geputzt wurden. Das dürfte heute wohl selbst in einem Fünf-Sterne-Hotel nicht mehr üblich sein.

Der Trick mit dem Bier.
Echter Stuck an der Decke, Schein-Mahagoni am Bett: Die zum Fremdenzimmer umfunktionierte Kammer in Felixe Minas Haus.

Luxus wurde freilich manchmal auch „gefaked“: Das Biedermeier-Bett und der Kleiderschrank in der Fremden-Stube im Felixe Minas Haus erwecken zum Beispiel den Anschein, als seien sie aus edlem Mahagoni, wie das Mobiliar der Adligen oder Großbürgerlichen dieser Zeit. In Wahrheit sind sie allerdings aus Fichtenholz. Der Trick dabei: Man rieb den heimischen Rohstoff mit abgestandenem Bier ein und verlieh ihm dadurch ein edles Aussehen – inclusive vorgegaukelter Maserung. Das kann man sehen, wenn man die Schranktür öffnet: drinnen sieht das Holz ganz anders aus.
Luxus pur kann man hingegen im größeren Fremdenzimmer ein Stockwerk höher (das Mina Zobl, deren Familie über sieben Generationen dieses Haus bewohnte, 1962 vom Elternschlafzimmer zum Touristenquartier umwandelte) bewundern, dessen Interieur wie alle Räume des Museums ausschließlich mit originalen Gegenständen aus diesem Haus ausgestattet ist: In Nachttisch wurde diskret ein Nachttopf integriert, sodass man, wenn einen des Nachts ein menschliches Bedürfnis überfiel, nicht unendliche Wege zurücklegen musste.

Vorläufig bleimmaramal.

Das Nachtkästchen stammt aus dem Jahr 1880 – also jener Epoche, die man wohl als Gründerzeit des Fremdenverkehrs im Tannheimer Tal betrachten kann. In der Stube im ersten Stock von Felixe Minas Haus ist nämlich das alte Gästeanmeldungsbuch aufgeschlagen, das der „Kreuzwirt“ zur Verfügung gestellt hat. Darin trug sich am 22. Juli 1894 ein Dr. August Kübler ein. Anfangs scheint der Heimatforscher aus Bad Kissingen allerdings noch nicht so überzeugt vom „schönsten Hochtal Europas“ gewesen zu sein: „Vorläufig bleimmaramal“ notierte er in der Rubrik, die für die Dauer des Aufenthalts vorgesehen war.

Am Anfang war er noch skeptisch, aber dann schrieb August Kübler einen großen Artikel für die Alpenvereins-Zeitschrift.

Aber dann scheint es ihm doch sehr gut gefallen zu haben. Auf jeden Fall druckte die Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins vier Jahre später einen großen Artikel von ihm über diese herrliche Gegend ab.

Petite Sonnerie.

Die Fremden, die in den touristischen Anfangsjahren bei Familie Zobl zu Gast waren, konnten übrigens schon damals eine der Hauptattraktionen des heutigen Museums bewundern: eine spätbarocke Kommodenuhr, die auf die Jahre zwischen 1790 und 1820 datiert wird.

Konnte einem sogar in stockdunkler Nacht sagen, wann die Stunde schlug: Die barocke Kommodenuhr .

Auch dies ein Zeichen von Luxus: Als es noch kein elektrisches Licht gab, war es schwierig, des Nachts zu wissen, wieviel Uhr es denn nun war, wenn man spätabends aus der Wirtschaft heimkam oder nachts aufwachte. Bei der „Petite Sonnerie“ (so der Fachbegriff) in Felixe Minas Haus konnte man aber an einem Schnürle ziehen – und dann wiederholte das Wundergerät seine jeweils letzte Aktion. Sodass man abschätzen konnte, wieviel Stunden Schlaf einem noch geschenkt sein würden.
Ob die ersten Touristen diesen Service wohl auch genutzt haben? Könnte sein. In Jungholz zumindest brannte das erste elektrische Licht erst zur Christnacht 1901.

Info.

Felixe Minas Haus macht zurzeit Pause. Das Museum ist dann von Ende Dezember bis Mitte März wieder dienstags und freitags um 16 Uhr geöffnet. Besichtigen kann man es nur mit Führungen. Gruppen können unter Telefon (0 56 75) 62 72 einen Sonder-Termin vereinbaren.

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