Archäologische Funde in Haiming

Das gesamte Areal war voll mit Funden aus der Nachkriegszeit, wie etwa Lesehefte, Schulhefte, Töpfe, Keramiken…

Zeitgeschichtliche Aufarbeitung auf dem neuen Grundstück von Handl Tyrol

Seit jeher ist das Traditionsunternehmen Handl Tyrol einer der größten Arbeitgeber in der Region. Um dieses weiterhin auszubauen, das Unternehmen langfristig und nachhaltig zu sichern und somit auch neue Arbeitsplätze zu schaffen, musste ein neuer Standort her. In der Gemeinde Haiming wurde man schließlich fündig und deshalb soll dort im Sommer 2018 eine neue Speckproduktion eröffnet werden. Das Grundstück birgt allerdings eine sensible geschichtliche Vergangenheit in sich…

Von Janine Zumtobel

Für den Geschäftsführer von Handl Tyrol war nach Absprache mit dem Bundesdenkmalamt sofort klar, dass diese historische Sache intensiv und ordentlich aufgearbeitet werden muss: „Wir nehmen unsere Verantwortung für die Geschichte unseres erworbenen Grundstücks sehr ernst und entsprechend wahr. Der respektvolle Umgang mit der Vergangenheit sowie deren wissenschaftliche Aufbereitung ist uns sehr wichtig“, meint Christian Handl.

Vergangenheit rekonstruieren.

Noch bevor die detaillierten Ausgrabungen starteten, wurden damalige Luftbilder analysiert und es konnte schon einiges festgehalten werden, wobei man durchaus von weiteren Funden überrascht wurde. Barbara Pöll, Geschäftsführerin von monumentumGUT (Bereich: Denkmalerfassung, Archäologie und grafische Dokumentation), versucht die Thematik dementsprechend zu kontextualisieren und erläutert den Vorgang zum damalig geplanten Ausbau der Ötztaler Wasserkraftwerke durch die Westtiroler Kraftwerke AG und die Windkanalanlage der Luftforschungsanstalt München. Von Handl Tyrol wird sozusagen das damalige Bauhof-Areal genutzt, welches sich zwischen der Windkanalanlage und dem Arbeiterlager Haiming befand. Pöll erklärt, dass man anhand von Plänen, Fotos, Luftbildern, Archivmaterial, Ausgrabungen etc. versucht, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Doch dies sei manchmal gar nicht so einfach, meint Karsten Wink, Geschäftsführer von Ardis Archäology, dessen Team – sogar bei schlechten Witterungsverhältnissen wie Kälte und Eis – das Gelände sorgfältig aufarbeiteten, die Funde aus dem Boden huben und dokumentierten. Schwieriger sei eher die Interpretationsfrage. Gefunden wurde u.a. ein Gebäudekomplex, der als Schulgebäude mit Keller festgehalten wird, ein „Schwimmbecken“, wobei man mit dieser Interpretation noch nicht ganz zufrieden sei. Weiters ein Werkstattgebäude sowie Maschinenhallen und die Talstation einer Materialseilbahn, aber auch weitere Infrastruktur wie Schächte und Kanäle. Das gesamte Areal war voll mit Funden aus der Nachkriegszeit, wie etwa Lesehefte, Schulhefte, Töpfe, Keramiken, aber auch Materialien, die darauf hinweisen, dass dort gearbeitet wurde, z.B. Helme, viel Werkzeugmaterial wie Schrauben, etc. Insgesamt wurde sehr viel geborgen und dies wird dementsprechend noch präsentiert werden.

Öffentlichkeit zulassen.

Auf das Zusammenspiel von Öffentlichkeit und Landesarchäologie plädiert Johannes Pöll vom Bundesdenkmalamt. Dies sei eine komplexe Aufgabe, bei der die Bevölkerung genauso wie die Wissenschaft miteinbezogen werden soll. Es geht bei solchen Funden vor allem um „Archäologie und Gedächtnis“, bei dem es – kurzgefasst – um erforschen, bewahren und vermitteln geht. Deshalb wird voraussichtlich auch ein kleines historisches „Dokumentationszentrum“ in den freigelegten Fundamenten der damaligen Schule seitens Handl Tyrol miteingeplant und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um mit der Geschichte sachlich und respektvoll umzugehen. Es geht darum, nicht vor der Vergangenheit wegzulaufen, sondern etwas für die Nachwelt zu schaffen, sich zu fragen, wie man heute damit umgeht und nicht schwarz/weiß zu malen. Zum Schluss betont Handl noch einmal, dass es sich um keinen Fundamentrest handle, sondern dies seitens des Unternehmens – inklusive der übernommenen Kosten – freiwillig und ordentlich aufgearbeitet wurde. Nun liege es auch an der Tiwag, eventuell einen Einblick in deren Archive zu geben, um die Vergangenheit besser zu erschließen, dies sei nämlich seitens der Wissenschaft ein wichtiges Anliegen, meint Pöll von monumentumGUT abschließend.

Arbeitsplätze schaffen. Eine wichtige Anmerkung auf Handls Seite ist: „Wir möchten dezidiert festhalten, dass das ehemalige Arbeitslager nicht auf dem Grundstück liegt, auf dem wir unsere neue Speckproduktion bauen“, betont der Unternehmer, der die Schwerpunkte seiner Investition auf die langfristige Unternehmensentwicklung sieht sowie den über 500 Arbeitsplätzen, die er damit schaffen wird. Es geht ihm also um die „Chance, dabei mitzuhelfen, die schwere Vergangenheit in Haiming aufzuarbeiten und miteinander in eine neue positive und konstruktive Zukunft zu gehen.“

Tiwag unterstützt Aufarbeitung

(mst) Die Tiwag unterstützt gemeinsam mit dem Land Tirol und der Firma Handl Tyrol die historische Aufarbeitung des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers in Haiming. „Im Einvernehmen mit dem Eigentümervertreter nehmen wir den aktuellen Fall zum Anlass, eine wissenschaftliche Aufarbeitung zum Thema NS-Zwangsarbeit in der Tiroler Elektrizitätswirtschaft durch einen unabhängigen Historiker zu beauftragen,“ erklärt Tiwag-Vorstandsvorsitzender Erich Entstrasser. „Als Landesunternehmen ist es uns ein wichtiges Anliegen, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit verantwortungsvoll und sensibel umzugehen. Mit der Unterstützung einer Studie zum ehemaligen Zwangsarbeiterlager in Kirchbichl haben wir hier bereits wichtige Vorarbeit geleistet“, so Entstrasser weiter. In der Frage der unterschiedlichen Rechtspositionen zur Rückübertragung der Grundstücke in Haiming begrüßt die Tiwag die Initiative von LH-Stv. Josef Geisler zu einer objektiven Prüfung durch Juristen im Amt der Tiroler Landesregierung. Die Tiwag wird dazu sämtliche vorliegenden Unterlagen zur Verfügung stellen.

…aber auch Materialien, die darauf hinweisen, dass dort gearbeitet wurde, z.B. Helme, viel Werkzeugmaterial wie Schrauben etc. wurden auf dem Grundstück gefunden.
Karsten Wink (Geschäftsführer Ardis Archäology), Christian Handl (Handl Tyrol), Barbara Pöll (monumentumGUT) und Johannes Pöll (Bundesdenkmalamt) präsentierten bei der Pressekonferenz ihre bisherigen Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung. RS-Fotos: Zumtobel

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