Arme Seelen und adlige Damen

Der erste Höhepunkt dieser Wandertour ist die Costaries-Kapelle, von der aus man auch eine herrliche Aussicht auf das Reuttener Becken hat. RS-Fotos: Gerrmann

Eine Wanderung über die Hahle zur Musauer Alm und dem Frauensee

„Willst Du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“, erkannte einst schon Goethe. Im Außerfern liegt nicht zuletzt das Schöne so nah. Vor allem in den Bergen. Die RUNDSCHAU war für ihre Leser unterwegs – und traf darauf auf spirituelle Spuren, aber auch auf die Erinnerung an adlige Damen.

Von Jürgen Gerrmann

Los geht’s am Parkplatz in der Nähe der Ottilienkapelle bei Lechaschau. Zunächst über den ehemaligen Skihang ist der Weg zu einem weiteren Zeugnis des Glaubens gut markiert: der Costaries-Kapelle.
Von dort gibt es nicht nur sieben verschiedene Schreibweisen, sondern auch höchst unterschiedliche Namensdeutungen. Die einen meinen, dass einer der italienischen Holzfäller, die vor 150 Jahren oberhalb arbeiteten und die geschlagenen Bäume über ein Ries (eine Felsrinne) zu Tal beförderten, wohl Costa hieß. Andere vermuten den griechischen Namen Konstantin (der Standhafte) darin versteckt und wähnen dort gar einen uralten Ort weiblicher Verführungskunst. Wie dem auch sei: Auf jeden Fall hat man von dort einen herrlichen Blick. Auf dem Weg hinauf über den Erzberg (wo in uralter Zeit Bergbau betrieben wurde) zur Sulztal-Hütte wartet in weiteres Rätsel: der „Arme-Seelen-Baum“. Was das wohl bedeutet? Nun, in der Oberpfalz in Mittelbayern gibt es mehrere davon: Dort beteten die Passanten früher ein Vaterunser für die Verstorbenen, die im Fegefeuer schmoren mussten,und wollten deren Leiden dadurch verkürzen.
Auf dieser Tour kann man auch ins Schwitzen kommen – namentlich, wenn man nicht die Forststraße, sondern die „Direttissima“ hinauf zur Hahle nimmt. Und welch tolle Szenerie bietet sich da, wenn man aus dem Wald hinaustritt und die letzten Höhenmeter zur Schallerkapelle in Angriff nimmt! Von nun an geht’s bergab. Zunächst einmal zur Musauer Alm, seit eh und je ein Top-Ziel. Als sie der legendäre Josef Gigl, einst Aushängeschild des lokalen Tourismus, in den 50er-Jahren bewirtschaftete, musste alles noch mühselig per Mulis hinauf transportiert werden. Familie Niesporek hat es nun leichter. Das Verbindende zwischen beiden Epochen ist freilich die Begeisterung, mit der man die Sennerei-Tradition am Leben erhält, sich um die 16 Milchkühe und 60 Kälber kümmert, Bergkäse und Buttermilch produziert. Ein echter Familienbetrieb, damals wie heute, wo mit Michél ein Thüringer am Käsekessel steht. Gelernt hat er das in Steeg, der Heimat seiner Frau Marina; mit von der Alm-Partie sind auch deren Mutter Liesi, Schwägerin Vanessa und die Kinder Hanna (9) und Isabella (5). Eingebettet ist dies in eine herrliche Kulisse zwischen Köllenspitze und Großer Schlicke, die schon die bayerische Königin Marie (im Nachbarland als „erste Alpinistin“ gefeiert) begeisterte. Und so kann man locker-leicht den Rest der Strecke (entlang des zuweilen wilden Sababaches und durch ein idyllisches Wäldchen) genießen und die Tour am Frauensee ausklingen lassen, dessen Romantik eine weitere Dame mit blauem Blut anlockte. Ebenfalls eine Wittelsbacherin: Prinzessin Theresia von Bayern war im Juni vor 116 Jahren da. Sie war übrigens auch eine bekannte Ethnologin, Zoologin und Botanikerin.
Damals stand die „Frauenseestube“ noch nicht, wo sich mit Kevin Matzner ein gebürtiger Schongauer mit seinem Team (Bruder Maximilian plus Nico Andrade Mendes in der Küche sowie Matthias „der Kleine“ Welser) um das Wohl der Gäste kümmert. „Sulz und Ripperl“, antwortet er, wenn man ihn nach den Spezialitäten des beliebten Ausflugsziels fragt. Übrigens: Wer diese Tour auf den Samstag, 20. Juli legt, kann dann auch noch das erste Open Air am Frauensee mitnehmen. Dann spielt ab 19 Uhr die Band „Fluchtachterl“ Austro-Pop.

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