Auf den Spuren der Vorfahren

Kursleiter Bernhard Mertelseder (r.) brütet mit dem Gymnasiasten Patrik Huber über handschriftlichen Tipps fürs Holzschlagen. Auch die Studenten Magdalena Winkler und Dominik Weber tüfteln beim Seminar in der Reuttener Bücherei daran. RS-Foto: Gerrman

In der Reuttener Bücherei lernte man, alte Schriften zu lesen

Nicht nur in so manchem öffentlichen Archiv, sondern auch in vielen Schubladen oder Dachböden von ganz normalen Häusern lagern große Schätze: alte Schriftstücke, die einen tiefen Einblick in  das Leben der Vorfahren ermöglichen. Das Problem ist nur: viele können sie nicht mehr entziffern. Da wollte vor Kurzem ein Kurs in der Bücherei Reutte helfen.

Nicht nur Chronisten aus einigen Gemeinden des Außerfern, sondern auch „ganz normale“ Zeitgenossen wollten ihre Kenntnisse in der alten deutschen Schrift vertiefen, auffrischen oder ganz neu erwerben. Und Bernhard Mertelseder vom Tiroler Bildungsforum schaffte es nicht nur, mit den verschiedensten Ausgangsbedingungen der Teilnehmer zurechtzukommen, sondern aus dem (nur) auf den ersten Blick sperrigen Thema einen vergnüglichen Nachmittag zu machen.

Die Spuren der Ahnen. Dass die Vertiefung in die Spuren der Vorfahren so viel Spaß machte, lag nicht zuletzt an der Auswahl der Texte, die der Innsbrucker fürs „Learning by doing“ (der theoretische Teil wurde wohltuend knapp gehalten) mitgebracht hatte: Der Beamteneid, den die Staatsdiener um 1900 auf den „allerdurchlauchtigsten Fürsten und Herrn Franz Josef den Ersten“ schwören mussten, war ebenso mit dabei wie Sagen aus Osttirol, die eine Erzählerin handschriftlich festgehalten hatte, uralte Rezepte, bei denen zu Asche gebrannte Rosshufe quasi als Allheilmittel promotet wurden oder eine Feldpostkarte, mit der der Bauer Josef Gamper aus Ulten im heutigen Südtirol seinen Sohn auf dessen „ehrenhaften“ Tod „für Gott, Kaiser und Vaterland“ vorbereitet und ihm ein stetiges Gebet empfahl: „Jesus, Maria und Josef steht mir bei; heiliger Schutzengel bleib bei mir!“
Auch manche Teilnehmer hatten Texte mitgebracht, die sie interessierten. Da wurden 1944 in Weer im Inntal Tipps fürs richtige Holzschlagen niedergeschrieben, da konnte man Back-Rezepte aus Omas Kochbuch mit nach Hause nehmen (unter anderem für Sandmasse für Torten und Linzertorte mit Schnee) und da wurde man per Ansichtskarten aus den frühen 40er Jahren nachträglich Zeuge eines drohenden Hochwassers im Kärntner Gailtal und der Lebensmittelknappheit, die sich in Graz mehr und mehr ausbreitete.
Junge Geschichtsfans. Höchst erfreulich war es, dass nicht nur die fortgeschrittenen Jahrgänge sich voller Begeisterung in die Materie stürzten, sondern auch die junge Generation mit von der Partie war: Magdalena Winkler aus Forchach und Dominik Weber aus Pflach können ihre neu gewonnen Kenntnisse für ihr Lehramts-Studium der Geschichte in Innsbruck gut gebrauchen und der Reuttener Gymnasiast Patrik Huber aus Lechaschau ist ein absoluter Geschichts-Fan. Eigentlich ist die Antike sein Metier: „Aber diese Zeit interessiert mich auch.“

Es geht weiter. Um den Chronisten-Nachwuchs im Außerfern muss man sich also offenkundig keine Sorgen machen.

von Jürgen Gerrmann

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