Auftritt eines Unpopulären?

Keine leichte Kost war der „Judas“, den das Innsbrucker Kellertheater in die Reut-tener Kellerei brachte. Und dennoch überzeugten Helmuth A. Häusler in der Titelrolle, die Musiker Niklas Schöne, Theresia Baumgartlinger, Martin Heis und Andreas Frehde sowie Regisseur Stefan Bric voll und ganz (v. l.). RS-Foto: Gerrmann

Grandioses Ein-Mann-Stück in der Kellerei

Nein, zu den populären Gestalten der Bilder zählt er wahrlich nicht, dieser Judas. Vielleicht lag es ja daran, dass das seinen Namen als Titel tragende Gastspiel des Kellertheaters Innsbruck nicht gerade die Volksmassen in die Reuttener Kellerei lockte. Was allerdings nichts über die Qualität des Stücks und die Leis-tung der Akteure auf der Bühne aussagt.

Von Jürgen Gerrmann

Die verschiedensten Rollen bekam dieser Judas, über dessen Leben man ja so gut wie nichts weiß, über zwei Jahrtausende hinweg zugewiesen: Verräter, der die gute Sache zunichte machte, mittelbarer Mörder, weil er den Erlöser dem Henker auslieferte, Werkzeug, weil es ohne ihn den Opfertod Jesu und damit die Erlösung gar nicht gegeben hätte (was noch die freundlichste Deutung war). Nur eins durfte er nicht sein: ein Mensch.
Und gerade diesen Menschen Judas stellen Autor Lot Vekemans und Regisseur Stefan Bric in den Mittelpunkt von Stück und Inszenierung. Und ihn verkörpert Helmut A. Häusler in der Titelrolle des Ein-Mann-Stücks geradezu grandios. Man kam dem Verfemten nahe, konnte ihn phasenweise verstehen – und dann wieder doch nicht.
Häusler (und damit Judas) verwirrt einen, irritiert einen immer wieder. Aber das gehört wohl zu diesem Judas: nicht zu wissen, was stimmt, was nicht stimmt und was eventuell stimmen könnte.
Der Judas, der da vor einem steht, geht durch alle Emotionen und weckt alle Emotionen. Er provoziert und erweckt Mitleid, er verhöhnt und lässt dann wieder Sympathie aufkommen.
Der Judas, der da um Verständnis ringt (auch mit sich selbst) ist nicht eindimensional. Und das ist ein großes Plus. Häusler versenkt sich großartig in ihn hinein. In diesen Judas, der das, was Jesus wirklich ist, im Grunde nicht begreifen kann, obwohl er drei Lebensjahre mit ihm teilt. In diesen Judas, der zweifelt: „Aber der Zweifel ist der Ansporn zum Glauben.“ In diesen Judas, der bewundert, der staunt. In diesen Judas, der den Freund für zu lasch hält, der es nicht verstehen kann, dass sein Meister nicht „mit Eisenbahnschienen dreinschlägt“ (wie die Schwaben sagen), um endlich der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen und als König in Rom einzuziehen – und nicht als Zentrum eines neuen Glaubens.
In diesen Judas, der liebt und der zärtlich von dem redet, den er willentlich verriet, ohne aber die Folgen zu bedenken („Ich wollte nicht, dass er stirbt. Ich wollte ihn nur wachrütteln, damit er endlich seine Macht zeigt.“): „Er glaubte an die eigene innere Kraft, dass man selber etwas tun kann.“ Und in diesen Judas, der sich immer noch nach ihm und seiner Gnade sehnt: „Hätte er mir vergeben oder war seine Barmherzigkeit bei mir schon aufgebraucht?“

Der Judas in mir?

Und dann ist da diese Geldkassette, die er zuerst durchs Publikum trägt und die dann auf dem Tisch auf der Bühne steht wie eine Reliquie auf einem Altar. Mit den Silberlingen verbindet man ja den Verrat des Judas. Doch ist er der einzige Verräter der Weltgeschichte? Ist nicht sogar während dieser zwei Jahrtausende sein Judaslohn zum Heiligtum geworden? Sind nicht die Silberlinge zur Religion geworden? Erhoffen sich nicht etwa mittlerweile weit mehr von ihnen die Erlösung, statt von einer Botschaft des Friedens und der Liebe?
„Was will uns der Künstler damit sagen?“: So lautet eine der meistgestellten Fragen in der Kulturszene. Vielleicht will uns dieser Judas da gar nicht so viel sagen, obwohl er viel spricht. Vielleicht will er uns ja nur fragen: Was hättest Du gemacht? Wärst Du standhaft geblieben? Ja: Bist Du etwa standhaft? Oder rufst Du auch am Sonntag „Hosianna“ und am Freitag „Kreuziget ihn!“ An welchen Messias glaubst Du? An einen, der Liebe predigt oder an einen, der von deren Grenzen redet, ja, Hass sät und ausgrenzt, über all die Jahrhunderte hinweg? Willst Du auch zu den Mächtigen gehören und paktierst mit ihnen? Wäschst Du auch Deine Hände in Unschuld?
Fragen wie diese prägten diese Inszenierung. Manche ausgesprochen, manche stillschweigend. Zu ersteren gehörte die: „Wer von Euch hat es nötig, mit dem Finger auf mich zu zeigen?“
Vielleicht macht dieses Stück, dessen Dramatik auch von der Musik von Niklas Schöne (Geige), Theresia Baumgartlinger (Hang, Cajon und Gesang), Martin Heis (Hang und Didgeridoo) und Andreas Frehde (Gitarre) lebte, ja auch deswegen so ratlos, weil einen eine weitere Frage innerlich aufrührt: Wieviel Judas steckt in mir? Vielleicht liegt es gerade daran, dass man sich mit Judas eigentlich nicht befassen will.

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