Baggersee oder Gewerbefläche?

Im Zuge des LIFE Lech Projekts sollen im Bereich des Baggersees wasserbauliche Maßnahmen stattfinden. Hubert Hosp kann sich damit nicht anfreunden, er möchte den Baggersee erhalten.Foto: Hosp

In Forchach steht eine zukunftsweisende Entscheidung an

Der Lech mit seinen ausgedehnten Auwäldern, der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt ist das größte zusammenhängende Schutzgebiet in einem Talbereich Tirols. Dem Lech wird Raum gegeben, er kann sich als letzter Wilder frei entfalten. So sind Fluss und Flussbett in ständiger Bewegung und Veränderung. Bewundert, er- und bewandert – und doch manchmal verkannt.

Hubert Hosp ist einer, der den Lech kennt, die Natur liebt und heimatverbunden ist. „Ich bin mit der Natur, in der Natur aufgewachsen. Mein Vater war Berufsjäger in Forchach, das hat mich geprägt“, erzählt Hubert Hosp bei seinem Besuch im RUNDSCHAU-Büro.
Der gebürtige Häselgehrer lebt mit seiner Familie mit einer kurzen Unterbrechung seit 1946 in Forchach. Der rüstige und rührige 74-Jährige ist verheiratet, hat fünf Kinder, acht Enkelkinder und mittlerweile zwei Urenkel. Diese große Familie liegt dem pensionierten Polizeibeamten sehr am Herzen – und wenn er sich Sorgen um ein wahres Naturjuwel in Forchach macht, denkt er dabei vor allem an sie.

Einzigartig.

Es ist bereits einige Jahrzehnte her, dass die Firma Storf auf Forchacher Gemeindegebiet Schotter im Uferbereich des Lechs entnommen hat. Nach Abschluss dieser Arbeiten wurde die Schottergrube belassen, Grundwasser staute sich und bildete einen Baggersee.
Dieser Baggersee ist mit dem Auto nicht erreichbar, Ruhe und saubere Luft sind also garantiert. Naturfreunde und Erholungssuchende schätzen dies, auch viele Lechwegwanderer haben den Baggersee längst entdeckt. Der See ist zu einem Rückzugsgebiet für viele Vögel und Enten geworden. Schwäne, oft auch mit Jungen, sind hier immer wieder anzutreffen. Rund um den Baggersee hat sich eine vielfältige Flora angesiedelt.
„Mich als Fischer freut, dass es im kristallklaren Wasser viele Forellen gibt“, erklärt Hubert Hosp. „Im Lech gibt es ja leider nicht mehr so viele Fische, so ist die Äsche fast komplett verschwunden“, ergänzt er.

Lechlife.

2001 wurde das LIFE Projekt „Wildflusslandschaft Tiroler Lech“ ins Leben gerufen. Ziel war und ist es, einen „Zustand der Veränderung“ zu schützen – erreicht mit EU-, österreichischen Bundes- und Tiroler Landesmitteln. Aus dem Natura 2000-Gebiet Tiroler Lech wurde 2004 der Naturpark Tiroler Lech – eine Erfolgsgeschichte. 2016 fiel dann der Startschuss für das LIFE Projekt „Dynamic River System Lech“, das Maßnahmen zur Redynamisierung des Flusslebensraumes am Mittel- und Unterlauf des Lechs beinhaltet. Dynamische Schotterflächen und Pionierstandorte sollen wiederhergestellt werden, heißt es in der Projektbeschreibung. Lebensraum für hochspezialisierte, an den Wildfluss angepasste Arten wird geschaffen, die Eintiefung der Flusssohle gestoppt und der Grundwasserspiegel stabilisiert bzw. angehoben und der Hochwasserschutz verbessert. Artenschutzmaßnahmen stehen ebenfalls auf der Agenda.

Es reicht.
Türkisblaues Wasser wie in der Karibik – der Baggersee in Forchach ist ein leuchtendes Juwel. Foto: Hosp

„Das ist alles richtig“, sagt auch Hubert Hosp, „auch, dass dem Lech Raum gegeben wird. Aber mittlerweile hat man den Fluss genug ,zerrissen’, jetzt reicht es. Und genau hierum kreisen meine Gedanken und Bedenken“, holt er aus.
Vom Amt der Tiroler Landesregierung war im Zuge des LIFE Lech Projekts ein Antrag an die Gemeinde Forchach gestellt worden. Für genannten Baggersee soll die Gemeinde ein Grundstück in der Nähe der Firma Urban zur Verfügung gestellt bekommen, auf dem sich ein Betrieb/Unternehmen ansiedeln könnte.
Über dieses Vorhaben wurde schließlich am 16. Juli auch die Bevölkerung informiert. Gemeinsam mit DI Wolfgang Klien vom Baubezirksamt Reutte, Projektleiter des LIFE Lech Projekts, Dr. Reinhard Lentner, Land Tirol, Abteilung Umweltschutz, Projektpartner des LIFE Lech Projekts und DI Josef Walch, Bezirksforstinspektion Reutte, stellte Bgm. Karl Heinz Weirather das Projekt bei einer Informationsveranstaltung vor.
Im Zuge des LIFE Lech Projekts soll dem Lech wiedergegeben werden, was ihm gehört. Mit anderen Worten soll der Baggersee wieder in den urprünglichen Zustand – also die Situation, wie sie vor der Schotterentnahme bestanden hat – zurückgeführt werden.
Huber Hosp versteht die Welt nicht mehr. „Was wir hier haben, ist einzigartig. Dieser See wurde ja nicht nach Plan angelegt, er ist einfach entstanden, weil sich Grundwasser aufgestaut hat. Mit der Zeit hat sich dann vielfältiges Leben am See entwickelt. Viele Leute schätzen das. Dieser See könnte so viel für Forchach bringen. Wann immer ich mit Leuten rede, die ich am Baggersee treffe, höre ich Begeisterung. So etwas kann man doch nicht einfach übergehen. Ich finde, der Lech hat genug Raum. Ich stelle mir auch die Frage, was mit der riesigen Schottermenge geschieht, die dann freigesetzt wird. Die Geschiebefalle kann das sicher nicht schlucken. Für die unteren Gemeinden (Höfen, Lechaschau, Pflach) bedeutet das eine große Gefahr“, gibt Hubert Hosp zu bedenken. Er erwähnt acht bis zehn Meter hohe Schotterbänke, die bei einer Rückführung abgerissen werden müssten.
Diese Bedenken habe er auch bei der Informationsveranstaltung vorgebracht, sei dafür aber belächelt worden.
Der Gemeinderat hat vor etwa einem Monat dem Antrag zugestimmt. Auch das schmerzt Hubert Hosp, ist er doch selbst lange Zeit im Gemeinderat der Gemeinde Forchach gesessen.
„Die EU-Millionen helfen halt einigen, sich gesundzustoßen. Das ist alles gut und recht, aber doch nicht auf Kosten unserer Natur. Ich denke vor allem an meine Kinder, Enkel und Urenkel. Sie sollen doch alle in dieser wunderschönen Natur leben können, dieses Naturjuwel des Baggersees genießen können. Wir sollten das nicht zerstören oder opfern, wir sollten das bewahren – für uns alle und für Forchach. Hier müssen die Grenzen erkannt und hier muss überlegt gehandelt werden“, so Hubert Hosp.
Hubert Hosp dacht schon immer zukunftsweisend. Hätte er sich in den 70er-Jahren nicht als Gemeindevorstand vehement gegen eine Müllverbrennungsanlage eingesetzt – sie sollte in der Au, im Bereich zwischen der Johannisbrücke und dem Baggersee errichtet werden, – wäre dieses Gebiet jetzt nicht Teil eines Naturparks. „Ich habe mir damit nicht nur Freunde gemacht, bin aber heut noch sehr froh, dass mir das gelungen ist“, schließt Hubert Hosp ab.

Für Forchach.

Bürgermeis-ter Karl Heinz Weirather erklärte beim Gespräch mit der RUNDSCHAU, die Bedenken Hubert Hosps zu kennen. „Ich bin als Bürgermeister der Gemeinde Forchach bemüht, zum Besten der Gemeinde zu entscheiden. Das Land Tirol forciert das LIFE Lech Projekt, das eine flussbauliche Maßnahme im Bereich des Baggersees vorsieht. Bei der Veranstaltung am 16. Juli informierten DI Wolfgang Klien, Leiter Wasserwirtschaft und Siedlungswasserwirtschaft beim Baubezirksamt Reutte sowie Dr. Reinhard Lentner, Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Umweltschutz, die Bevölkerung über diese Vorhaben. Sie sind die Spezialisten, die wissen, was für eine Naturparkgemeinde gut und richtig ist.“
Um dieses Projekt umsetzen zu können, bietet das Öffentliche Wassergut der Gemeinde Forchach eben die genannte Grundläche an, die als Gewerbegrund gewidmet werden könnte. Für die Gemeinde wäre dies, laut Bgm. Weirather, ein absoluter Gewinn, könnte dies doch die Ankurbelung der schwachen Infrastruktur bedeuten.
Entsprechende Verhandlungen würden laufen, ebenso die Stellungnahme des Umweltschutzes und die Ausarbeitung des ÖROK.
„Wir sind bemüht, dass diese Umplanung gelingt, da wir darin einen wichtigen Schritt im Ausbau der Infrastuktur der Gemeinde sehen. Noch ist nichts in Stein gemeißelt, die Verhandlungen laufen. Mir ist wichtig, dass wir das Beste zum Wohle der Forchacher und der Gemeinde herausholen“, schließt Bgm. Weirather seien Ausführungen ab.

Verschieden.

Interessen sind verschieden. Im Falle der Gemeinde Forchach denken beide Seiten an die Zukunft. Bleibt zu hoffen, dass trotz unterschiedlicher Sichtweisen ein friedliches Mitein-ander in der Naturparkgemeinde im Lechtal möglich sein wird und gepflegt werden kann.