Biss der Kreuzotter

Liebe Freunde der Angst!

Unsere Wirtschaft hat über Jahrzehnte die Märkte gesättigt. Wohnraum, Autos, Kleidung, Nahrungsmittel und andere Grundbedürfnisse sind in aller Regel gestillt. Und so muss die Industrie, um weiter zu wachsen, künstlich Wünsche wecken, damit wir alle weiter kaufen. Deshalb haben wir Handtelefone, Musikknöpfe in den Ohren, Elektromotoren an Fahrrädern und Ähnliches mehr. Neben Waren und Gütern sind wir auch für Tabletten, Salben und andere Gesundheitsartikel empfänglich. Und zwar nicht erst, wenn wir das wirklich brauchen. Auch mit der Vorbeugung wird gutes Geschäft gemacht. Die Verkaufspsychologie ist dabei auf Angst aufgebaut. Alles, wovor wir Menschen uns fürchten, ist ein Feld für neue Produkte. Hilfe bei bevorstehender Blasenschwäche, Schutzprotektoren für die Wirbelsäule, Helme, Sprays gegen Insektenstiche und vieles mehr steigert unser Gefühl der Sicherheit. Das geht hin bis zur hohen Gefahr von Schlangenbissen. Kürzlich war ich mit einem befreundeten Ehepaar im Wald spazieren. Das kinderlose Paar hatte so wie ich einen Vierbeiner mit. Der junge Köter dürfte bei der Erziehung mit einem Baby verwechselt worden sein. Seine Bereitschaft zur artigen Ausführung von Befehlen war mangelhaft. Das Schutzbedürfnis von Frauchen und Herrchen dem heranwachsenden Vieh gegenüber jedoch hoch. So erzählte mir die Frau, sie habe für den Waldspaziergang noch rasch ein Notfallset für einen etwaigen Kreuzotternbiss besorgt. Als ich das hörte, hatte ich kurzzeitig ein schlechtes Gewissen, wie fahrlässig ich mit der Bedrohungslage meiner Hündin umgehe. Bis auf eine Leine führte ich nichts mit. Ich strapazierte meinen Hausverstand und die Wahrscheinlichkeitsberechnung, um mich zu beruhigen. Außerdem wusste ich nicht, ob das Notfallset nur den Hunden geholfen hätte. An das Szenario, dass sich die Kreuzotter auf einen von uns drei Menschen stürzen hätte können, wollte ich gar nicht denken.

Meinhard Eiter