Breite Front gegen den Fernpasstunnel

Sie brachten bei der Infoveranstaltung zum Fernpasstunnel Fakten und Argumente vor: Obstbauer Hubert Wammes aus Haiming, Biberwiers Bürgermeister Paul Mascher, Fritz Gurgiser vom Transitforum, Bichlbachs Alt-Bürgermeister Albert Linser, Reuttes Bürgermeister Luis Oberer und sein Haiminger Kollege Josef Leitner (v.l.). RS-Foto: Gerrmann

Große Resonanz für die Info-Veranstaltung des Transitforums Oberland/Außerfern in Reutte

Der Regen hatte keine Chance: Hunderte Außerferner (die darüber hinaus sogar noch Unterstützung durch einen Sonderbus voller Haiminger aus dem Inntal erhielten) kamen am Freitagabend zur Infoveranstaltung der Gruppe Oberland/Außerfern des Transitforums Tirol auf den Isserplatz in Reutte. Ihre Motivation: Sie wollten ihr „Nein“ zum geplanten Fernpass-Scheiteltunnel zum Ausdruck bringen.

Von Jürgen Gerrmann

„Es ist höchste Zeit für machbare Alternativen“, propagierte Tirols „Transit-Guru“ Fritz Gurgiser gleich zu Beginn: „30 Jahre Tunnel-Gaukelei haben uns nichts gebracht.“ Die Misere sei nur deswegen entstanden, „weil man nicht bereit ist zu akzeptieren, dass ein Gebirgsland keinen unbegrenzten Verkehr verträgt.“
So seien am Grenztunnel bei Vils im Jahr 2000 noch 8600 Fahrzeuge gezählt worden, nun seien es 16 800 – also fast das Doppelte. Der Verkehr habe sich der Region anzupassen, nicht umgekehrt: „Wir wollen eine staufreie Fernpassstraße, um die Lebensqualität hier zurückzuerobern.“
Alles, was an diesem Abend präsentiert werde, sei durch Verkehr und nationales Recht gedeckt: „Es wird aber bislang nicht umgesetzt, nur weil man dem Verkehr den roten Teppich ausrollt. Aber alle Baumaßnahmen haben bisher nichts gebracht.“

Ein Lob der Dosierampel.

Vor allem mit Fakten möchte das Bündnis gegen die Blechlawine eine Trendwende in der Verkehrspolitik bewirken. Reuttes Bürgermeister Alois Oberer lieferte eine Menge dazu: So habe an der Zählstelle in der Nähe der Marktgemeinde im vergangenen Jahr die Höchstzahl der Fahrzeuge pro Tag bei 30 845 gelegen und der tägliche Durchschnitt sei mit 15 412 errechnet worden. Der Vergleich zu 2012: Damals waren es 11 819. Was ein Plus von 30,4 Prozent in dieser kurzen Frist bedeute. Bei den Lkw sei der Zuwachs sogar noch größer: 1881 statt 1392 machten 35 Prozent aus.
An bis zu 30 Wochenenden gebe es Staus auf der B 179, die trotz aller Behinderungen noch attraktiv sei, weil zum Beispiel von Ulm aus die Fernpass-Strecke gen Süden eben 80 Kilometer weniger als über München messe.
Den positivsten Effekt der vergangenen Jahre habe die zunächst misstrauisch beäugte Dosierampel gezeigt. Mittlerweile gebe aber sogar die Wirtschaft zu, dass sie durchaus etwas bewirkt habe. Allerdings solle man sie künftig, statt an der Anschlussstelle Reutte Süd, besser an Nord oder gleich beim Grenztunnel installieren. Die Ampel sei zwar kein Allheilmittel, aber sie gewährleiste einen Verkehrsfluss: „Dem Gast ist es letztlich egal, wo er im Stau steht. Aber mit einer richtig positionierten Ampel belastet er nicht den lokalen Verkehr.“

Alternativen im Tourismus gefordert.

„Manche fragen sich, ob zuerst der Tschirgant- oder der Fernpasstunnel kommt. Ich sage: hoffentlich keiner“, unterstrich Haimings Bürgermeister Josef Leitner. Wer glaube, dass durch Straßenbaumaßnahmen wie Tunnel der Verkehr flüssiger werde, sei auf dem Irrweg und locke nur noch mehr Verkehr an. Viele Lkw warteten im Norden nur darauf, über die A7 auf die engen Tiroler Täler zubrausen zu können: „Das aber wäre der Todesstoß für unsere Heimat.“
Man sei nicht gegen Tourismus, betonte der ÖVPler: „Wir wissen, dass er eine Lebensader für unser Land ist.“ Aber man könne den Betrieben im Ötz- oder im Pitztal durchaus zumuten, die Anreise so zu organisieren wie auf den spanischen und griechischen Insel: täglich, nicht nur am Wochenende. Das entzerre schon vieles. Und den Gästen müsse man klarmachen, dass es eben nicht mehr gehe, auf der An- und Abreise die Landschaft zu belasten und das Auto dann eine Woche lang stehen zu lassen: „Alternativen (auch mit dem Zug) sind machbar, und dazu muss man die Leute erziehen.“

Gegen ungehemmtes Wachstum.

Kämpferisch wie gewohnt zeigte sich Bichlbachs Alt-Bürgermeister Albert Linser. Den hatte „narrisch gemacht, dass man hier – ohne die Bevölkerung einzubinden – etwas beschließt, was keiner will.“ Bei der Vorstellung der Fernpass-Strategie in der Wirtschaftskammer habe man den Tunnel-Gegnern quasi einen Maulkorb verpasst und dann zwei Wochen später den Tunnelbau verkündet. Sogar der Gutachter des Landes sage, dass das 7,5-Tonnen-Limit auf der Fernpassstrecke nach dem Tunnelbau nur mit einer Sicherheit von 50 bis 60 Prozent erhalten bleibe: „Aber dafür ist uns unsere Heimat zu schade.“
Die Planungen liefen bereits auf Hochtouren: Wo aber blieben die beiden versprochenen Gutachten? Die seien bis heute nicht veröffentlicht. Zudem: „Die Leute, die an der Strecke wohnen, sind ohnehin die besten Gutachter.“ Ungehemmtes Wachstum führe wie beim Krebs auch beim Verkehr zum Tod: „Wir aber wollen nicht sterben für andere.“
Daher richte er seinen Appell an Landeshauptmann Günther Platter und alle verantwortlichen Politiker: „Es hat noch keinem geschadet, wenn er in Kenntnis der Fakten und des Willens der Bevölkerung einen Rückzieher macht. Aber wer das trotz dem nicht tut, ist der Totengräber unserer Heimat!“

Wasservorrat in Gefahr.

„Die Alpen verkraften so viel Verkehr einfach nicht“, war sich Biberwiers Bürgermeister Paul Mascher sicher. Auch er schwärmte von der Schönheit des Außerfern: „Blindsee, Mittersee, Weißensee – wenn ich nur die drei sehe, dann weiß ich, dass ich fast im Paradies lebe.“ Er warnte auch vor Planungen für eine zweite Trasse für Langsamverkehr und Radler durchs Zwischentoren: dadurch werde wieder Grün vernichtet. Daher: „Die Landschaft zu bewahren und zu respektieren – dazu sind wir aufgerufen.“
Was Hubert Wammes, Obstbauer aus Haiming, zu berichten hatte, war vielen Außerfernern vielleicht gar nicht so bewusst und alarmierend: Er lenkte das Augenmerk nämlich auf den „unerschöpflichen Vorrat an Wasser im Tschirgant – im Notfall kann man das ganze Oberinntal damit versorgen.“ Dieses Thema aber werde von der Politik bei allen Tunnel-Diskussionen ausgespart. Freilich: „Der Berg ist unberechenbar – und wir müssen auch an unsere Kinder denken.“ 70 Quellen sprudelten aus dem Tschirgant: „Das ist kein Haiminger Wasser. Das steht allen Tirolern zu.“
Den Tschirgant-Tunnel könne man nur bauen, wenn man zuvor alles Wasser aus dem Berg ableite: „Der riesige Speicher geht dann verloren – das ist ein enormer Wert!“ Auch deswegen, weil sich der Klimawandel nicht mehr abstreiten lasse: „Mein Obst ernte ich jetzt drei bis vier Wochen früher als in meiner Jugend. Bis 2030 werden die Gletscher abgeschmolzen sein, die jetzt den Inn speisen. Dann geht uns auch Trinkwasser verloren. Wir marschieren auf eine Heißzeit zu. Wir müssen daher endlich einen Paradigmenwechsel akzeptieren, damit unsere Kinder und Enkel noch Hoffnung haben.“

Rege Diskussion.
Den Willen fast aller Teilnehmer der Infoveranstaltung brachte dieses Plakat zum Ausdruck. RS-Foto: Gerrmann

In der Diskussion meldeten sich auch viele Bürger zu Wort. Katharina Bachlechner aus Reutte verwies etwa auf die Homepage www.fernpasstunnel.at, die an diesem Tag Premiere feierte: „Je mehr Menschen im Internet sagen, dass sie diesen Tunnel nicht wollen, desto eher wird die Politik reagieren.“ Taxiunternehmer Hans Strolz aus Bichlbach hielt es für „Schwachsinn“, für drei Minuten Fahrtzeitgewinn einen Tunnel zu bauen: „Die sind doch durch den zusätzlichen Verkehr, den man damit anlockt, sofort wieder weg.“
Bernhard Stricker aus Pflach beklagte das mangelnde Einschreiten gegen Transitsünder: „Viele verstoßen ganz bewusst gegen das Fahrverbot und haben doch das Strafgeld schon im Sack, wenn sie Richtung Fernpass fahren.“
„Wo ist der VVT“, fragte sich Hermann Fasser aus Heiterwang: Der Nahverkehr scheine in Tirol allenfalls eine Alibifunktion zu haben: „Und es ist traurig, dass über den Ausbau der Eisenbahn nach der Wahl überhaupt nicht mehr gesprochen wird.“ Auch Christine Schneider aus Reutte beklagte die hohen Preise in Bussen und Bahnen und bedauerte, dass es den kostenlosen Schnee-Express nicht mehr gebe: „Über den hab ich im Ausland immer voller Stolz erzählt.“
Josef Walch aus Häselgehr wiederum hielt das 490 Euro teure Tirol-Ticket für eine gute Alternative: „Ich bin auf den Bus umgestiegen. Allerdings sollte im Außerfern das Angebot schon verbessert werden.“ Freilich: „Wenn statt einem drei Leute in den Autos säßen, hätten wir schon zwei Drittel des Verkehrs weg.“
Walfried Hosp aus Bichlbach berichtete von einem „Spießrutenlauf“, wenn er über die B179 wolle. Und Peter Mittermayr warnte: „Wenn der Tunnel kommt, ist die Haarnadelkurve am Fernpass weg. Und dann kommen die 40-Tonner. Zu 100 Prozent.“

Kritik an Abgeordneten.

Gurgiser kritisierte letztlich auch noch die beiden ÖVP-Politikerinnen Liesi Pfurtscheller und Sonja Ledl-Rossmann, die für den Tunnel plädierten: Die hätten ihre Position als Nationalrätin und Landtagsabgeordnete missbraucht – „für eine Schnapsidee, die keiner braucht.“ Indes: Bewirken könne man nur durch den Druck auf der Straße etwas. Daher wolle man nicht aufgeben: „Jetzt haben wir die Chance, aus diesem ganzen Tunnelsumpf rauszukommen.“

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.