Burka gegen Skihelm getauscht

Carima Moazzinzadhs Fröhlichkeit ist ansteckend. RS-Fotos: Schretter

Junge Afghanin möchte mit Familie gerne in Stanzach bleiben

Als die junge Carima Moazzinzadh mit ihrer Familie vor etwa zwei Jahren nach Österreich kam, ahnte sie nicht, dass sie im Lechtal einmal eine – vorübergehende – Heimat und dort den Tiroler Nationalsport erlernen würde.

Die 27-jährige Carima erregte die Aufmerksamkeit von Familie Pittracher, als sie im Paulusladen in Reutte nach einem Skianzug fragte. Walter Pittracher erzählte im Gespräch mit der RUNDSCHAU: „Maria Biber vom Paulusladen hat mich gefragt, ob ich wüsste, wo sie einen günstigen Skianzug herbekommen könnte. Ich hab ein bisschen überlegt und so ist mir Raffaela Schrettl, unsere Schwiegertochter in spe eingefallen. Zufällig hatte sie sich einen neuen gekauft und so konnte ich Maria den gebrauchten in den Paulusladen bringen.“
Dann ging alles sehr schnell. Carima probierte den Anzug und er passte wie angegossen. Dem Skifahren stand also nichts mehr im Weg.

16 Tage. Carima ist, wie ihr Mann, in Kabul in Afghanistan aufgewachsen und hat dort ihre Kindheit verbracht. Mit ihrer Heimat verbindet sie nicht nur die besten Erinnerungen. „Als Mädchen durfte ich leider nur zwei Jahre die Schule besuchen und ich habe nie gearbeitet. Ich war immer nur zu Hause. Freiheiten hatte ich keine. Mit zwölf Jahren musste ich mich komplett verschleiern, durfte nicht mehr ohne Begleitung rausgehen. Auch meinen Ehemann habe ich mir nicht selber ausgesucht, das haben mein Vater und meine Brüder für mich gemacht“, erzählt sie der RUNDSCHAU.
Mit ihrem Mann ging Carima in den Iran, wo er als Gießer arbeitete. Dort lebten sie insgesamt acht Jahre. „Als der Krieg in Syrien ausbrach, waren auch wir Afghanen nicht mehr sicher. Wir mussten den Iran verlassen. Wir hofften auf Sicherheit und beschlossen, nach Europa zu flüchten.“
Mit den beiden kleinen Kindern machten sie sich auf den Weg in eine unbekannte Zukunft. „Wir waren 16 Tage unterwegs. Zu Fuß, mit dem Auto oder dem Bus ging es vom Iran zuerst in die Türkei, dann weiter nach Griechenland und über die Balkanroute nach Österreich“, schildert Carima die teils gefährliche Flucht. „Mit zwei kleinen Kindern ist das alles andere als einfach. Wir waren froh, als wir es endlich geschafft hatten“, erzählt sie weiter.
Carima und ihr Mann kamen mit der mittlerweile achtjährigen Tochter und dem vierjährigen Sohn zuerst nach Wien und blieben dort 15 Tage. Nächste Station war für einen Monat Klosterneuburg. Schließlich fand die Familie in Holzgau eine neue  Bleibe. „Dort hat es uns gleich gut gefallen. Die Leute im Dorf waren alle sehr freundlich zu uns, wir haben uns wohlgefühlt. In Holzgau habe ich auch das Skifahren kennengelernt. Mein Mann hat schon dort damit begonnen und ich habe ihm gesagt, dass ich das auch gerne möchte. Als wir dann nacht acht Monaten nach Stanzach kamen, konnte ich mir diesen Traum erfüllen“, ist Carima glücklich mit ihrem neuen Hobby.
Einmal in der Woche besuchten Carima und ihr Mann einen Deutschkurs, der von Günther Ihrenberger, einem ehemaligen Gymnasiallehrer gehalten wird. „Wenn wir in Österreich leben wollen, müssen wir die Sprache können. Deshalb nehmen wir das sehr ernst. Mir fällt das Lernen leicht, mein Mann hat mehr Schwierigkeiten. Er leidet an Depressionen und kann sich Dinge nicht so gut merken. Aber er bemüht sich“, weiß die Afghanin um die Wichtigkeit der Sprachkenntnisse. In der Familie wird Dari, die Amtssprache Afghanistans und Deutsch gesprochen.
Carima kocht afghanische Gerichte für ihre Familie, diese Tradition wird auch gepflegt, wenn die beiden anderen afghanischen Familien, die in Stanzach leben, zu Besuch kommen. „Dann kochen wir alle gemeinsam.“

Unsicher. Mittlerweile hat sich die kleine Familie sehr gut eingelebt. Die Kinder besuchen Schule und Kindergarten und Carima pflegt Freundschaften zu einheimischen und zwei afghanischen Familien. Was noch fehlt, ist der positive Asylbescheid. „Leider haben wir den noch nicht erhalten. Wir wissen auch nicht, wie lange das noch dauern wird. Wir hoffen aber, dass wir bleiben können. Das wäre unser größter Wunsch“, verrät Carima.
Als Carima Afghanistan verlassen hat, endete der Kontakt zu ihrer Familie. Von ihrem Vater, ihren sechs Brüdern und vier Schwestern hat sie seitdem nichts mehr gehört. „Ich denke, dass sie alle noch in Afghanistan leben. Meine Brüder werden wohl arbeiten, meine Schwestern das Leben afghanischer Frauen führen. Zu Hause, ohne Bildung und ohne Arbeit. Der Kontakt zwischen uns ist für immer erloschen“, erzählt Carima.
Die Frage, ob sie ihre Heimat vermisse und eventuell wieder einmal dorthin zurückkehren möchte, beantwortet sie ganz dezidiert mit „nein”. „Das Land hat nicht nur ein oder zwei Probleme. Das Land hat viele, viele Probleme und das wird sich auch in hundert Jahren nicht ändern“, ist sie überzeugt.

Skifahren. „Ich liebe Ski fahren. Wenn ich bei den olympischen Spielen wäre, dann würde ich für Österreich starten, denn hier habe ich diesen Sport gelernt“, strahlt Carima, wenn sie über ihr Hobby spricht.
Wenn es möglich ist, geht sie jeden Tag zum „Stoamandl-Lift“ und fährt ein paarmal. Ski und Liftkarte hat sie von der Gemeinde Stanzach spendiert bekommen. „Es freut mich, dass auch mein Mann und meine Tochter so gerne Ski fahren. Wir gehen oft gemeinsam und haben viel Spaß dabei. Nächstes Jahr wird dann auch mein Sohn damit beginnen“, steckt Carima mit ihrer Fröhlichkeit an.
Für Carima ist es eine Herzensangelegenheit, an dieser Stelle allen – besonders der Gemeinde Stanzach – zu danken. Die Herzlichkeit und der Zusammenhalt im Dorf helfen der Familie, sich zu integrieren und die Wartezeit auf den Asylbescheid zu ertragen.