Das Leiden der freundlichen Tanten vom Amt

Fragmente aus dem Leben und Leiden dreier Jugendsozialarbeiterinnen – das Theaterforum Humiste präsentiert unter der Regie von Michael Rudigier „Kasper Häuser Meer“ aus der Feder von Felicia Zeller. RS-Foto: Matt

„Kasper Häuser Meer“: Humiste-Premiere in der Bühne Imst Mitte vor vollen Zuschauerrängen

Berge an Akten, ständiger Druck von innen und außen und schreckliche Verantwortung, die kaum zu schultern ist, ohne sich selbst zu verlieren – der Alltag im Jugendsozialamt ist alles andere als ein Kindergeburtstag. Was passiert, wenn bei ohnehin straffer Personal-
situation ein Kollege ausbrennt, davon erzählt das Stück „Kasper Häuser Meer“ von Felicia Zeller, das vergangenen Samstag unter der Regie von Michael Rudigier seine Premiere in der Bühne Imst Mitte feierte.

Die Belastungsgrenze ist erreicht, Björn geht ausgebrannt in den Krankenstand. Für seine Kolleginnen Barbara (Roswitha Matt), Silvia (Andrea Reich) und Annika (Stefanie Bauer) vom Jugendsozialamt nicht unerwartet, keine Überraschung – und doch eine Katastrophe. Denn zurück bleibt eine rote Box voller Kinderschicksale, in die es sich einzulesen, denen es sich anzunehmen gilt. Dabei ersticken die drei Sozialarbeiterinnen selbst bereits an ihren eigenen Fällen, sind selbst dem Zusammenbruch nahe. So ist jede Minute, eigentlich jede Sekunde knapp bemessen – keine Zeit für das Genießen des morgendlichen Heißgetränks, keine Zeit für freundliche Worte, keine Zeit für ein Privatleben und erst recht keine Zeit für vollständige Sätze.

Unter Druck.

In jeder Bewegung, in jedem Wort spürbar ist die Last, welche die Frauen auf ihren Schultern zu tragen haben: Die quälende Frage, bei Mangel an Zeit und Informationen das Richtige zu tun, die richtige Entscheidung zu treffen. Denn handeln die freundlichen Tanten vom Amt zu vorschnell, wird eine Familie auseinandergerissen. Zögern sie – auch aus Furcht vor rechtlichen Konsequenzen, vor Zerfleischung durch Öffentlichkeit und Medien – nimmt ein Kind womöglich irreparablen Schaden an Leib und Seele. Ein Scheitern scheint angesichts der Überforderung unumgänglich und ist doch in den Augen der Gesellschaft inakzeptabel. Doch wie mit dieser ständigen Spannung umgehen? Vielleicht mit Entspannungstechniken und dem Träumen von fernen Gestaden, wie bei Barbara? Mit einsamen Solitaire-Partien und kaum mehr zu verheimlichenden Alkoholkonsum, wie bei Silvia? Mit bürokratischer Überkorrektheit und plötzlichen Wutausbrüchen, wie bei Annika? Oder mit Galgenhumor bezüglich des unvermeidbaren Ausbrennens, mit dem Ausmalen des eigenen Selbstmordes, wie es bei allen drei Frauen zu beobachten ist? Auch wenn die Sozialarbeiterinnen ihren Frust über Formulare, Vorgesetzte und Rauchverbot lautstark äußern, bleibt das wahre Trauma unverarbeitet im Unterbewusstsein verborgen: Die teils schrecklichen Lebensumstände der besuchten Familien, der Dreck, die Fäkalien, die Vernachlässigung, der Missbrauch, die geschundenen und abgemagerten Körper von Kinder und Jugendlichen.
Zeigen, nicht erzählen. Die eigentliche Tragödie zeichnet sich so zwischen den Zeilen ab, aber auch im raffinierten Bühnenbild mit Zeichnungen von Kindern der Volksschule Lech. Die durchwegs brillante Performance der Darstellerinnen wird ergänzt von Peter Friedl am elektronischen Schlagzeug, der mit treibenden Schlägen die Szenerie zur Sklavengaleere werden lässt. Kurzum: Was Humiste mit „Kasper Häuser Meer“ präsentiert, ist hohe Theaterkunst und dennoch kaum zu ertragen. Weitere Termine: 17./18./24./25. November, 1./2. Dezember sowie 12./13./18./19./20. Jänner 2019. Beginn an Freitagen und Samstagen um 20 Uhr, an Sonntagen um 18 Uhr. Reservierungen unter Tel. 06646360646.

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