„Den Glauben im Alltag verkünden“

Gern nah bei den Menschen: Fritz Kerschbaumer, der neue Kooperator im Seelsorgeraum Reutte in seinem Arbeitszimmer im Pfarrhaus von Breitenwang. RS-Foto: Gerrmann

Im Porträt: Fritz Kerschbaumer, neuer Kooperator im Seelsorgeraum Reutte

Ein junger Mann entschließt sich dazu, katholischer Priester zu werden – zu k. u. k.-Zeiten völlig normal. Hundert Jahre später freilich eine absolute Rarität. Einer, der sich dafür entschieden hat, tut seit Kurzem im Außerfern als Kooperator seinen Dienst: Fritz Kerschbaumer unterhielt sich mit der RUNDSCHAU über seine Motivation und seine Freude am Glauben.

Von Jürgen Gerrmann

34 Jahre alt ist er. Geboren in Innsbruck. Aufgewachsen in Innsbruck. Matura in Innsbruck. Studium in Innsbruck. Und nun das Außerfern?
„Ja“, schmunzelt der „Hauptstädter“: „Das war schon eine Umstellung. Ich durchlaufe gerade eine Gewöhnungsphase. Eigentlich bin ich ja ein Stadtmensch, habe schon Innsbruck als eher kleine Stadt erlebt.“ Gerade deswegen versuche er jetzt ganz bewusst, den gesamten Bezirk Außerfern kennenzulernen, auch das Lechtal, auch das Tannheimer Tal. Und er könne sagen: „Ich habe mich schon recht gut eingelebt.“

Findungsprozess im Inneren.

Fritz Kerschbaumers Weg zum Priester verlief allerdings in Etappen. Schon im Gymnasium ging er mit dem Gedanken um: „Religiöse Fragen haben mich bereits damals interessiert. Die standen für mich im Vordergrund. Nicht wegen eines Berufs hat mich die Theologie fasziniert. Es war eher umgekehrt.“
Sicher, es hätten ihn schon zwei oder drei Priesterpersönlichkeiten imponiert. Aber es habe nicht die eine Gestalt gegeben, der er es habe gleichtun wollen: „Es gibt nicht den einen Punkt, der alles entschieden hat.“ Allenfalls noch, dass ihn seine Erstkommunion sehr geprägt habe, da sei er zum ersten Mal intensiv in Kontakt mit dem Glauben gekommen und auch überzeugter Ministrant gewesen: „Aber wie mein Weg dann verlief, das war schon ein Stück weit ein Geheimnis. Auf jeden Fall eine Entwicklung. Ich hatte kein konkretes ,Berufungserlebnis’.“
Dieser Findungsprozess sei dann am Anfang „sehr stark im Innern“ abgelaufen. Gehänselt sei er nicht geworden, weil die Mitschüler das ja nicht so sehr mitbekommen hätten: „Das hat mich selbst bewegt und herausgefordert. Es war keine leichte Entscheidung, diese Berufung anzunehmen.“
Der erste Schritt nach der Matura war erst einmal das Studium der Theologie. Zunächst nicht unbedingt mit dem Ziel, Priester zu werden: „Aber dann habe ich mich sehr in der Uni-Pfarre engagiert. Zunächst ehrenamtlich und dann als pastoraler Mitarbeiter.“ Und dann wurde der Wunsch, Priester zu werden, eben immer stärker. Die Konsequenz: Nach dem Studium besuchte er das Priesterseminar, wurde am 17. Juni dieses Jahres im Innsbrucker Dom geweiht und feierte eine Woche danach in Jenbach, wo er zwei Jahre lang als Pastoralpraktikant und dann als Diakon tätig war, Primiz.
Schon bei der Weihe zum Diakon hatte er übrigens die Frage beantwortet, ob er ehelos leben wolle. Und Fritz Kerschbaumer beantwortete sie mit Ja. Wobei der Zölibat für ihn nicht „die erste und entscheidende Frage“ für sein Priestertum gewesen sei.

Gern bei den Menschen.

Wenn man ihn erlebt, dann drängt sich der Eindruck auf, dass für ihn etwas anderes eine viel größere Rolle spielte und spielt: „Ja, es stimmt – ich feiere gern Gottesdienste, das ist das Zentrum meines Berufs und meiner Berufung. Ich mag aber auch gesellschaftliche Ereignisse. Bei den Menschen zu sein, macht mir Freude und Spaß.“
Was ihm noch gefällt? „Ich setze mich auch gerne rational mit Gott und der Welt auseinander.“ Da schätze er Offenheit und bevorzuge keine bestimmte theologische Richtung oder Schule: „Ich bin gern im Garten Gottes unterwegs.“ Daher schätze er auch den Gedankenaustausch beim theologischen Frühstück mit seinen Kollegen aus katholischer, aber auch evangelischer Kirche so sehr.
Was kann der Glaube der Welt geben? Die meisten antworteten darauf „Werte“ oder „Vertrauen“, sagt Kerschbaumer. Er glaube eher: „Wenn man eine Beziehung zu Gott haben kann, kann man vertrauen.“ Für ihn stelle sich die Frage, ob der Glaube der Welt überhaupt „etwas geben kann, soll oder muss.“ Es bestehe nämlich auch die Gefahr, dass man ihn für einen bestimmten Nutzen zu instrumentalisieren versuche. Und was gibt der Glaube ihm? „Vertrauen, Stärke, Hoffnung.“

Keine grundsätzlichen Zweifel.

Im Grundsätzlichen habe er keine Zweifel am Glauben. Die berühmte Frage „Wie kann Gott so etwas zulassen?“ habe sich ihm in seinem persönlichen Leben nicht gestellt, da er Gott sei dank durch keine großen erschütternden Erlebnisse haben gehen müssen: „Ich habe immer Vertrauen und Getragensein gespürt.“
Dass sich immer mehr Menschen vom Glauben ab- oder gar nicht erst zuwenden, liegt aus seiner Sicht daran, dass heutzutage viele mit der Vorstellung von Gott oder dem ewigen Leben nichts anfangen können: „Sie leben halt glücklich und zufrieden vor sich hin.“
Der große evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer habe einmal etwas gesagt, was vielleicht auf die heutige Situation der Kirche passe: Man solle mit der Verkündigung nicht in der Not (bei schwerer Krankheit oder Tod eines lieben Menschen) ansetzen, auch nicht bei den freudigen Ereignissen (wie Hochzeit oder Taufen), „sondern in der Mitte, im ganz normalen Alltag“. Dem stimme er zu: „Es muss ein Ziel sein, den Glauben dort zu verkünden.“ Dort sei es am unaufdringlichsten, am alltäglichsten.

Die Kraft des Segens.

Fritz Kerschbaumers Freude am Glauben spürt man ganz besonders, wenn man ihn bei einer Segnung erlebt (wie zum Beispiel bei der Einweihung des neuen Bauernladens). Ihn fasziniert dabei auch, „dass man vorher nicht weiß, wie die Leute reagieren.“ Manche beteiligten sich ganz intensiv, andere wiederum gar nicht. Aber er spüre in aller Regel: „Die Menschen sehnen sich nach Segen. Das berührt auch viele, die sonst kirchenfern sind.“ Und daher sei Segnen auch Teil der Verkündigung.
So sei er von verschiedenen Pfarren eingeladen worden, den Primizsegen zu spenden, den er im ersten Priesterjahr erteilen dürfe. Dazu sei er zum Beispiel in Oies im Südtiroler Gadertal oder in Kaltenbrunn im Kaunertal gewesen: „Und die Leute haben bis zu einer Stunde gewartet, bis ich sie einzeln gesegnet habe.“
Muss sich Kirche verändern? „Ja, sicher. Kirche muss sich immer verbessern. Die Frage ist freilich: Wohin, was ist das angestrebte Ziel?“ In der Diözese Innsbruck wolle man sich der Erneuerung der Gemeinden zuwenden. Im Breitenwanger Pfarrgemeinderat befasse man sich in diesem Zusammenhang mit zwei großen Themen: „Lebendigkeit und Willkommenskultur“. Da bestehe auch aus seiner Sicht sehr viel Erneuerungsbedarf. Wie lädt man Leute ein, die selten kommen? Wie geht man auf sie zu? Denn beides sei wichtig: „Komm-her- und Geh-hin-Kirche“. Theologisch sehe er allerdings keinen so großen Erneuerungsbedarf wie vielleicht andere.
Auch Ökumene ist dem neuen Kooperator wichtig. Und zwar mit konkreten anderen Christen, inclusive der Freikirchen und der Orthodoxen. Da gehe es um Austausch, konkrete Projekte, darum, den Glauben zu teilen, sich zu kennen und wertzuschätzen, nicht um „große theologische Programme, die zur Wiedervereinigung führen sollen, die vermutlich bis zur Wiederkunft Christi eh nie kommen wird.“

Lob für das Team.

Die Seelsorgeeinheit im Reuttener Becken mit den vier Pfarren Breitenwang, Reutte, Wängle und Lechaschau (wo an jedem Wochenende eine Messe gefeiert werde, an vier weiteren Orten gebe es ja mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst) sei sicher groß: „Aber wir haben ja viele gute haupt-und ehrenamtliche Mitarbeiter“, ist sich Fritz Kerschbaumer sicher: „In diesem Team ist viel möglich.“
Wobei er einen Vorteil habe: „Ich muss nicht leiten. Ich bin nur für die Seelsorge da.“ Wenn man (wie Dekan Franz Neuner) leiten müsse, dann sehe die Sache wieder anders aus.

 

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.