Den Marsch geblasen

Liebe Freunde der Blasmusik!

Auf der Suche nach grotesken Geschichten müssen Kolumnisten in der Regel nichts selbst konstruieren. Meist genügt der Blick auf die Realität. Und die Schauplätze liegen vor der Haustüre. Wie jüngst im Außerferner Weißenbach. Bei der dort stattfindenden Marschmusikbewertung rückten 36 Kapellen aus, um sich einer Benotung zu stellen. Die Jury bewertete neben Tonalität, Auftritt und Gleichschritt auch das gesamte Erscheinungsbild der Klangkörper. Eine Tradition, die bisher nichts Aufregendes bewirkte. Dieses Mal freilich stiegen die Emotionen hoch. Denn eigentlich hätten die Musikanten von Reutte gewonnen, den Sieg trugen aber die Lechaschauer davon. Ausschlaggebendes Kriterium war die Tatsache, dass bei den Zweitplatzierten mehr Frauen ihr Haar offen trugen. Und die Gewinnerinnen letztlich durch aufgesteckte und geflochtene Haare punkteten. Worauf sich ein Funktionärsstreit entzündete, der sich gewaschen hat. Vertreter des Landesverbandes verteidigten die Landeseinheitlichkeit bei Bewertungen und warfen den Bezirksfunktionären Selbstherrlichkeit bei der Beurteilung vor. Heutzutage sei es bei Musikkapellen egal, ob Frauen Piercings oder Tattoos zur Schau tragen. Und so könne halt auch die Haarpracht unter dem Hut der Tracht nicht diskriminierend bewerten werden. Was aber letztlich eben offensichtlich doch geschah. Ich persönlich musste schmunzeln, als ich davon las. Die Sache erinnerte mich an meine Jugend, als ich beim Bundesheer staatlich verordnet zum Friseur geschickt worden bin. Ich fühlte mich damals entstellt. Als Nichtmusiker würde ich meinen, dass bei Klangkörpern der gute Ton samt funktionierendem Rhythmus für gute Noten reichen müsste. Auch der Gleichschritt beim Marsch erscheint mir ein wichtiges Kriterium. Wobei für uns Zuhörer letztlich nur das „gut geblasen“ ein alles entscheidende Argument sein kann. Kurzhaarschnitte für Musikantinnen sind wohl auch keine Lösung.

Meinhard Eiter