Der Herrgott, die Menschen und die Liebe

Ein Leben voller Kunst: Professor Johann Weinhart in seiner Wohnung in Biberwier. RS-Fotos: Gerrmann

Die großen Themen des grandiosen Biberwierer Bildhauers Johann Weinhart

Wer von der Mittelstation der Marienbergbahn auf dem Barbarasteig hinauf zur Sunnalm wandert, der kommt an einem Bildstock vorbei. Doch halt: Er kommt nicht vorbei. Zu eindrucksvoll ist der Christus, der sich einem da förmlich entgegenreckt. Geschaffen hat ihn Johann Weinhart. Dieser Tage hat die RUNDSCHAU den Professor daheim in Biberwier besucht.

Von Jürgen Gerrmann

Es ist wohl das Lebensthema des bald 93-Jährigen (im November hat er Geburtstag): der Christus, der Retter, der sich den Menschen entgegenstreckt, sie hält, sich nach ihnen sehnt.
Und er sehnt sich nach ihm. Seit den furchtbaren Tagen und Nächten im Kriegsgefangenenlager in Uman in der heutigen Ukraine, als er im Winter in einer eiskalten Fabrikhalle nur mit einem kurzem Hemdle bekleidet und einer dünnen Decke über sich im Stroh auf dem Boden lag und ihn die Ruhr in den Klauen hielt: „Ich hab nur noch geweint und gebetet, Herrgott, hilf mir! Herrgott, hilf mir! Lass mich nicht fallen!“ Und dieses Gebet des jungen Burschen, der mit 17 in den Krieg geschickt wurde und mit 20 quasi als Skelett wieder heim kam, zieht sich durch sein ganzes künstlerisches Schaffen – auch bei der Plastik mit jenem Motiv; sie hängt im Sitzungszimmer in der Reuttener Bezirkshauptmannschaft, wo auch der Rat der Marktgemeinde tagt.

Die Schrecken des Krieges.

„Ich hatte Glück, denn ich hatte ene gute Natur“, sagt er heute. Doch, wenn man mit ihm spricht, dann spürt man, dass für ihn (wie wohl für die ganze Generation, die diese Gräuel mitmachen musste) der Krieg wohl nie vorbei war und ist.
Noch heute sieht er, wie es seine besten Freunde, den Winkler aus Landeck und den Schlick aus Osttirol, vor seinen Augen beim Minenräumen zerfetzte. Den einen zerriss es gleich, der andere starb wenige Tage später. Noch heute begleitet ihn die Situation, als ihn kurz nach dem Krieg Freunde mit zu einer Tanzveranstaltung nehmen wollten. Er schaute nur kurz mit rein und flüchtete dann regelrecht: „Ich konnte das nicht verstehen. Ich dachte, die sind wahnsinnig – wie kann man nach solchen Schrecken so herumhupfen?!“
„Ich bin verrückt“, sagt er über sich selbst. Was auch völlig natürlich ist. Wer solche Dinge durchmachen muss, der kann nicht in der Mitte bleiben, den muss es aus der Bahn werfen, die Seele ver-rücken.
Vieles hat er mit Hilfe der Kunst verarbeitet, die der gelernte Tischler zunächst an der Bundesfachschule für Holz- und Steinbearbeitung in Hallein und dann als einer der Besten seiner Schule bei Fritz Behn in dessen Atelier in Ehrwald erlernte: „Ich war Handwerker, aber kein Künstler. Der war Künstler, aber kein Handwerker“, erinnert er sich an diese Jahre.
Zunächst ging er zurück in seine Heimat nach Salzburg und arbeitete dort als Steinmetz, bevor er seine (vor 25 Jahren verstorbene) Frau Rosa kennenlernte und es ihn wieder ins Außerfern verschlug.

Die Kraft der Liebe.
„Der stärkste Motor ist die Liebe!“: Davon ist Johann Weinhart überzeugt.

Seine Skulpturen waren auch ein Versuch, die Gräuel wegzustecken, durch die er in seiner Jugend durchgehen musste. Schon ganz früh begleitete ihn dabei der Christus mit der ausgestreckten Hand: „Ich wollte auch im Krieg was zum Greifen haben. Etwas, an dem ich mich festhalten kann. So viel Freunde von mir sind gestorben…“
Eine seiner jüngsten Skulpturen zeigt Jesus in einer anderen Position. Als König, der am Ende der Zeiten kommt und alle Schwerter zerbricht. „Kraft der Liebe“ heißt sie und drückt damit wohl die Sehnsucht aller vom Krieg geschunden und zerschundenen Menschen und Völker aus – sowohl durch deren Titel als auch durch deren Umsetzung.

Miteinander und Gegeneinander.

Das Motiv wurzelt in der Apokalypse, mit der er sich viel beschäftigt und über die er sich mit seiner Lebensgefährtin Dr. Monika Medenus, einer gebürtigen Wienerin, intensiv ausgetauscht hat. Gleich daneben steht die „Moderne Apokalypse“, die die Furcht symbolisiert, dass das Gegeneinander unüberwindlich wird. Die „Integration“ etwas weiter links lässt einen Wunschtraum leben: „Wir müssen die Welt weiter tragen. Schwarz und Weiß. Barfuß und ohne Waffen.“ Bei seiner Plastik gelingt es.
Die „Zerbrochene Liebe“ geht vermutlich deswegen so zu Herzen, weil beide erkennen, dass sie nicht mehr zusammen kommen, „weil beide zerbrochen sind – das tut beiden weh“.
Die „Liebe“ spiegelt die Beziehung zwischen zwei Menschen wieder. Und sie berührte Monika Medenus vor 24 Jahren so, dass ihr sofort klar war: „Den muss ich kennenlernen, der hat die Liebe verstanden!“ Sie beschreibt diese Plastik selbst in berührenden Worten: „Halte mich fest, aber erdrück mich nicht! Umarme mich, ohne mich einzuengen! Stütze mich, aber bezwinge mich nicht! Lass mich Dir ganz nahe sein und dennoch ich bleiben!“
Die Beziehung zwischen Menschen nimmt eine zentrale Stellung im Wirken Johann Weinharts ein. Aber gleich daneben steht die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Unter die Haut gehend ist zum Beispiel die aus einem Stück gegonnene Helix-Plastik, bei der sich das Symbol der menschlichen DNA mit der Sündenschlange verschlingt (oder von ihr verschlungen wird). Die Äpfel sind schon wieder angebissen. Denn Weinhart leidet sicher unter einer Erkenntnis: „Wir stehen wieder vor demselben Problem – gottgleich sein zu wollen. Unsere Welt wird immer technologisierter, brutaler.“ Eine Kritik, ja, eine Anklage der Wissenschaft.
Und zu dieser Traurigkeit gesellt sich eine zweite: „Die Welt hat aus dem Krieg nichts gelernt. Wir als Soldaten, die durch diese Grausamkeiten hindurch mussten, schon. Aber sonst wird die Welt nicht gescheiter. Sondern immer dümmer. Immer überheblicher.“
Vielleicht stürzen ja deswegen im Doppelwerk mit zwei kreisrunden Scheiben auf der einen die Menschen wie in einem Fresko aus der Zeit von Hieronymus Bosch aus dem Zentrum hinunter Richtung Höllenschlund. Ein einziger kämpft sich auf der anderen aus seinem Ver-Rückt-Sein mühsam wieder nach oben, der Mitte, dem Zentrum zu. Dort steht das Kreuz.
„Auch die stärksten und überheblichsten Täter werden eines Tages den Herrgott brauchen“, ist sich Weinhart gewiss.
Beim Abschied gehen wir noch an einer Plastik im Wohnzimmer vorbei. Sie erinnert an einen Motor. Doch in dessen Zylinder befinden sich kein Kolben und keine Kurbelwelle. Sondern zwei menschliche Hände. „Der stärkste Motor ist die Liebe“, sagt der Künstler, der zu den größten zählt, die das Außerfern (in dem er es nicht immer leicht hatte und von dem auch einige Narben in seiner Seele stammen) je hervorgebracht hat. Dessen kann er sich schon jetzt, am Abend seines Lebens, sicher sein.

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