Der soziale Staat

Liebe Freunde der Solidarität!

So schnell kann es gehen. Vor knapp fünf Jahren hatten wir auch Krise. Damals brachte uns die Flüchtlingswelle an den Rand unserer Kapazitäten. Mehr politisch und psychisch als tatsächlich finanziell. Ein Großteil unserer Bevölkerung reagierte abweisend. Unser Staat sei übersozial, hieß es. Der Begriff „Sozial“ mutierte fast schon zum Schimpfwort. Am Stammtisch meinte so mancher, die Leute sollen halt mehr hackeln, dann bräuchten sie keine Hilfe. Viele forderten: Mehr Privat als Staat. Jetzt ist schlagartig alles anders. Selbst die Fleißigen brauchen Unterstützung. Ein kleines Virus namens Covid-19 hat das soziale Leben weitgehend lahmgelegt. Bund und Land reagierten prompt. Für gefährdete Betriebe und Arbeitsplätze wurde Milliarden als Soforthilfe freigegeben. Das ist gut so. Wichtig und richtig! Aber es zeigt uns Menschen auch auf, wie wir ticken. So lange es nur die anderen hart trifft, sind wir selbst für scharfe Maßnahmen. In Phasen des Wohlstands nährt das den Populismus. Rechts wie links. Erst bei wirklichen Problemen stehen wir zusammen. Vorbei das Geschrei. Die Regierenden machen einen guten Job. Die Opposition wäre gut beraten, zu schweigen. Weil mit dem reflexartigen Dagegen im Moment nichts zu gewinnen ist. Das Private ist längst auf ein Minimum reduziert. Der Staat tut, wofür es ihn gibt. Er sorgt für Sicherheit. Ärzte, Polizisten, Soldaten, Krankenhauspersonal, Pflegekräfte tun, was sie können. Auch die viel geschmähten Politiker sind jetzt unverzichtbar. Sie treffen tagtäglich Entscheidungen. Wir alle hoffen, dass die Krise bald vorbei ist. Ich hoffe, dass wir nicht vergessen. Übrigens: In wenigen Tagen feiern wir zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. Wahrscheinlich nachdenklich im stillen Kämmerlein!

Meinhard Eiter