Der Tod im Wandel der Zeit

Susanne Riml, Vroni Holzknecht und Zenzl (v.l.) beim Erzählnachmittag im Gedächtnisspeicher in Längenfeld. „Ich habe viel Elend, Trauer und Schmerz gesehen und auch gefühlt. Irgendwann habe ich dann angefangen, Menschen aufzubahren,“ erinnert sich Zenzl. RS-Foto: Hirsch

Oder: Als der Tod neben dem Leben noch Platz hatte

Die Ötztaler Hospizgruppe gestaltete gemeinsam mit den Ötztaler Museen einen Erzählnachmittag im Gedächtnisspeicher in Längenfeld. Ein Nachmittag, der den Wandel rund um die Themen Tod und Trauer besser nicht zeigen konnte. Ein bunter Kreis an Erzählern gab Einblicke in die eigenen Erfahrungen und lud zum Austausch ein. Auch die Ötztaler Kulturzeitschrift „Ache“ widmet sich in der neuesten Ausgabe diesem Themenkreis.

Von Friederike Hirsch

Der Umgang mit Tod und Trauer hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts radikal verändert. Er wurde aus der Mitte unserer Gesellschaft geschoben. Aus den Augen – aus dem Sinn. Feste Trauerrituale gibt es kaum noch. Menschen sterben allein in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Die Aufbahrung erledigen Fremde und nachts schließen sich die Türen der Leichenkapellen. Dabei saß man im Ötztal noch vor 30 Jahren tratschend um den offenen Sarg in der Stube, beim frisch Verstorbenen wachend, als ob er miterzählen könnte. Edith Hessenberger, Geschäftsführerin der Ötztaler Museen, eröffnete den Nachmittag mit den Worten: „Tod und Trauer sind Themen, die für jeden Einzelnen von uns wichtig sind.“ Susanne Riml, Obfrau der Hospizgruppe Ötztal, zeigte sich ergriffen, dass so viele Interessierte der Einladung gefolgt sind. „Ich bin froh und dankbar, dass so viele Menschen hier sind, um an den Gesprächen und Erzählungen teilzunehmen. Zudem feiern wir noch unser 15-jähriges Bestehen.“

1983 erschien die Ötztaler Kulturzeitschrift „Ache“ zum ersten Mal. Die Nummer 21 „in dunklem Grobe der Farbe Grau, fast schwarz gekleidet“ so Ursula Scheiber, handelt von Tod, Sterben, Verlust und Vergänglichkeit. RS-Foto: Hirsch
Der Nachmittag

Zenzl, die älteste in der Runde, erinnerte sich an die unterschiedlichsten Begebenheiten aus ihrer Zeit, als sie noch für die Hausaufbahrungen zuständig war. Heute lebt die 94-jährige im Altersheim in Oetz. „Um Gotteslohn“ hat sie über viele Jahre Menschen in ihrer Trauer begleitet, hat die Verstorbenen liebevoll und respektvoll in den Stuben aufgebahrt. „Oft ist die Trauer erst gekommen, wenn der Verstorbene beerdigt wurde“, sagt sie. Vroni, deren Alter nicht verraten wird, erzählt: „Die Aufbahrung im Haus war natürlich auch viel Arbeit. Die Stube wurde ausgeräumt und sogar die Vorhänge wurden abgenommen. Man hat weiße Gardinen aufgehängt und schwarzes, gefaltetes Krepppapier darum gebunden. Wenn ein Mann verstoben war, dann haben wir ein Kruzifix in den Herrgottswinkel gestellt und bei einer Frau ein Marienbild.“ Erst einen Tag vor dem Begräbnis kam der Sarg. Der Verstorbene lag, zudeckt mit einem Leintuch, auf einem Brettergestell im Kreise seiner Familie. Zweimal am Abend wurde in der Stube beim Verstorbenen der Rosenkranz gebetet. Familie, Freunde, Nachbarn und auch die Kindergartenkinder waren da. „Die Kinder haben für das Beten einen Brezen bekommen“, erzählt Vroni. Und nicht selten kam es vor, dass das eine oder andere Kind öfter zum Beten da war. Die Hausaufbahrung half bei der Trauerarbeit, da sind sich alle Anwesenden einig. „Den ganzen Tag war ein Kommen und Gehen, der Verstorbene stand im Mittelpunkt. Man weinte, trauerte und manchmal lachte man auch gemeinsam. Man erinnerte sich an den Verstorbenen, erzählte sich Anekdoten“, sagt Zenzl. Es war ein berührender Nachmittag, mal traurig, mal lustig, mal leise, mal laut – ein Nachmittag wie das Leben und das Sterben

Blick in die Vergangenheit

Ursula Scheiber schreibt in ihrem Vorwort zur neuesten Ausgabe der Ötztaler Kulturzeitschrift „Ache“: „Ob der Blick in die Vergangenheit beruhigt? Zumindest birgt die Sicht zurück eine gewisse Relativierung, wenn nicht sogar ein Gefühl der Solidarität in sich.“ Ungewöhnlich spät im Jahr ist die Ausgabe Nr. 21 erschienen. „Eine ,Ache‘ in dunklem Grobe der Farbe Grau, fast schwarz gekleidet“, die von Tod, Sterben, Verlust und Vergänglichkeit handelt, so Ursula Scheiber. Der Erzählnachmittag im Gedächtnisspeicher und das Lesen der „Ache“ Nr.21 schärfen den Blick und machen deutlich, dass wir eine neue Annäherung an das Sterben brauchen.

Neue Kultur des Sterbens?

Palliativmedizinerin Elisabeth Medicus, die jahrelang für die Tiroler Hospizgemeinschaft tätig war, glaubt, dass „eine neue Kultur rund um Sterben und Tod in der Luft liegt“. Das Team der Ötztaler Hospizgemeinschaft bricht eine Lanze für die Hausaufbahrung. „Neben dem Leben hatte früher eben auch der Tod seinen Platz“, sagt Susanne Riml. Keiner musste in den ersten Tagen der Trauer allein bleiben. Die Hinterbliebenen nicht und auch die Toten nicht.

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