Die Erinnerung an Solidarität als Schatz unserer Zeit

Die Beteiligten der bedeutungsreichen Ausstellung „Gedenken – Demut – Solidarität“: Die Künstlerinnen Anette Mainda und Hanne Kircher, „Huanza“-Obfrau Veronika Kunz, Psychotherapeut und Autor Jürgen Müller-Hohagen und Hang-Spieler Andreas Reisigl (v.l.). RS-Fotos: Zeller

Finissage zur Ausstellung „Gedenken – Demut – Solidarität“ in der Galerie Augenblick

Stenografie-Unterricht, Unterwäscheverkauf, ein Groschen im Kaffee – in den Konzentrationslagern der NS-Zeit hatte Solidarität viele, manchmal unscheinbare Gesichter. Anlässlich des Abschlusses der Ausstellung „Gedenken – Demut – Solidarität“ berichtete der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohehagen bei einer Lesung am Samstag über bewegende Gespräche und Begegnungen mit Zeitzeugen der Nazi-Zeit und reflektierte über Freundschaft, Solidarität und das Vergessen.

Von Jenni Zeller

Bedächtig und gefühlvoll zugleich berichtete Jürgen Müller-Hohagen von Erfahrungen mit NS-Zeitzeugen.

Knapp einen Monat lang stellten Hanne Kircher und Anette Mainda ihre symbolträchtigen Bilder und Holzskulpturen in der Tannheimer Raiffeisengalerie Augenblick aus. Mit ihrer Kunst setzen die Frauen sich intensiv mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus und mit Momenten der Menschlichkeit auseinander. Zur Ausstellungsfinissage hielt Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen eine Lesung aus den Werken, in denen sich das Ehepaar Ingeborg und Jürgen Müller-Hohehagen mit den psychischen Nachwirkungen der NS-Zeit und Zeitzeugenberichten befasst. Eine ihrer erstaunlichen Erkenntnisse ist, dass noch heute, rund 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, Nachkommen und Überlebende unter den Effekten des Nationalsozialismus leiden. So trugen Menschen, deren Eltern oder Freunde Widerstand leisteten, den Müller-Hohagens Berichte über Zwangssterilisationen und Tötungen zu und schilderten, wie sie wegen der systematischen Lügen der Nazis ob ihres Erbes nach wie vor von Angst und Scham erfüllt sind, die wie ein „großer Schatten“ über ihnen hängen. Als psychischen Abwehrmechanismus verfallen viele von ihnen in Schweigen; und ihre Geschichten drohen, in Vergessenheit zu geraten.

Das Erbe der Nationalsozialismus-Zeitzeugen.
Eines von Hanne Kirchers Werken zu den KZ-Baracken. Gegen Ende des Krieges wurden 1600 Menschen auf nur 100 Metern eingepfercht und lebten unter schlimmsten Bedingungen.

Durch ihre psychotherapeutische Arbeit haben die Müller-Hohagens Unglaubliches erlebt und wertvolle Freundschaften geknüpft. Besonders am Herzen liegen ihnen die ehemaligen KZ-Häftlinge Eugen Kessler und Resi Grünwiedl, deren Geschichten Lichtblicke der Solidarität in Zeiten der Grausamkeit sind. Während seiner zwei Jahre im KZ Dachau lernte Eugen Kessler von einem anderen Häftling Stenografie, Englisch und Schach. Er erlebte, wie ein Kantine-Arbeiter die SS zum Verkauf von alter Unterwäsche im bitteren Winter von 1935/36 überlistete. Als er kein Geld hatte, versteckte ein Unbekannter einen Groschen in seinem dünnen Kaffee. Kessler und Grünwiedl wussten beide, dass das Erbe des Nationalsozialismus weitergetragen werden muss; von Zeitzeugen zu Zeitzeugen der zweiten Generation und darüber hinaus.

Andreas Reisigl untermalte die Lesung mit den besinnlichen Klängen seines Hangs, einem Instrument, das aus zwei Blech-Halbkugeln besteht und hallende Töne von sich gibt.

Die Erinnerung an vergangene Fehler muss leben, während der Wert von Freundschaft und Solidarität zu schätzen gelernt werden soll. Freundschaft, als tiefster Ausdruck der Menschlichkeit, basiert auf Vertrauen und Ehrlichkeit und verleiht unseren Leben Sinn. Solidarität ist eng damit verbunden und unabhängig von religiösen oder politischen Einstellungen. In Anbetracht der Finanz- und Flüchtlingskrise sprechen Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen nun von einer weltweiten Solidaritätskrise. Abschottungspolitik, Nationalismus und die alleinige Sorge um die „Eigenen“ ist keine echte Solidarität. Solidarität ist, wenn Juden, Kommunisten und Christen in Vernichtungslagern einander bedingungslos unterstützen. Wahre Solidarität darf keine Grenzen kennen; damals nicht und auch nicht heute.

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