Die Königin und der Pflug

Wer den Pflug bewundern möchte, den königliche Hände geführt haben, kommt zum Erdgeschoss der Vilser Hammerschmiede. Um deren Sanierung kümmert sich ein Team um Lutz Norrmann (rechts) und Reinhold Schrettl sehr engagiert. RS-Fotos: Gerrmann

In der Hammerschmiede von Vils kann man auch dem bayerischen Hochadel nachspüren

In die Geschichte der Vorfahren eintauchen – das kann man in den Museen im Außerfern. Und jedes Exponat, das dort zu sehen ist, kann eine eigene Geschichte erzählen. Zum Beispiel der Pflug in der Hammerschmiede von Vils.

Von Jürgen Gerrmann

Viel Liebe zur Hammerschmiede in Vils lebt in Lutz Norrmann. Hier präsentiert der Projektleiter der Renovierung des alten Gemäuers ein Glanzstück der Ausstellung dort: den Pflug, mit dem vermutlich auch Bayerns Königin Marie dereinst geackert hat.

Der hat nicht nur eine jahrhundertelange Geschichte auf dem Buckel, sondern auch eine hochrangige Benutzerin. Sogar mit blauem Blut. Lutz Norrmann und Reinhold Schrettl, die sich für die Rettung der alten Hammerschmiede einsetzen, sind sich nämlich ziemlich sicher, dass es sich dabei um das landwirtschaftliche Gerät des Hofguts St. Anna handelte, über das Königin Marie von Bayern am 21. Oktober 1872 ins Besucherbuch notierte: „Zum ersten Mal im Leben geackert!“ Das war kurz nach dem 47. Geburtstag der einstigen preußischen Prinzessin. Begleitet wurde sie bei dem Ausflug in das von ihr so geliebte Außerfern (sie hatte ja auch ein Wohnhaus in Elbigenalp) von ihrer Oberhofmeisterin Gräfin Julie von der Mühle (der „Chefin“ ihres Hofstaates quasi) und einer weiteren Hofdame, Gräfin Charlotte Fugger. „Herrliches Wetter“ hatten die Damen laut dem handschriftlichen Eintrag auch.

141 mal bei den Hartmanns.

Auf dem Hofgut lebte damals der Schmied, und Familie Hartmann (deren Vorfahren schon über 200 Jahren auf dem Hof ansässig waren) war den „Kinigsleit“ anscheinend immer eine herzliche Gastgeberin. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Friederike Franziska Auguste Marie Hedwig (wie sie mit kompletten Vornamen hieß) von 1861 bis zu ihrem Tod 1889 sage und schreibe 141 Mal dort vorbeischaute.
Ihr 14 Jahre älterer Gatte Maximilian hatte als König von Bayern indes weniger Zeit oder Lust dazu: Er kam nur ein einziges Mal mit. Allerdings segnete er ja schon 1864 das Zeitliche.

Eine beliebte Legende.

Beider Söhne waren da schon öfter mit von der Tirol-Partie: Für Prinz Otto I. sind 25 Besuche verzeichnet, für seinen Bruder, der später als Ludwig II. König werden sollte, zehn weniger. Eine in Vils gern erzählte Geschichte berichtet, dass Ludwig (dem allerdings nicht das beste Verhältnis zu seiner Mutter nachgesagt wird) eine Wanderung mit der Frau Mama zur Burg Vilsegg unternahm, dort die Ruine der Schwanenburg bei Füssen erblickte habe und spontan angekündigt habe, dort ein Schloss zu bauen. Somit hätte in Vils die geistige Geburtsstunde von Neuschwanstein geschlagen. Egal, ob die Story nun stimmt, oder nicht: Schön ist sie allemal. Sicher ist aber der Weg, den die Königsfamilie von ihrem Schloss Hohenschwangau (wo Marie später auch starb) bei ihren Ausflügen ins Ausland wählte (wobei Vils ja erst seit 1816 statt zu Bayern zu Tirol gehörte): Man kam über die Lände und kehrte dort auch in der Regel im dortigen Gasthof ein.

Holzhacken und buttern.
Schwerter zu Pflugscharen: Ob Königin Marie an dieses Bibelwort gedacht hat, als sie mit diesem (damals schon historischen) Gerät ackerte?

Die im damals rasant wachsenden Berlin geborene Preußin scheint übrigens Gefallen an der bäuerlichen Lebensart gefunden zu haben. Und an Tätigkeiten, die ihr am Hofe verwehrt blieben. In ihren Gästebuch-Einträgen berichtet sie auch vom Holzhacken und Buttern, Tätigkeiten, die im europäischen Hochadel natürlich nicht unbedingt als standesgemäß galten. In Vils aber konnte sie ihrer landwirtschaftlichen Ader nachspüren.
Während das Butterfass in der kleinen Ausstellung im Dachgeschoss der Hammerschmiede nur symbolisch dort steht und garantiert nie von der Königin verwendet wurde, tendiert beim Pflug die Wahrscheinlichkeit klar in Richtung Gewissheit. „Er war der einzige, der hier in der Schmiede herumstand“, sagt Lutz Norrmann und Reinhold Schrettl fügt hinzu, dass das Ackergerät wesentlich älter als 150 Jahre sein müsse. Auch er glaubt an die Königinnen-Theorie: „Auch wenn wir ihn natürlich nicht auf DNA-Spuren untersucht haben“, zwinkert er.
Und so ist der Pflug das Glanzstück des kleinen Museums, das erst seit Kurzem existiert. Die Hammerschmiede wird ja zurzeit renoviert, und als das 78 000 Euro teure Dach in Angriff genommen wurde, machte man sich auch daran, das Obergeschoss, das laut Norrmann „total zugemüllt“ war, zu räumen: „Dabei haben wir gesehen, dass es hier eine riesige freie Fläche gab.“

Klein aber fein.

Und die nutzt man nun für eine kleine, aber feine Ausstellung. Da geht es natürlich um die Geschichte der Hammerschmiede selbst (inclusive ihrer prominenten Besucher), aber auch um die Hohenegger – in deren einstiger Waffenschmiede man sich ja jetzt befindet – und um die Eisenverhüttung im Mittelalter. Ein Film geht auf den Ersten Weltkrieg ein, und in dem Zimmerle daneben wird der Feldpostkarten-Nachlass von Engelbert Hartmann gehütet und präsentiert, der als Bewohner des Hofguts bei den Tiroler Kaiserjägern an der Dolomitenfront Dienst tat.

Info.

Die Hammerschmiede kann man momentan nur auf Voranmeldung bei Lutz Norrmann unter Telefon (0664) 912 3011 besuchen. Oder man nutzt das Kontaktformular auf der Internetseite www.vilsart.eu, wo man auch weitere Informationen findet. Zehn Personen sollten aber schon zusammenkommen, die auf den Spuren von Königin Marie wandeln wollen.
Übrigens: Samstag, 12. Oktober, um 16 Uhr gibt es eine Sonderführung (Karten dazu gibt es bei der Stadt Vils). Auch am Abend darauf öffnet man bei der Langen Nacht der Museen seine Pforten.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.