Die Reuttener Symphonie

Noch bis zum 8. Oktober heißt es „Sitz und hör zu“

Viele verschiedene Stimmen schaffen gemeinsam ein Musikstück – das ist eine Partitur. Diesem aus der Musik stammenden Thema der 28. Kulturzeit der Außerferner Kulturinitiative Huanza spürt noch bis zum 8. Oktober das Projekt „Sitz und hör zu“ nach:  Unter der künstlerischen Leitung von Christine Schneider ist quasi eine optische „Reuttener Symphonie“ entstanden.

Bei der Vernissage am Sonntag-nachmittag auf dem Platz vor der St. Anna-Kirche dankte Christine Schneider all ihren Mitstreitern, die mit ihrer Kreativität  gemeinsam die  Klangwelt der Marktgemeinde erlebbar machen. Mit ihren pfiffig umgesetzten Ideen haben sie nicht nur das Projekt, sondern auch den ganzen Ort reicher gemacht.

Duett aus Stille und Wasser. Bei der Initiatorin der Installationen selbst stehen zwei Themen im Vordergrund: Stille und Wasser. Diesem Duett (um in der Sprache der Musik zu bleiben) kann man sich sowohl am Brunnen auf dem Platz vor St. Anna als auch im Park bei der Tourismus-Info und unter den Bäumen am Bräukeller (wo die Blättern im Wind rascheln) hingeben und erleben, dass sich selbst in den lärmenden Städten von heute doch Oasen der Ruhe und der Einkehr finden lassen.
Denn das beweisen im Grunde alle der originellen Sitzgelegenheiten: Das bewusste Hinhören auf ein bestimmtes Geräusch (so unterschiedlich die Varianten auch sind) führt unwillkürlich auch zu einem In-sich-Hineinhören. Und zum Spiegeln der Klänge in Emotionen.

Laute Töne. Pro mente widmete sich unter der Regie von Christa Schmid und Daniel Praxmarer zum Beispiel den eher lauten Tönen: Beim von Michael Lacher, Thomas Knitel und Konrad Falger gezimmerten wuchtigen Holzsessel vor dem Schuhhaus Zangerl geht es um „Bremsen und Gas geben“, auf dem vom Team aus Alexandra Weißenbacher, Gerhard Arzl und jemanden, der anonym bleiben möchte, geschaffenen Sitzsack aus ausgedienten Kaffee-Packungen vor der Linden-Apotheke richtet sich das Gehör dann in Richtung der Baustelle in der Lindenstraße, wo Bagger und Walzen rollen  und Pflastersteine geklopft werden.

Vernetzt. Was „Vernetzung“ sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn bedeuten kann, demonstrieren Canan Altinsoy, Walter Klotz, Harald Jäger, Hermann Oberreiter und Martin Schennach von der Lebenshilfe Tirol auf dem Zeillerplatz. Drei durch Fäden verbundene Stühle wurden unter der Anleitung von Sandra Moosbrugger-Koch zu einer Bank und symbolisieren das Miteinander, Glocke und Windspiel appellieren dazu, allen Gehör zu schenken – den Lauten und den Leisen.
Roland Deutschs futuristischen Jägersitz vor dem Café Steh dominiert natürlich sein Markenzeichen: Klebeband.

Altes zum Toben. Schwer ins Zeug gelegt hat sich auch die 6AG des Reuttener Gymnasiums. Die Schüler haben unter Regie von Rene Egger gleich vier Objekte aus Sperrmüll und Altreifen geschaffen, von denen aus man dem Herumtoben der Kinder auf dem Spielplatz im Park am Untermarkt zuhören und zuschauen kann: Johanna Loncsek, Elisabeth Grässle, Clemens Schennach und Elias Lachmair einen Altreifen-Thron, Miriam Reinstadler, Julia Gruber, Sophie Hikel und Frederike Schmand einen Doppel-Holzstuhl, der von der indischen Grußformel „Namaste“ inspiriert ist, Peter Schneider, David Fügenschuh, Marco Perle und Robin Frischauf Reifensitze, denen zugleich ein Hauch Trampolin anhaftet, und Dorothea Hohenegg, Lena Keller, Isabell Hofherr und Linda Hechenberger eine gemütliche Matratzencouch. Paletten, die sonst weggeworfen werden, haben Jugendliche der Moja Reutte unter Leitung von Theresa Rauter und Laurens Holzammer zu einer strahlend-weißen Sitzgruppe ganz in der Nähe umfunktioniert, die zum Reden, Zeitunglesen oder Ausruhen einlädt und nach Ende der Kulturzeit von den jungen Leuten weiterverwendet wird. Übrigens: Chillen können dort jetzt auch über 20-Jährige. Es gibt keine Altersbeschränkung.

Strom. Last, but not least: Hinterm Lechpark hat Thomas Sittler an der Einmündung des Kanals in den Lech das Wort „Strom“ in seiner doppelten Bedeutung akus-tisch und optisch beleuchtet. Da summen und brummen die Turbinen im nahen Kraftwerk, da tost der Fluss unter der Sitzecke aus alten Kabeltrommeln. Wenn man sich dort niederlässt, kann man gar nicht anders als zu reflektieren, wie und womit man oft gedankenlos Strom benutzt und verschwendet. Denn auf dem Tisch stehen Alltagsgegenstände wie Laptop und Fön, Kaffeemaschine, Radiowecker und, und, und… Und so ist „Sitz und hör zu“ im Grunde weit mehr als eine pure Ausstellung origineller Dinge. Es ist zudem  eine Einladung an die Reut-tener und die Außerferner, diesen ihren Ort wieder neu zu entdecken. Und dadurch nicht nur ein wenig auch sich selbst.

Von Jürgen Gerrmann

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.