Die Römer und der Kratzer

Wo verlief die Via Claudia Augusta? Theorien dazu erläuterten bei der Samstagskultur Magnus Peresson vom Verein Alt-Füssen (rechts) und Klaus Wankmiller vom Museumsverein Reutte (links neben ihm). RS-Foto: Gerrmann

Interessante Samstagskultur des Reuttener Museumsvereins

Der Streit unter den Gelehrten, wo denn nun die alte Römerstraße Via Claudia Augusta bei Pinswang genau verlief, ist noch nicht definitiv entschieden. Magnus Peresson, der Vorsitzende des Historischen Vereins Alt-Füssen, ist sich jedoch sicher: „Sie kann nur über den Kratzer geführt haben.“

Von Jürgen Gerrmann

Seine Argumentation verfolgten am Samstag gut zwei Dutzend Geschichtsinteressierte aus den Reihen des Reuttener Museumsvereins, der im Rahmen seiner Samstagskultur zum Abstecher nach Pinswang eingeladen hatte, und von Alt-Füssen.
Klaus Wankmiller vom Reuttener Museumsverein hatte zunächst daran erinnert, dass die heutige Straße entlang des Lech bis 1782 gar nicht existierte: „Bis dahin gab es keine Talverbindung zwischen Füssen und Pinswang.“
Die Mönche vom Kloster St. Mang, die bis zur Säkularisation die Messen in der Ulrichskirche abgehalten hätten, seien täglich über den Stieglerberg gekommen. Und just den vermuteten einige Historiker bis heute als Trasse der Via Claudia Augusta.

Ein Irrtum als Theorie?

Im Rahmen seiner hochinteressanten Führung, die sich nicht nur um die alten Römer drehte, widersprach Peresson dieser Theorie heftig. Seine Argumentation fußte unter anderem darauf, dass sich über die ganze Pinswanger Gemarkung ein etwa fünf Meter breiter schnurgerader Geländestreifen ziehe, der mit einer einzigen Flurnummer versehen sei und sich im Besitz der Gemeinde befinde. Dahinter vermutet der Füssener die damals wie heute wichtigste Verbindung von Augsburg nach Rom.
Er glaubt auch, dass die Stieglerberg-Theorie nicht zuletzt einem Irrtum geschuldet sei, der Johann Gruber (einem aus München stammenden Gründungsmitglied von Alt-Füssen) auf seiner Wanderkarte von 1932 unterlief. Der Verleger habe sich eben in der neuen Heimat nicht so gut ausgekannt, den Kratzer an einer falschen Stelle eingezeichnet und daneben „Römerstraße“ geschrieben.

Manches abgerutscht.
Geschichtsexperten tauschen sich aus: Magnus Peresson (rechts) von Alt-Füssen und Klaus Wankmiller vom Museumsverein Reutte vollziehen den (möglichen) Verlauf der Via Claudia Augusta nach. RS-Foto: Gerrmann

Peresson argumentierte aber auch damit, dass das Lechbett in antiker Zeit ganz anders verlaufen sei: „Der Fluss hatte ein viel stärkeres Gefälle als heute, die Wassermassen schossen mächtig dahin. Das sieht man heute noch an den Prallfelsen. Heute mäandert er ja gemütlich.“ Daher hätten die Römer ihre Brücke sicher nicht am Fuß des Stieglerbergs gebaut, sondern an einer Stelle, wo der Strom besser beherrschbar gewesen sei.
Außerdem: Die Römer hätten ihre Trassen immer so gewählt, dass sie möglichst lange in der Sonne gelegen seien. Grund: Man habe sich nicht mit nassem und schlammigen Untergrund herumschlagen wollen. Auch dies deute darauf hin, dass der Anstieg von Pinswang aus an der Stelle unterhalb des Schlosses im Loch begonnen habe, wo nun der Wanderweg zum Kratzer starte.
Dass der heute gerade am Anfang nicht gerade wie eine Hauptverkehrsachse anmutet (weil er doch relativ schmal ist) braucht laut Wankmiller nicht zu verwundern: „In 2000 Jahren ist halt auch einiges abgerutscht oder abgetragen worden.“ Und im Römischen Reich habe man auch schon „Einbahnstraßen“ gekannt, auf denen morgens in die eine und abends in die andere Richtung gefahren worden sei. Eine Art Blockabfertigung also.
Zur Römer-Kratzer-Theorie passt für Peresson auch, dass dieser Weg wie alle wichtigen Verbindungswege schnurgerade und mit gleicher Steigung gebaut worden sei, die ein gleichmäßiges Marschieren ermöglicht hätten.

Vielsagender Name.

Und auch der Name des Passes sei vielsagend. In alter Zeit hätten die Fuhrleute einen Bremsschuh eingelegt, wenn es bergab gegangen sei: „Das hat einen Riesen-Radau gemacht. Weil es halt mordsmäßig gekratzt hat.“

Im Dornröschenschlaf.

Wie dem auch sei: Bei den Füssenern sei der Kratzer noch lange nach der Römerzeit sehr beliebt gewesen. Vor 100 Jahren habe man sogar noch mit dem Kinderwagen über die alte Verbindung können. „Die schönsten Mädchen gibt’s beim Kofler“, hätten die Füssener Burschen gesagt und sich über den Kratzer zum Tanz ins Pinswanger Wirtshaus begeben. Dabei seien die modischen Schuhe, mit denen sie ihre Freiersfüße bekleidet hatten, allerdings bei schlechtem Wetter auch einigermaßen derangiert worden.
Noch in den 50er-Jahren hätten die Pinswanger Bauern im Herbst ihr Vieh über den Kratzer in die Füssener Au getrieben. Nun aber ist die Originaltrasse jenseits der Passhöhe total verwachsen und wird nicht mehr gepflegt. Zudem blockiert ein hausgroßer Fels, der vom Schwarzenberg herunterstürzte, den Weg.
Und so schlummert die Via Claudia Augusta (so sie es denn ist) den Dornröschenschlaf. Denn Dornen und andere Hindernisse gibt’s ja zuhauf.

 

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