Die Unterjochung der Fremden

Während die Männer debattieren, isst sich die wilde Frau am Brot satt. RS-Foto: Dorn

Mitterers „Die Wilde Frau“ feierte bei den Tiroler Volksschauspielen Premiere

Plötzlich ist sie da, die wilde Frau, die die fünf Männer in ihrer einsamen Holzfällerhütte überfällt wie eine übernatürliche Erscheinung mit einer fremden Botschaft. Kurz sind die einsamen Arbeiter verstört von ihrer Stummheit, doch dann reagieren vier von ihnen mit skrupelloser Gewalt auf das ihnen Unbekannte und steigern diese bis zur Versklavung. Mit seinem 1986 entstandenen Stück führt Felix Mitterer die Zuschauer in eine abgeschiedene Welt, in der der zivilisierte Mensch wieder zu jener Bestie wird, von der er glaubte und behauptete sich verabschiedet zu haben.

Fünf Holzfäller fristen während der Saison in einer abgeschiedenen Hütte gemeinsam ein Dasein, das nur aus Arbeiten, Schlafen, Essen und dem Kampf um bessere Plätze in der Rangordnung besteht. Ihr Vorarbeiter ist Jogg (Helmuth Häusler), der die Verantwortung trägt und ständig den ehemaligen Zuchthäusler Lex (Franceso Cirolini) auf dessen Platz verweisen muss. Hias (Peter Mitterrutzner) als Ältester in der Truppe versucht sein körperliches Defizit mit viel Schmäh zu kompensieren und der junge Wendel (Lucas Zolgar) scheint sich längst abgefunden zu haben mit seinem Platz ganz unten in der Rangordnung. Auch der Fünfte im Bunde der einsamen Männer, der Holzfäller Much (Edwin Hochmuth) hat keine Bestrebungen, gegen andere zu rebellieren und akzeptiert widerstandslos die Hackordnung. Die Rollenverteilung ist schon nach wenigen Minuten geklärt und die Zuschauer werden vom Leben in der harten, abgeschiedenen Welt in den Bann gezogen. Doch plötzlich wird sanfte Musik hörbar und ein paar Schneeflocken werden durch die Hüttentür hereingetrieben. Es sind die Vorboten zu einer fast engelsgleichen Erscheinung, die den Männern zumindest einen Augenblick lang die Sprache verschlägt: Eine wilde Frau betritt die Unterkunft und ohne eine Wort zu sagen, nimmt sie Besitz von ihrer Umgebung. Stumm bleibt sie weiterhin, obwohl eigentlich ihre Gesten und ihre Mimik stark genug wären, um ihr Ausdruck zu verleihen. Doch die Männer verfallen nach der kurzen Andacht sogleich in ein unerbitterliches Besitzenwollen und entreißen der Frau ihre Individualität. Zum reinen sexuellen Objekt erniedrigt, wird sie zum allgemeinen Besitz erklärt und der Kampf der Männer um sie beginnt. Nur Wendel ahnt von ihrer Unberührbarkeit und verweigert ihre Unterjochung.

DIE HÖLLE DER ANDEREN. In dem Stück treffen zahlreiche Ebenen aufeinander, die in mehreren Schichten interpretiert werden könnten. So spielt Sakrales ebenso eine starke Rolle wie archaisch Bestialisches und wie ein Aufeinandertreffen des Menschen mit seinem Daimon wirkt es, als die Männer der Fremdheit der wilden Frau nur mittels brutaler Gewalt zu begegnen imstande sind. Inszeniert hat das Stück Klaus Rohrmoser in äußerst zurückhaltender Weise und nichts tritt in aufdringlicher Art vor die Handlung selbst. Die Schauspieler stehen dort, wo sie hingehören und keiner fällt aus der Rolle. Francesco Cirolini überzeugt als trinkender Macho, der sich der eigenen Unzulänglichkeit nicht bewusst werden will. Helmuth Häusler fällt von der Rolle als Alpha-Männchen und verantwortungsvoller Familienvater von einer Minute auf die andere in die des nur mehr vom Instinkt gesteuerten Despoten. Edwin Hochmuth bleibt in der Rolle des Mitläufers seiner Aufgabe gerecht und Lucas Zolgar zeigt zum Schluss, dass die Stummheit des Untergebenen dann zu Ende sein kann, wenn es gilt, mehr als die eigene Existenz zu schützen. Selbst Peter Mitterrutzner, der als lustiger Hias wohl eine der schwierigsten Rollen in diesem Stück besetzen muss, wird dieser in voller Weise gerecht und schafft es, auch das Innere seiner Figur hinter der clownesken Fassade zum Vorschein zu bringen. Lisa Hörtnagl, den Besuchern der Tiroler Volksschauspiele bekannt als großartige Darstellerin der unterschiedlichsten Charaktere, hat mit der Besetzung der stummen Frau eine Meisterleistung vollbracht: In der Reduktion auf den rein körperlichen Ausdruck kreiert sie ein eigentümliches Wesen, das sich selbst authentisch ist. Dass sie diese stumme Figur trotz des heftigen Gepolters der anderen in den Zuschauerraum hineinzutragen imstande ist, lässt die Größe der Kraft erahnen, die sie in die Rolle steckt.

Von Agnes Dorn

Lisa Hörtnagl gibt der stummen Frau Ausdruck, der unter die Haut geht. RS-Foto: Agnes Dorn
Der Zuchthäusler Lex will wie seine drei Kollegen auch die Frau besitzen.
RS-Foto: Agnes Dorn

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