Die Zeit neu definieren!

Auf zwölf Beinen nach Florenz! Michl, Enzo, Blou und Benigna (v.l.) kamen auf ihrer Reise auch durch Pflach und fühlen sich im Außerfern sichtlich wohl. RS-Foto: Wagner

Gar nicht so einfach, wenn zwei Esel den Weg bestimmen

Entschleunigen – ein gern gebrauchtes und daher auch ziemlich strapaziertes Schlagwort – fällt einem ein, wenn man vier Wanderern auf zwölf Beinen begegnet. „Die Zeit neu definieren“ trifft es ungleich besser, was eigentlich deren Beweggrund ist.

Eine aufmerksame Dame aus Pflach wollte eigentlich nur beim Dorfbäcker einkaufen und staunte nicht schlecht, als ihr zwei gut gelaunte Wanderer mit ihren tierischen Begleitern über den Weg liefen. So etwas sieht man schließlich nicht alle Tage!
„Das wär doch etwas für die Zeitung“, meinte die Pflacherin bei ihrem Anruf im RUNDSCHAU-Büro in Reutte. Susanne Wagner und Manuela Anderwald vom RUNDSCHAU-Team machten sich auf den Weg, die illustre Fußgruppe zu suchen und begegneten den Vieren in der Nähe des Vogelturms im Pflacher Gewerbegebiet.
Benigna und ihr Sohn Michl sind tatsächlich am 16. April zuhause in Rauen, etwa 40 Kilometer östlich von Berlin, aufgebrochen und haben sich Florenz als Ziel gewählt.
Mit ihren beiden Eseln, Enzo (acht Jahre alt) und Blou (neun Jahre alt), legten sie auf ihrer Reise Richtung Süden bereits etwa 1000 Kilometer zurück. Durchschnittlich laufen die Vier zwischen 15 und 20 Kilometer pro Tag – kommt immer darauf an, wie die beiden Esel mitspielen. „Wir schlafen im Zelt oder kommen in Bauernhöfen unter. Bis jetzt haben wir noch überall Schutz gefunden und waren allerorts herzlich willkommen. Wo wir gefragt haben, wurden wir immer gut aufgenommen“, erzählen die beiden im Gespräch mit der RUNDSCHAU.

Die Zeit neu entdecken.

Es ginge ums Abschalten – darum, die Zeit neu zu definieren.
Nach Florenz wollen sie, weil die Tochter bzw. Schwester im September dort auf Klassenfahrt sein wird. Ende September möchten Benigna und Michl daher die Perle der Toskana erreicht haben. „Das ist allerdings nicht immer ganz einfach, denn nicht wir, sondern Enzo und Blou geben den Weg vor. Da kann es schon einmal sein, dass wir nicht Richtung Süden, sondern entgegengesetzt gehen müssen. Gerade am Anfang unserer Reise glaubten unsere Esel, dass wir nur einen Ausflug mit ihnen machen. Oft wollten sie daher wieder zurück nach Hause laufen. Erst im Laufe der Zeit haben sie dann auch eingesehen, dass wir längere Zeit unterwegs sein werden und eigentlich in eine bestimmte Richtung – nämlich nach Süden – wollen.“
Da die beiden treuen Vierbeiner die Lasten tragen, sei ihnen ihr zeitweiliges Störrischsein wohl verziehen. Auch das definiert Zeit schließlich ein bisschen neu!
Sie seien beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Menschen, denen sie begegnen, schildern Mutter und Sohn. Auch die unterschiedlichen Landschaften, die sie durchwandern, prägen sich ein. Orientiert wird sich mit Landkarten und Handy.

Erholen.

Um sich auf der langen Wanderung auch einmal länger zu erholen und vor allem auch Enzo und Blou Verschnaufpausen zu verschaffen, helfen Benigna und Michl immer wieder auf Biobauernhöfen mit.
Die beiden sind Mitglieder beim Netzwerk „WWOOF“ (World-Wide Opportunities on Organic Farms, weltweite Möglichkeiten auf Biobauernhöfen). Sie helfen und arbeiten immer wieder freiwillig auf Biobauernhöfen mit und erhalten dafür Kost und Logis. „Ich habe dadurch schon sehr viel gelernt“, erzählt Benigna, „ich kann jetzt Sensen dengeln, Ziegen melken und käsen“, schildert Benigna ihre Erfahrungen.
Auf einem Biobauernhof in Italien möchten sie auch überwintern. „Die Rückreise wollen wir im kommenden Frühling antreten. Über den Winter möchten wir gerne auf einem Hof mitarbeiten“, erzählt Michl über die weiteren Reisepläne.
Erst einmal geht es aber entlang der Via Claudia Augusta Richtung Süden nach Florenz, wo man – wenn die beiden Esel Enzo und Blou mitspielen – Ende September mit der Tochter bzw. Schwester zusammentreffen will.
Die RUNDSCHAU wünscht den Vieren eine spannende, erlebnisreiche Reise und eine gesunde Ankunft in Florenz. Und wer weiß, vielleicht kommen Benigna, Michl, Enzo und Blou im Frühling wieder beim Pflacher Dorfbäcker vorbei? Was sie dann wohl alles zu erzählen hätten …