Dies war ein genialer Streich

Trash-TV vom Feinsten: die Talkshow zu Max und Moritz. Von links: Roland Melekusch als Lehrer Lämpel, Tamara Perl als Psychologin Schneider-Böck, Fritz Höllrigl als überforderter Moderator sowie Christian Mühlburger und Sabrina Schilder als Onkel Fritzi und Tante Mitzi. RS-Fotos: Gerrmann

Reuttener Heimatbühne begeisterte mit „Max und Moritz“

Kann einen ein 154 Jahre alter Comic heute noch vom Hocker reißen? Die Antwort ist klar: Wenn man ihn so in Szene setzt wie die Reuttener Heimatbühne Wilhelm Buschs Bildergeschichte „Max und Moritz“ – dann auf jeden Fall. Ein Beweis dafür waren auch die Beifallsstürme im Paulusheim nach der Premiere und den anderen Aufführungen am ersten Spielwochenende der 45. Saison der Laienspielschar.

Von Jürgen Gerrmann

Mit Hilfe von Peter Wallgram (einem Breitenwanger, der an den Wuppertaler Bühnen schon einige bemerkenswerte Inszenierungen hingelegt hat) schaffte es die Heimatbühne, über sich hinauszuwachsen. Denn dieses Stück ist viel, viel mehr als ein lustiger Schwank, bei  dem man herzlichen lachen kann, der aber nicht in die Tiefe geht. Es ist auch ein Panoptikum des Zeitgeistes. Titel und Ur-Story sind da eher ein Gerüst, mit dessen Hilfe man eine Satire über die (nicht zuletzt TV-geprägte) Gesellschaft von heute aufbaut. Die erste Stufe wird noch weitgehend vom Konventionellen getragen: Da sitzt Erzähler Fritz Höllrigl noch wie der Opa im Lehnstuhl und rezitiert die Verse, die sich in der Erinnerung wohl eines jeden eingebrannt haben, seit er oder sie sich die Reime unzählige Male von Mama und/oder Papa  vorlesen lassen hatte.

KLASSIK, RAP, THEATERCHOR.

Aber aufgepeppt wurden sie in der sparsamen Kulisse dennoch – mit klassischer Musik ebenso wie mit einem Rap, mit Lichteffekten und einem Theaterchor wie in der griechischen Antike, der zum Beispiel die vier armen Hühner, denen die beiden bösen Buben buchstäblich an den Kragen gehen, verkörperte. Mittendrin in einem herrlichen Kostüm Sabrina Mürkl, die in ihrer Rolle als Witwe Bolte aufging und mit ihr alle Emotionen (von der Vorfreude auf ein herrliches Sauerkraut über die Trauer über das dahingemeuchelte Federvieh bis zu Wut auf den zu Unrecht des Mundraubs verdächtigten Spitz) durchlebte. Aber all das war quasi nur der Anlauf für den zweiten Streich – als man das Geschehen in einer der ebenso unzähligen wie unsäglichen TV-Talkshows, die in der Endlosschleife über die Bildschirme flimmern, hineinholte. Tobias Simma war da ein stummer, aber wirkungsvoller Assistent, der den Zuschauern per Plakat ultimativ vermittelte, wann es zu klatschen oder still zu sein hatte.

EIN ENDE IM CHAOS.

Fritz Höllrigl brillierte da als abgedrehter und zuweilen durchgedrehter Moderator, der mit all den  abgedroschenen Phrasen des Genres jonglierte, dem indes das Geschehen mehr und mehr entglitt. Einfach köstlich auch Tamara Perl als Psychologin Schneider-Böck (nur echt mit Doppelnamen!), die sich mit dem Religionslehrer Magister Bachelor of Science Lämpel (herrlich verkörpert von Roland Melekusch) heillos in die Haare bekam, wer denn nun Schuld daran trage, dass Max und Moritz so aus der Bahn getragen wurden – die Schule oder das Elternhaus. Letzteres wurde natürlich von Tante Mitzi und Onkel Fritzi (auch Sabrina Schilder und Christian Mühlburger waren glänzend disponiert) als Erziehungsberechtigte aufs Heftigste bestritten.

Auch Superstars der Schmalz-Musik: Michael Singer und Simon Niedermayer als Max und Moritz.

Der nassforsche Sportlehrer Hermann Hirscher (Thomas Frick war die personifizierte Fitness pur) scheiterte ebenfalls an der Zähmung der beiden Widerspenstigen. Und so war die beseelte Chorleiterin (Raphaela Siebenhüner ging in der Rolle auf) die letzte Hoffnung, die allerdings auch jäh zerplatzte, nachdem das Duo der Bösewichte zum Heintje-Playback „Deine Tränen sind auch meine“ schmetterte und dabei sämtliche Register des Schmalz- und Schnulzen-Genres zog. Da gab’s im Publikum kein Halten mehr.

Einfach grandios auch der Multimedia-Ausflug ins Reich des Pseudo-Investigativ-Journalismus: Auf der Suche nach den Eltern von Moritz RTLte und Sat1te es gewaltig, das Trash-TV übernahm auf der Bühne das Kommando, da wurde jedes Klischee der Sendungen, mit denen Tag für Tag Stunden Programm mit niedrigsten Kosten und auf niedrigstem Niveau gefüllt werden, ausgepackt, aufpoliert und zum Strahlen gebracht. Fehl am Platze war man beim Besuch eines Ehe- und Elternpaares, dessen Wohnungseinrichtung hauptsächlich aus leeren Bierdosen zu bestehen schien und das sich nicht mal dunkel daran zu erinnern vermochte, einen Sprößling namens Moritz zu besitzen. Die Starreporter hatten sich nämlich leider in der Hausnummer ge- und damit verirrt. Höchst unergiebig war auch der Besuch auf der Jet-Set-Dachterrasse, wo man bei Wodka-Red Bull auch nicht so recht wusste, wo sich der Nachwuchs gerade aufhielt.

GUSTOSTÜCKERL DER SATIRE.

Diese Einspielung war ein fantastisches Gustostückerl der Satire: Die „internationalen Rechercheteams“, die heute fast in jeder Nachricht auftauchten, bekamen da ihr Fett weg, und bei der Szene mit der Glamour-Lady war HC Straches Ibiza-Video allgegenwärtig: „Mei is die schoaf!“ Zack, zack, zack wurde dann wieder ins Studio (respektive ins Paulusheim) geschaltet. Es muss schließlich schnell gehen im Null-Inhalts-Journalismus.

Aller guten Dinge sind drei: Im finalen Akt wurde erneut das Setting geändert. Bei  einer „Mackie-Messer“-Variation fühlte man sich in eine Revue versetzt, aber eine Prise absurdes Theater war ebenso mit von der Bühnen-Partie wie eine wilde Verfolgungsjagd a la Charlie Chaplin oder Dick und Doof aus der guten alten Stummfilm-Zeit, als die Bilder laufen lernten.

Da wurden  die Grenzen der Theatergattungen ebenso gesprengt wie die des bis auf den letzten Platz gefüllten Saales: Die wilde Jagd führte nicht nur durch die Türen, sondern auch durchs Fenster hinaus.

WAGNIS HAT SICH GELOHNT.

Michael Singer und Simon Niedermayer dürften die ideale Besetzung für den Max und den Moritz gewesen sein. Ihnen saß der Schalk von der ersten bis zur letzten Szene im Nacken, und man hatte den Eindruck, als freuten sie sich in der Tat wie zwei Lausbuben, dass sie die Titelrollen spielen durften. Es war ein Wagnis, das die Reuttener Heimatbühne mit diesem Stück einging. Aber es hat sich gelohnt. Die Vielfalt der Elemente verlangt den Schauspieler einiges ab. Aber gerade das gibt ihnen auch die Chance, Neues zu lernen und sich weiter zu entwickeln und damit zu entdecken, was so alles in ihnen steckt. So manche(r) dürfte da über sich selbst gestaunt haben. Mit Peter Wallgram und seiner fantastischen Adaptierung und Inszenierung sowie seinen beiden Regieassistenten Christiane Budde und Roland Hiebl haben sie diese Chance einfach grandios genutzt.

Und das Urteil folgt sogleich: Dies war ein genialer Streich!

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