Dieses Buch lesen auch Männer

Raoul Schrott erzählt von Kanonieren, Weltumseglern, Meuterei, Schiffbruch, Kannibalen, Krankheiten, zurückgebliebenen Geliebten – mit einer Gaudi, die auch die Leser befällt. RS-Foto: Archiv

Raoul Schrotts „Eine Geschichte des Windes“ macht das Jahr 1519 lebendig

 

Der aus Landeck stammende Raoul Schrott verführt wieder einmal zum Lesen. Diesmal schafft er’s mit einer Geschichte eines Kanoniers, der an Magellans erster Weltumsegelung teilgenommen hat. Nachdem er auf dieser Expedition ins Unbekannte weder Krankheiten noch Schiffbruch noch Kannibalen zum -Opfer gefallen und derart ziemlich glücklich heimgekehrt ist, ist er gleich zur nächsten Weltumsegelung aufgebrochen …

 

Von Daniel Haueis

 

Der Portugiese Magellan machte sich vor genau 500 Jahren auf, um eine Route zu den Gewürzinseln ausfindig zu machen, um die in Europa mit Gold aufgewogene Nelke oder Muskatnuss heim zu bringen. Dabei schaffte er die erste belegte Weltumsegelung. Ein Filmemacher wollte Ferdinand Magellans Route nachfahren und lud Raoul Schrott dazu ein. Als der aus Landeck stammende Schriftsteller wie vereinbart in Südamerika auf den Filmemacher wartete, kam die Nachricht: Er kommt doch nicht, das Filmprojekt ist gestorben. Also schwang sich Schrott allein in den Geländewagen und suchte auf Schotterpisten den Weg zu Ferdinand Magellan. Gefunden hat er dabei zwei deutsche und einen österreichischen Teilnehmer an dieser ersten Weltumsegelung. Vom Österreicher finden sich fast keine Spuren, es könnte sich aber um einen Innsbrucker handeln. Der zweite Deutsche wurde in Südamerika gefangengenommen und ist gestorben. Und von Hannes aus Aachen (Juan Aleman) gibt’s auch kaum Hinweise, außer die Vornamen seiner Eltern und dass er Kanonier war, aber: Sein Name findet sich auch auf einer Liste der Teilnehmer einer weiteren Weltumsegelung, und vielleicht auch einer dritten. Und das, obwohl von 250 Teilnehmern der ersten nur 18 zurückgekommen sind. Und von der zweiten sind nach neun Jahren lediglich sieben von 500 heimgekehrt. „Was ist das für einer? Das hat mich interessiert“, sagt Raoul Schrott, der damit den Stoff seines neuen Buches hatte, das auch ein paar Monate der Recherchereisen mit sich brachte – etwa auf die Philippinen, wo Magellan umgebracht und von Kannibalen gegessen worden sei.

 

LEBENDIGE SPRACHE. Schrott erzählt nicht die Geschichte derjenigen, die sich in einer Kajüte an Deck bei Wein und Fleisch und Marmelade darauf vorbereiten, dereinst in die Geschichtsbücher einzugehen – Schrott sieht die Weltumsegelung „von unten“, aus dem Bauch des Schiffes, aus der Sicht derjenigen, die nicht nur dem Meer und der unbekannten Welt ausgeliefert sind, sondern auch den Oberen und deren Intrigen. Es sei auch „eine Geschichte des Gehorsams“ und daher auch eine Schelmengeschichte, sagt Schrott. Er bedient sich dabei der Sprache jener Zeit, jede Menge heutiger Redewendungen stamme von damals. Damals sind auch die Schelmenromane aufgekommen – „da wird geschildert, wie die Welt funktioniert“, sagt Schrott. Das Buch in dieser Jahrhunderte alten Sprache zu verfassen, sei jedenfalls „eine zusätzliche Gaudi“ gewesen, gesteht Schrott – weil die heutige Sprache der Literatur so steril sei. Da den Weltumseglern nicht klar war, wo sie sind, wie groß die Welt ist und ob nicht doch irgendwo ein Loch ist, in das das Meer abrinnt, lässt sich eine heute unbekannte Ungewissheit doch nochmals erleben. Hinzu kommen Kanonen und Meuterei und Stürme und Kannibalen und Krankheiten und zurückgelassene Geliebte. Also spricht das Buch auch Männer an, wie Raoul Schrott bei Lesungen feststellen konnte: „Ich habe ein gemischtes Publikum, die Hälfte sind Männer. Das hat man sonst nur bei einem Buch über Hans Krankl.“ Und dann noch das Ende des Hannes aus Aachen! (das an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird). „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“ war also „eine Gaudi zu schreiben und zu lesen“, sagt Schrott. Am 26. November tut er dies in Innsbruck, nachdem er bereits fünf Literaturfestivals damit eröffnet hat und auch bei der Frankfurter Buchmesse dabei sein wird.

 

Das Buch

Raoul Schrotts neues Werk Cover: Hanser

Raoul Schrott: „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“, ISBN: 978-3-446-26380-2, 324 Seiten, 26,80 Euro. Erschienen am 19. August 2019.

 

Preise und Werke

Raoul Schrott, geboren 1964, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel- und den Joseph-Breitbach-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt Homers Heimat (2008), Gehirn und Gedicht (2011, mit Hirnforscher Arthur Jacobs), die Erzählung Das schweigende Kind (2012), die Übersetzung von Hesiods Theogonie (2014), der Gedichtband Die Kunst an nichts zu glauben (2015) sowie Erste Erde (Epos, 2016), Politiken & Ideen (Essays, 2018). Raoul Schrotts Bandbreite zeigt sich schon in diesem kleinen Werkausschnitt; besonders empfohlen sei seine Übertragung der Ilias (2008).

 

„Ein mords Projekt“

Raoul Schrott arbeitet am „Atlas der Sternenhimmel“

Raoul Schrott arbeitet derzeit und wohl noch längere Zeit am Projekt „Atlas der Sternenhimmel“, das laut Hanser-Verlag im Herbst 2022 veröffentlicht werden soll. Er widmet sich den Sternenhimmeln etlicher Kulturen, die jeweils andere hatten und andere Geschichten dazu. „Was bedeutet der Jaguar am Himmel?“, fragt Schrott – und sucht die Antworten in rund 20 Sternenhimmeln, die mit den Erzählungen gemeinsam eine Art älteste Bücher der Welt darstellen. Tagsüber war der Jaguar ein gefährliches Tier und eine Gefahr, nachts fand er sich am Sternenhimmel. Raoul Schrott spricht von einem „mords Projekt“, für das er verschiedene Länder bereist, in Südamerika war er schon. Und er sucht einen Grafiker, da die Sternenhimmel natürlich zu gestalten sind. „Das ist nicht zu zahlen“, sagt Schrott über die Arbeit, die die Erstellung der Sternbilder-Karten machen wird. Es ist also ein „Liebhaber“ bzw. Künstler, der daraus ein Projekt machen will, gesucht.