Eierlikör & Freudenhaus

Liebe Freunde des selektiven Medienkonsums!

Das tägliche Studium der Zeitung ist auch eine Frage der Zeit. Beim Frühstückskaffee, im Zug oder in der Büropause können nicht alle Artikel von A bis Z gelesen werden. Und so überfliegt man Altbekanntes und oft bereits am Vorabend in Radio und TV Wahrgenommenes im Eiltempo. Und begibt sich auf die Suche nach den kleinen, aber feinen Nachrichten. Jüngst war das für mich inmitten einer Flut von Analysen zum schrittweisen Rückzug der deutschen Kanzlerin Angela Merkel der Leserbrief einer Frau zum Thema Eierlikör. Die Dame mokierte sich über ein EU-Urteil, wonach die beliebte Spirituose neben Eigelb und Eiweiß sowie Zucker oder Honig keine Milch enthalten dürfe. Sie, die Verfasserin der Klageschrift, werde jedenfalls weiterhin das alte Rezept ihrer Oma verwenden und sich nicht von den Politikern in Brüssel vorschreiben lassen, wie sie ihren Likör ansetze. Dieser Ärger ist menschlich verständlich. Aber noch viel mehr ein fatales Signal. Denn gar nicht so wenige Menschen werden bereits im nächsten Jahr bei der EU-Wahl genau derartige Argumente anführen, um dem Urnengang fern zu bleiben. Ein Gremium, das in wichtigen Sozial-, Wirtschafts- und Friedensfragen fahrlässig handelt, aber sich stattdessen über die Fragen der Krümmung von Gurken oder die Mischung von alkoholischen Getränken wichtig macht, erachtet so mancher als überflüssig. Was letztlich die großartige Idee eines vereinten Europas gefährdet. Schmunzeln ließ mich eine andere Meldung. Am Urisee bei Reutte eröffnete jetzt, nach emotionalen Diskussionen, das Freudenhaus „FKK Club 6. Himmel“. Die Betreiberin des Etablissements lud zum Tag der offenen Tür. Zu betrachten waren dabei Räume und Möbel, nicht die Belegschaft. Trotzdem kamen sehr viele Besucher. Wie die Chefin vermerkte, gut die Hälfte davon Frauen. Was an Cocktails angebunden wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Eierlikör war‘s nicht!

Meinhard Eiter

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