Ein großer Künstler mit Wurzeln im Außerfern

Das zerbrechende Menschenbild, die Verletzlichkeit des Individuums sind zentrale Themen von Rudolf Wacker, eines Künstlers mit Wurzeln im Außerfern, dessen Werk nun ( fast 80 Jahre nach seinem Tod) mehr und mehr gewürdigt wird – unter anderem mit Ausstellungen in Wien und Bregenz. RS-Fotos: Gerrmann

In einer großen Ausstellung im Wiener Belvedere sind auch drei Werke von Rudolf Wacker zu sehen

Im Unteren Belvedere in Wien läuft zurzeit eine beeindruckende Ausstellung: Sie widmet sich der von der Donaumonarchie geprägten Kunst der Zwischenkriegszeit. Und mittendrin ist ein Maler mit Wurzeln im Außerfern: Rudolf Wacker.

Von Jürgen Gerrmann

Grenzen in der Kunst sind Utopie.

Rudolf Wackers Großvater stammte aus Obergarten, sein Vater war angesehener Baumeister in Bregenz, er selbst besuchte gerne seine Verwandtschaft im Außerfern, deren Nachfahren noch heute dort leben (unter anderem in Bichlbach und Reutte) und 1984 gab es in der Dengel-Galerie eine Ausstellung mit Selbstbildnissen.

Komplex und ohne Grenzen.
„Klima ist nicht das Ende“ heißt die Ausstellung in Wien.

„Klima ist nicht das Ende“, lautet der Titel der Schau, die in Wien noch bis zum 26. August zu sehen ist. Kurator Dr. Alexander Klee verfolgt dabei einen faszinierenden Ansatz: „Eine Reduktion der Kunst dieser Epoche nur auf Österreich funktioniert nicht“, sagt er im Gespräch mit der RUNDSCHAU. Daher habe er ein repräsentatives Bild aus allen Teilen der früheren Donaumonarchie zusammenstellen wollen. Nur nach Kunstrichtungen gegliedert. Nicht nach Nationalität: „Es gibt keine Kunst der Republik Österreich. Es ist eine Utopie, Grenzen für Kunst ziehen zu können.“ So gehöre Rudolf Wacker zum Beispiel genauso zum Bodensee und zum Allgäu wie zu Österreich: „Geschichte und Kunstgeschichte ist nicht auf Schlagworte zu reduzieren, die Populisten benutzen. Sie ist komplex.“
Das gelte auch für die Kunst Rudolf Wackers, der gleich mit drei „Top-Exponaten“ (so Klee) vertreten ist: Begriffe wie „neue Sachlichkeit“ oder „magischer Realismus“ seien da letztlich nur Krücken. Am ehesten spiegle sich auf seinen Bildern ein zerbrechendes Menschenbild wider: „Sie sind sehr befremdend und doch faszinierend.“ In ihnen vermöge man der persönlichen Verzweiflung ebenso nachzuspüren wie den gesellschaftlichen Umbrüchen dieser Zeit. In seinem Realismus und seiner Gesellschaftskritik finde sich vermutlich nur noch einer auf Rudolf Wackers Stufe: Herbert Ploberger.
Der rote Faden, der die Bilder dieser Ausstellung miteinander verbindet, ist die Kunstpädagogik. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts habe man den Künstler immer als Genie gesehen, in Österreich-Ungarn aber die Auffassung vertreten, jeder habe die Grundlage, Künstler zu werden. Dieser Ansatz sei 1871 als verbindlich für den Unterricht in der gesamten Donaumonarchie erklärt worden. Zeichnen habe dabei eine große Rolle gespielt. In den Abschlussklassen seien zum Beispiel pro Woche vier Stunden Deutsch und acht Stunden Zeichnen gelehrt worden.

Kunst überdauert.

Schon damals habe man also eine übernationale Linie verfolgt. Das habe auch Vorteile für den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gehabt: „Es entstand ein in der Welt einmaliger Kulturraum, der sich heute noch nachzeichnen lässt.“ Und eben nicht mit der Monarchie untergegangen sei, sondern überdauert habe und sogar heute wieder auflebe. Als verbindendes Element: „Die Grenzen habe sich in der Donaumonarchie ohnehin permanent verändert. Sie existieren nur politisch, nicht kulturell. Sie sind ein Zeichen von Macht, mehr nicht. Je nationaler die Staaten sind, desto transnationaler sind die Künstler.“ Das habe sich auch in der Zwischenkriegszeit gezeigt.
Die europäische Dimension und die große Bedeutung dieser Ausstellung wird auch dadurch deutlich, dass sie im Herbst anlässlich der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft nach Brüssel weiterwandert und im Museum Bozar gezeigt wird.

Kennenlernen.

Die Außerferner, die sich mit der Kunst Rudolf Wackers, der 1939 nach einem Gestapo-Verhör an einem Herzanfall starb, beschäftigen wollen, müssen übrigens nicht so weit fahren: Vom 9. Juni bis 17. Februar läuft im Vorarl-berg Museum in Bregenz eine große Ausstellung „Wacker im Krieg“. Und Christine Schneider, die selbst Künstlerin ist und über ihre Mutter auch Wurzeln in der Wacker-Familie hat, stellt Leben und Werk des Künstlers bei einem Vortrag am Dienstag, dem 12. Juni, um 19 Uhr in der Bücherei Reutte vor.

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