Ein Schritt nach vorn, ein Blick zurück

Regionalhistoriker ganz in ihrem Element – Mag. Dominik Weber, Dr. Astrid Kröll und Mag. Magdalena Winkler (v.l.). RS-Fotos: Zeller

Spannender historischer Abend zur Eröffnung der Volksschul- und Kindergartenerweiterung in Pflach

Anlässlich der feierlichen Eröffnung der Erweiterung der Volksschule und des Kindergartens lud das Pflacher Chronistenteam zum historischen Abend mit Mag. Magdalena Winkler, Mag. Dominik Weber und Dr. Astrid Kröll ein, die das zahlreich erschienene Publikum auf eine Zeitreise in die Vergangenheit Pflachs entführten. 

Von Jenni Zeller

„In Pflach gibt’s nichts!“, lautete die Antwort, als Astrid Kröll sich nach ihrem Zuzug ins Außerfern über die Dorfgeschichtsarbeit erkundigte. Als Historikerin mit Leib und Seele machte sich die gebürtige Oberösterreicherin nichtsdestotrotz daran, die verkannten Schätze der Pflacher Geschichte auszugraben. Nach zwei Jahrzehnten ehrenamtlicher Chronistenarbeit kann Dr. Kröll, dank der Unterstützung ihres tatkräftigen Teams, mittlerweile nicht nur auf archäologische Funde von der Eisenzeit bis heute, sondern auch auf wertvolle Dokumente, wie die Pflacher Urmappe von 1850, einen Schuldenauszug aus dem 16. oder Landkarten aus dem 17. Jahrhundert verweisen. So fand sie beispielsweise auch heraus, dass Hebammen im späten 18. Jahrhundert für ihre Arbeit zwischen 80 Kreuzer und 2 Gulden erhielten, während ein Pferd ganze 50 Gulden kostete. Zum Thema Schulbildung in Pflach lieferte die Schulordnung von 1586 spannende Einblicke: Schläge durften nur mit der Rute, nicht mit der Hand verteilt werden und für den Rechnen-Unterricht musste ein Aufgeld bezahlt werden. Neugierige sind übrigens herzlich dazu eingeladen, zwischen 17 und 19 Uhr bei den Chronisten im Kulturhaus Pflach vorbeizuschauen und mehr über die facettenreiche Dorfgeschichte zu erfahren. Abgesehen von diesen historischen Entdeckungen bot Astrid Kröll interessante Einblicke in die verschiedenen Aspekte der nicht immer einfachen Chronistenarbeit, wie etwa das autodidaktische Erlernen alter Schriften, die Archivgestaltung oder die Zusammenarbeit mit Universitäten.

Nachwuchs, der Geschichte schreibt.
Täfelchen statt Heften, handgeschriebene Schulbücher, altes Wissen – die reiche Schulgeschichte Pflachs.

Beim Pflacher Chronistenteam ist die Freude über die Fortführung ihrer Mühen durch die beiden Junghistoriker, Magdalena Winkler und Dominik Weber, daher groß. Die beiden frischgebackenen Lehramt-Magister absolvierten im Sommer mit Bravour ihre Diplomprüfungen an der Universität Innsbruck und haben sich dort genauer mit der Schule in Pflach auseinandergesetzt. Laut Mag. Winklers Recherchen wurde etwa die erste dorfeigene Schule Pflachs vermutlich im späten 18. Jahrhundert gegründet. Ein Schulgebäude gab es jedoch erst ab 1822. Zuvor wurde der Unterricht abwechselnd in verschiedenen Häusern abgehalten. Zudem war der Unterricht bis 1916 einklassig; so waren manchmal bis zu 78 Schüler verschiedener Jahrgänge in einem Klassenzimmer. Trotz der patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen waren damals auch Frauen als Lehrerinnen tätig, wobei für sie von 1833 bis 1949 das Zölibat galt. Eine Eheschließung glich somit der „freiwilligen Dienstentsagung“. Wie Mag. Weber wusste, war die Schule Pflach während der Weltkriege von Lehrerwechseln aufgrund der Wehrpflicht und der NS-Zeit geprägt. Eine prägnante, jedoch ambivalente Pflacher Persönlichkeit dieser Zeit war Sebastian Lutz, der von 1938 bis 1951 die aufschlussreiche „Lutz-Chronik“ führte, in der er über die Ereignisse seiner Zeit berichtet. Lutz wirkte als Lehrer in Pflach, gründete 1938 das Pflacher Bauerntheater und trat nach dem Anschluss der NSDAP bei, bei der er mehrere Ämter bekleidete. Interessanterweise trat der Großteil der damaligen Lehrerschaft der NSDAP bei; zu ausgeprägt war das Spitzelwesen an den Schulen und die Gefahr, einer Säuberungswelle zum Opfer zu fallen. Angesichts dieser faszinierenden heimatgeschichtlichen Kenntnisse lässt sich also sagen: In Pflach gibt’s nichts? Gibt’s nicht!

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