Ein ungehobener Schatz

Geschichtsträchtig ist der Nachlass von Johann Anton Falger, der in der Wunderkammer in Elbigenalp gehütet wird: Hier zeigt Mathilde Schlichtherle-Frey eine Urkunde von Kaiser Franz II. aus dem Jahr 1782. RS-Fotos: Gerrmann

In der Wunderkammer in Elbigenalp wird der Nachlass Johann Anton Falgers digitalisiert

Die Geschichte des Lechtals als Puzzle? Fast hat es den Eindruck, wenn man auf das blickt, was der legendäre Lithograph und (Heimat-)Forscher Johann Anton Falger seiner Heimat hinterlassen hat. Aber nun geht man daran, das, was in vielen kleinen Einzelteilen vorliegt, zu ordnen und zu sichern. Keine leichte Aufgabe.

Von Jürgen Gerrmann

Ein Stadtplan aus Holz: Johann Anton Falger hat festgehalten, wie Paris anfangs des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat.

Rund 1000 Bücher und die Chronik seiner Heimat hat der „Vater des Lechtals“ dem Pfarrwidum vermacht, mehr als 3000 Zeichnungen, Gemälde, Schnitzereien, seltene Steine und getrocknete Pflanzen gingen an die Gemeinde – ein enormer Fundus, um den man sich bis dato wohl eher unvollkommen gekümmert hat.

Johann Anton Falger hat auch einige seiner Lithografien nachgeschnitzt – hier der Dom von Notre-Dame an der Seine.

1972 wurde laut Mathilde Schlichtherle-Frey vom Wunderkammer-Team – die sich nun darum bemüht, Gästen wie Einheimischen die His-torie des Lechtals nahezubringen – in Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Ferdinandeum ein kleines Falger-Museum eingerichtet. Aber das wanderte hin und her: mal war es im Gemeindeamt, mal im Tourismusbüro. Freilich: „Es wurde nie so richtig angenommen. Das Interesse war damals einfach noch nicht so groß“, sagt die Frau aus Bach.
Das aber hat sich nun geändert. Mittlerweile gibt es Anfragen von Wissenschaftlern aus aller Welt, die sich für das Erbe Falgers interessieren. Denn das ist ja zugleich auch das Erbe des Lechtals. Denn: „Er hat alles aufgeschrieben, was damals bekannt war“, erzählt Mathilde Schlichtherle-Frey. Und auch immer mehr Einheimische interessieren sich für ihre Vorfahren: „Da haben wir der Geierwally-Bühne sehr viel zu verdanken. Die hat das Bewusstsein neu geweckt.“
Neben der Kulturführerin vertiefen sich auch Daniela Wasle und Brigitte Kohler vom Museum sowie Pfarrer Otto Walch in den Nachlass Falgers, der sich in den in der Wunderkammer stehenden Originalschränken erhalten hat. Da finden sich zum Beispiel jede Menge Vorlagen und Studien für seine Zeichenschule.
Aber auch historisch wertvolle Dokumente, wie die Urkunde, in der Kaiser Franz II. 1782 die Talfreiheit des Lechtals bestätigt, die dessen Onkel Joseph II. gewährt hatte.
„Wir haben wahnsinniges Glück, dass das alles noch da ist“, freut sich Mathilde Schlichtherle-Frey. Daher sei man intensiv daran, all die Dinge zu digitalisieren, die vom Leben in alten Zeiten Zeugnis ablegten. Wenn all das im Computer systematisch erfasst sei, dann tue man sich auch mit künftigen Sonderausstellungen viel leichter.
Sehr verdient gemacht habe sich darum auch Michael Rief, der Kustos des Suermondt-Ludwig Museums in Aachen. Der Lechtaler ist in Elbigenalp aufgewachsen und hat gemeinsam mit einem Studenten schon sehr viel aus den Falger-Beständen aufgenommen: „Das hilft uns schon sehr viel.“
Zum Nachlass gehören auch viele Schnitzereien Falgers. Der hatte ja sämtliche Dome Europas für den Papst lithografiert. Als er im Alter nicht mehr so gut sah, schnitzte er sie nach. Mathilde Schlichtherle-Frey: „Das war auch Inspiration für Ernst Schnöllers fantastisches Bühnenbild für das ,Lechufer 1809’ auf der Geierwally-Bühne.“

Vaterfigur.
In den Schubladen der Holzschränke von Johann Anton Falger lagern auch Zeugnisse der Naturgeschichte: Steine und Baumsamen aus den Bergen des Lechtals.

Der „Vater des Lechtals“ war zudem ein begeisterter Bücherkäufer und -sammler. Goethe fand sich in seinem Bücherschrank ebenso wie Werke über Architektur oder (übersetzte) englische Klassiker, Erdkundliches (wie eine Beschreibung des Kaukasus) ebenso wie Wappen aller damals existierender Staaten oder Technisches, wie eine „praktische Abhandlung über das Gaslicht“. Teilweise waren die schon zu Falgers Lebzeiten alt.
Aus der Sicht Mathilde Schlichtherle-Freys ist daher der Nachlass des Lechtaler Privatgelehrten „so wertvoll wie etwa eine Kloster-Bibliothek.“
Falger selbst habe sich übrigens nie als Künstler bezeichnet, sondern stets als Handwerker. „Weil er nur nach Vorlagen gearbeitet hat. Das einzige Künstlerische war vielleicht sein Totentanz. Aber vermutlich hat er auch dafür Vorbilder genutzt.“
Am historischen Wert weit über das Lechtal hinaus ändert das freilich nichts. Zumal Falger ein passionierter Briefeschreiber war. Und da er (penibel, wie er war) auch stets eine Abschrift seiner Zeilen anfertigte, hat sich nicht nur das erhalten, was er erhielt (unter anderem Briefe von Lechtaler Auswanderern, die ihm nicht zuletzt von Geldnöten berichteten und ihn um Hilfe aus der Heimat angingen), sondern auch das, was er selbst nach nah und fern schrieb.
Ganz sicher ein noch ungehobener Schatz, der da in der Wunderkammer schlummert. Der nun nach und nach akribisch gehoben wird. Und sicher noch die eine oder andere Überraschung zutage fördern wird.

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