Erhitzte Gemüter bei Asyl-Infoabend in Telfs

Bgm. Isabella Blaha

Einige Wirtschaftstreibende wollen partout keine unbegleiteten jugendliche Asylwerber in der Nähe ihrer Geschäfte

Ziemlich heiß her ging es am vergangenen Mittwoch bei einem Diskussionsabend im Hotel Munde in Telfs. Im Mittelpunkt standen 21 unbegleitete jugendliche Asylwerber, die – wie die RUNDSCHAU bereits ausführlich berichtete – schon bald in die ehemalige Heinrich-Jacoby-Schule einziehen und dort von „ibis acam Bildungs GmbH“-MitarbeiterInnen rund um die Uhr betreut werden sollen. Die Gemeinderatsfraktionen „Telfs Neu“, ÖVP, FPÖ, PZT/SPÖ und „Bürgerliste Klieber“ wehren sich bekanntlich mit einer Unterschriftenaktion gegen ein Asylheim in unmittelbarer Nähe zum Ortszentrum – und auch AnrainerInnen und Wirtschaftstreibende protestieren dagegen.

Mit dem Diskussionsforum sollten Bedenken gegen die geplante Unterbringung von 21 unbegleiteten jugendlichen Asylwerbern in der ehemaligen Heinrich-Jcoby-Schule ausgeräumt und Ängste genommen werden. Bürgermeister Christian Härting, „ibis acam“-Bereichsleiter Martin Straganz und „ibis acam“-Projektkoordinatorin Vanessa Sari ließen sich von der Scharnitzer Bürgermeisterin Isabella Blaha den Rücken stärken. Sie berichtete von 31 jungen Flüchtlingen, darunter sechs Mädchen, die seit Oktober 2015 in ihrem Dorf leben. „Einige Male musste ich den Jugendlichen schon erklären, dass sie sich gleich wie einheimische Jugendliche verhalten müssen. Gröbere Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz oder strafbare Handlungen gab es allerdings noch nie. Die Flüchtlinge sind Menschen wie du und ich“, schilderte die Scharnitzer Dorfchefin. Bürgermeister Christian Härting betonte nochmal, dass in Telfs die 1,5-Prozent-Flüchtlingsquote noch längst nicht erfüllt sei. „77 Asylwerber sind derzeit in der Marktgemeinde untergebracht, 232 sollten es sein“, erinnerte Härting und betonte, dass eine Unterbringung von Flüchtlingen in kleineren Unterkünften weit besser sei als in Traglufthallen oder in anderen Großunterkünften. „ibis acam“-Bereichsleiter Martin Straganz berichtete, dass alleine heuer vom Jänner bis Mai 426 unbegleitete jugendliche Asylwerber in Österreich angekommen sind. „Dabei handelt es sich um junge Menschen, die ohne Angehörige aus unsicheren Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Syrien oder Somalia geflohen sind. In Tirol müssten laut Quote 500 unbegleitete jugendliche Asdylwerber aufgenommen werden, aktuell sind es 280“, listete Straganz auf. Die 21 unbegleiteten Jugendlichen, die in der Bahnhofstraße in die leerstehende Heinrich-Jacoby-Schule einziehen sollen, würden nach einem Drei-Punkte-Modell betreut: Sprache, Tagesstruktur, Bezugsperson. „Sechs Vollzeit- und drei Teilzeitbeschäftigte würden die Jugendlichen rund um die Uhr betreuen und es würde auch eine 24-Stunden-Hotline eingerichtet“, erklärte Bürgermeister Härting. Zusatz: „Notfalls stelle auch ich mich gerne als Ansprechpartner zur Verfügung!“

In der Diskussionsrunde wechselten sich Pro und Kontra 21 unbegleitete jugendliche Asylwerber zwischen 14 und 18 Jahren in der Nähe des „geschäftigen“ Marktgemeindezentrums ab. Einige eingefleischte TelferInnen fanden deftige Worte. Auch der Feuerwehrmann Pepi Schatz: „Das Potenzial an Ausländern, die in den Nachtstunden in Telfs unterwegs sind, ist groß. Das lässt sich auch bei Einsätzen erkennen. Von 100 Zuschauern sind 80 Migranten. Die Einheimischen haben längst ein ungutes Gefühl, wenn sie des nächtens alleine unterwegs sind. Als junges Mädel würde ich in der Nacht jedenfalls nicht durch die Straßen gehen wollen. Unsere Marktgemeinde wird zunehmends unsicherer!“ Eine 14-jährige Schülerin bekräftigte das mit dem Worten: „Viele Eltern lassen ihre Kinder abends nicht mehr aus dem Haus gehen, weil sie sich um ihre Sicherheit sorgen!“ Lukas Falch, der für das bestehende Asylheim in Telfs zuständig ist, sagte, dass es mit den Asylwerbern bisher noch nie Probleme gab und sich niemand vor diesen Menschen ängstigen muss.

Gemeinderat Josef Köll („Telfs Neu“), der auch der Obmann der Kaufmannschaft und Mitinitiator der Unterschrifteaktion ist, ließ den Rechenstift angehen. „Hinter der ‚ibis acam‘ steckt eine gewinnorientierte Bildungsgesellschaft, die Kapital aus der Unterbringung der Flüchtlinge schlagen will. Wie dem auch sei: Uns geht es mit der Unterschriftenaktion um den Standort. Die Untermarktstraße und die Bahnhofsstraße sind die einzigen gut gehenden Einkaufsstraßen in unserer Gemeinde. Niemand kann vorhersagen, was auf die Wirtschaftstreibenden zukommt, wenn neben den Geschäften ein Asylantenheim eingerichtet wird!“ „Ich bezweifle, dass die Geschäfte beeinträchtigt werden“, konterte „ibis acam“-Bereichsleiter Straganz. Auf die Frage von GV Alexander Schatz („Wir für Telfs“), wie viele Unterschriften bisher gegen die Unterbringung von 21 unbegleiteten Flüchtlingen in der Bahnhofstraße gesammelt wurden, konnte Köll keine Auskunft geben. „Es sind noch einige Listen im Umlauf“, erklärte er.

Stellungnahmen der GR-Opposition:

GR Norbert Tanzer (PZT/SPÖ) lässt in in einer E-Mail an die RUNDSCHAU-Redaktion wissen: „Der Bürgermeister beabsichtigt mit Stimmen seiner Fraktion und den Grünen mitten im Dorf jugendliche Asylwerber konzentriert anzusiedeln. Die Bürgermeisterfraktion hat dabei offensichtlich mehr die Interessen des Landes als jene der Telfer Bevölkerung selbst im Auge. Auf die geäußerten Bedenken und Sorgen der restlichen Fraktionen wird nicht eingegangen. Bei einem so sensiblen Thema ist vor einer politischen Entscheidung unbedingt die Meinung der Bevölkerung einzuholen. Die Liste ,Telfs Neu‘ wendet sich – demokratiepolitisch völlig legitim und notwendig – daher direkt an die Telfer Bürger, ob sie die Unterbringung im Ortskern befürworten. Diese gehäufte Unterbringung schwer traumatisierter junger Menschen mitten in Telfs stellt ein Pulverfass dar und scheint mir den sozialen Frieden in Telfs zu gefährden. Der regionale SPÖ-Vorsitzende Mag. Günter Porta teilt mit mir diese Ansicht. Die Marktgemeinde Telfs hat 15000 Einwohner, insgesamt leben hier Staatsbürger aus 60 Nationen. Die größte Volksgruppe mit Migrationshintergrund ist die türkische mit 2500 Personen. Telfs ist in Sachen Integration gefordert und wird dies auch von allen politischen Kräften, insbesondere von der Liste PZT/SPÖ positiv gelebt. Wir brauchen uns daher nichts vorwerfen zu lassen!“

Unter dem Titel „Ängste und Bedenken der Anrainer wurden als lächerlich und nicht ernst zu nehmend abgekanzelt“ heißt es aus den Gemeinderatsfraktionen „Telfs Neu“, ÖVP, FPÖ, PZT/SPÖ und „Bürgerliste Klieber“: „Auf die vorgebrachten Bedenken der Anrainer der Bahnhofstraße bei der Informationsveranstaltung am Mittwoch wurde zu wenig bis gar nicht eingegangen. Und zum Schluss zeigte der Bürgermeister sein wahres Gesicht. Die vorgebrachte einhellige Meinung der Anrainer und Geschäftstreibenden der Bahnhofstrasse, dass sich dieser Standort negativ auf die Entwicklung von Telfs und der so beworbenen Ankurbelung der Wirtschaft auswirken könnte, wurde durch Taktieren und Vortragen von positive Berichten über Flüchtlinge in Scharnitz etc. abgeschwächt bzw. als nicht der Realität entsprechend abgetan. Geht es nach den vorgebrachten Argumenten der Befürworter, ist es für Telfs ein Segen, Flüchtlinge aufzunehmen. Auch die Betreibergesellschaft ‚ibis acam GmbH‘ kann keine Erfahrungen in der Betreuung solcher Flüchtlinge aufweisen- und was noch bedenklicher ist, ist diese Gesellschaft auf Gewinn ausgerichtet, und das unter dem sozialen Deckmantel und auf Kosten notleidender Menschen. Eines ist klar: Sollten die Einnahmen bzw. der zu erzielende Gewinn nicht den Erwartungen entsprechen, wird an den Ausgaben gespart, was logischerweise wieder zu Lasten der Betroffenen geht. Hat doch die betreffende Vertreterin der ‚ibis acam GmbH‘ bereits zugegeben, dass der vorgeschriebene Betreuungsschlüssel in dieser Form nicht eingehalten werden kann. Dass die Unterbringung von Flüchtlingen mit den Förderungen und Zuwendungen des Landes zusammenhängt, machte Härting schon in der konstituierenden Sitzung des Gemeinderates klar. Wir, die unterzeichnenden Parteien, verwehren uns hiermit gegen die Politik des ,Darüberfahrens‘ und verlangen, dass sich der Gemeindechef vorrangig um die Telfer und Telferinnen kümmert, anstatt sich als Vorzeigeschüler beim Land Tirol beliebt zu machen. Um die Angelegenheit sachlich aufzuarbeiten, ist es unserer Meinung nach unumgänglich, ein Bürgerforum ins Leben zu rufen, und erst nach Zustimmung der Bevölkerung ein Projekt weiter zu forcieren!“