Erholung für bislang 3.600 Kinder

Dr. Ludwig Knabl erklärt Umweltwerkstatt-Obmann Bgm. Helmut Ladner und Bernhard Weiskopf (Umweltwerkstatt; v. l.) die Medikamentenpakete

„Tirol hilft den Kindern von Tschernobyl“ findet heuer zum 25. Mal statt

Vor 30 Jahren, am 26. April 1986, kam es im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl zum Super-GAU – mit verheerenden gesundheitlichen Folgen. Im Oberland hat Internist Dr. Ludwig Knabl die Aktion „Tirol hilft den Kindern von Tschernobyl“ ins Leben gerufen. Dank Mithilfe der Bevölkerung konnte bislang 3.600 weißrussischen Kindern im Oberland und noch viel mehr in ihrer Heimat geholfen werden.

Das Fazit des Fließer Arztes und Obmanns des Vereins „Tirol hilft den Kindern von Tschernobyl“ Dr. Ludwig Knabl, 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in der Ukraine, lautet: „Der Unfall von Tschernobyl stellt die größte nukleare Katastrophe des 20. Jahrhunderts dar und betrifft noch immer Millionen von Menschen.“ Österreich war, gemessen an seiner Fläche, nach Weißruss-land das am zweitstärksten betroffene Land: Rund 2 Prozent der beim Unfall freigesetzten Cäsiummenge wurden hier deponiert. Tirol und besonders dessen westlicher Teil wurde laut Knabl relativ gering mit Cäsium 137 kontaminiert: „Zum Glück gab es damals um den 1. Mai 1986 nur geringe Niederschläge in Tirol. Lediglich bei Pilzen (z. B. Pfifferlinge, Maronenröhrlinge), Waldbeeren (Heidelbeeren und Preiselbeeren) sowie in Honig und tlw. bei Almmilch sind noch Cäsium 137-Aktivitäten bis 30 Bq/kg nachweisbar, wie ich in zahlreichen eigenen Messungen feststellen konnte“, berichtet der Internist. Ein Tipp Knabls: Holzasche hat nichts im Garten oder Kompost verloren, und es empfiehlt sich bei deren Entsorgung einen Mundschutz zu verwenden – Bäume sind nämlich der wichtigste lebende Radiocäsium-Speicher im Ökosystem Wald, weswegen Asche relativ hoch mit Cäsium und anderen Radionukliden (bis 5.000 Bequerel/kg Gesamtaktivität) verstrahlt ist, weiß Knabl.

3 600 KINDER KONNTEN SICH ERHOLEN. Die gesundheitlichen Folgen von „Tschernobyl“ (und nun auch von „Fukushima“) zeigten sich schnell: Bereits drei bis vier Jahre nach der Atomkatastrophe gab es in den hochbelasteten Regionen Weißrusslands, der Ukraine und Russlands einen rasanten Anstieg von Schilddrüsenkrebs und anderen Krebserkrankungen bei Kindern, auch bei Erwachsenen, besonders bei Frauen stiegen die Krebsraten. Zudem ist ein deutlicher Anstieg von Nichtkrebserkrankungen zu verzeichnen. Und es gibt Störungen des Erbgutes – was Tot- und Fehlgeburten, Fehlbildungen u. ä. zur Folge hat. Und da wollte Ludwig Knabl nicht zusehen – vor 25 Jahren gründete er „Tirol hilft den Kindern von Tschernobyl“. Sie wird seit 1992 durchgeführt, heuer zum 25. Mal. Bislang wurden 3.594 Kinder zur einmonatigen Erholung bei 1.848 Gasteltern ins Oberland geholt, von 390 Betreuern begleitet. Sie stammen aus der radioaktiv verstrahlten Zone Weißrusslands und können im Oberland gesunde Nahrung genießen. Während des Aufenthaltes wurden die Kinder vom Krankenhaus Zams sowie Zahnärzten, praktischen und Fachärzten aus den Bezirken Imst, Reutte und Innsbruck-Land teilweise kostenlos behandelt.

WEITERE PROJEKTE. Ein Teil der Hilfe ist das Projekt: „Medikamentenpakete für Tschernobylkinder und deren Familien“, die heuer zum 24. Mal durchgeführt wird. Die Pakete werden den Kindern mitgegeben (28,30 Euro pro Paket) und enthalten die wichtigsten Medikamente, die eine Familie im Laufe eines Jahres benötigt – 3.849 Pakete waren es in den ersten 24 Jahren. „Vitamine für Säuglinge in der Zone“ wird seit 1996 durchgeführt – 1.142 Schwangere und 1.910 Säuglinge wurden seither mit Vitaminen versorgt. Unterstützt werden auch Krankenhäuser und Ambulanzen in Weißrussland (Verbandsmaterial und Medikamente), das Sozialpädagische Institut in der Stadt Rogatschow (Hygieneartikel) und sechs Schulen der Partnerdörfer (dank der Wirtschaftskammer Tirol konnten 5.850 kg Kakao übergeben werden – er hat einen hohen Kaliumgehalt und vermindert dadurch die Aufnahme von radioaktivem Cäsium 137 über die Nahrung). Mit dem Projekt „Entgiftung der weißrussischen Kinder mit Pektin“ wird erreicht, dass Cäsium 137 schneller aus dem Körper ausgeschieden wird (Kosten: 4,7 Euro pro Person). Zudem werden zahlreiche hilfsbedürftige Familien in den Städten Minsk und Rogatschow und den Dörfern der verstrahlten Zone von Weißruss-land finanziell, materiell und medizinisch unterstützt. Heuer findet die Tschernobyl-Kinderferienaktion Tirol von 6. Juni bis 11. Juli statt. Insgesamt 80 Kinder erholen sich in Vorarlberg, in Wattens, im Außerfern, in Tarrenz, im Ötztal, in Pfunds, Fließ und im Stanzertal.
Spendenkonto: Raiba Oberland, BLZ 36359, Kontonr. 1428754 „Tschernobylkinder“, Verein „Tirol hilft den Kindern von Tschernobyl“, IBAN: AT04 3635 9000 01428754, nähere Informationen gibt“s auf: www.tschernobylkinder-tirol.at.

Knabl fordert Ausstieg
Das Durchschnittalter der noch laufenden AKWs in Europa liege bei 30 Jahren, weiß Ludwig Knabl, „es ist daher nur eine Frage der Zeit bis zum nächsten Super-Gau. Denn was einmal (Teil-Kernschmelze in Harrisburg 1979), ein zweites Mal (Kernschmelze in Tschernobyl 1986) und ein drittes Mal (Kernschmelzen in Fukushima 2011) passiert ist, wird auch ein viertes und fünftes Mal passieren.“ Es gebe nur einen einzigen Weg, das zu verhindern – den Ausstieg aus der Atomkraft und das so schnell wie möglich.