„Es geht jetzt um unsere Heimat“

Im Außerfern formiert sich Widerstand gegen den Fernpass-Scheiteltunnel

Eins ist klar: ein Selbstläufer wird der Fernpass-Scheiteltunnel nicht. Am Freitag formierte sich bei einer Versammlung in der „Krone“ in Lähn bei Bichlbach massiver Widerstand. Reuttes Bürgermeister Luis Oberer sagte im Exklusiv-Gespräch mit der RUNDSCHAU nach der Versammlung: „Die 100 Millionen wären für wichtigere und sinnvollere Projekte im Außerfern besser angelegt. Die sollen uns das Geld lieber dafür schicken!“ Eine weitere Erkenntnis: Für die Grünen im Außerfern wird dieser Tunnel zur Nagelprobe.

von Jürgen Gerrmann

Entlang der B 179 regt sich massiver Protest gegen den Fernpass-Scheiteltunnel. Ihn formulierten in der „Krone” in Bichlbach nicht zuletzt Organisator Albert Linser, Reuttes Bürgermeister Luis Oberer sowie die Mediziner Dr. Walter Murr aus Bichlbach und Dr. Walter Bachlechner aus Reutte (v.l.). RS-Foto: Gerrmann

Eingeladen zu dem Treffen hatte Albert Linser, engagierter Tunnel-Gegner und früherer Bürgermeister von Bichlbach. Er erinnerte daran, dass er schon 1982 als ganz junges Gemeindeoberhaupt dazu aufgerufen habe, sich zusammenzusetzen und das Verkehrsproblem im Außerfern anzugehen. Er habe seine Amtskollegen um Solidarität gebeten – weitgehend vergeblich. Vor 25 Jahren  seien sogar die „Mütter gegen den Transit“ zum Protest aufgestanden: „Die sind jetzt Omas.“ Und alles sei nur noch viel schlimmer geworden.

Nur einer will den Tunnel.

Im Tiroler Landtagswahlkampf hätten alle Parteien gesagt: „Wir wollen diesen Tunnel nicht!“ Außer einer: der ÖVP. Nun seien die Koalitionsverhandlungen in Innsbruck in der Endphase. Und da gebe es um der Regierungsbeteiligung willen immer wieder Umfaller. Linser befürchtet offensichtlich, dass dies in diesem Fall die Grünen sind.
Sprengelarzt Dr. Walter Murr gab seinem Vorredner Recht: „Ich kann nicht glauben, dass dieser Tunnel etwas bringt. Die Straßen werden inzwischen immer breiter, aber die Staus auch immer länger!“ Mehr Verkehr bedeute auch schlechte Luftqualität, mehr Stress, mehr Hektik und höheren Blutdruck. Reuttes Bürgermeister Luis Oberer sieht sich zurzeit – abgesehen von seinem Biberwierer Kollegen Paul Mascher – allein auf weiter Contra-Flur: 35 andere hätten „in vorauseilendem Gehorsam“ gegenüber der ÖVP die Forderung nach dem Tunnel unterschrieben. Entgegen des Willens der Bevölkerung in Reutte und im Zwischentoren. Diese Projekt berge ja auch eine große Gefahr: „Wenn die berühmte Haarnadelkurve wegfällt, könnte das  7,5-Tonnen-Limit für Lkw, das jetzt schon bröckelt, endgültig passé sein.“ Die Meinung des Bürgermeisters: „Dieser Tunnel ist so wichtig wie ein Kropf – nämlich gar nicht.“ Taxiunternehmer Hans Strolz aus Bichlbach fragte in die Runde: „Wer haftet denn für die Tonnage-Beschränkung?“ Die Politik habe aus seiner Sicht versagt: „Der Tunnel ist kein Allheilmittel und die Bevölkerung wird für dumm verkauft!“
Albert Linser sah „die Grünen als Koalitionspartner der ÖVP in der Geiselhaft“. Sie dürften aber nicht umfallen, sonst wäre das im Außerfern für diese Partei der „Super-GAU“: „Dagegen wäre das, was die Glawischnig mit dem Wechsel zum Glücksspielkonzern gemacht hat, ein Klacks.“ Auch Dr. Walter Bachlechner aus Reutte, der selbst Delegierter zur Landesversammlung ist, befand:  „Es wäre eine Katastrophe, wenn wir umfallen.“ Je mehr Verkehr es gebe, desto schlechter werde die Luft, und auch der Lärm sei nicht zu verachten. Und zudem sein die Lkw-Maut durch Tirol viel zu niedrig.
Robert Lang aus Forchach sah in Österreich eine „Diktatur der Bünde“ am Werke. Diese Interessengruppen hätten schon massiv versucht, die Koalitionsverhandlungen zu beeinflussen: „Der Tunnel ist komplett überflüssig, ein sinnloses Unterfangen!“ „Zuviel Verkehr mit noch mehr Verkehr zu bekämpfen – wie soll das funktionieren?“, rätselte Karl-Heinz Pohler aus Weißenbach. Stefan Kätzler befand: „Der Mensch lernt nichts aus der Geschichte. Und die Politiker noch weniger. Ich kann nicht verstehen, wie man als Bürgermeister in Zwischentoren so einen Blödsinn befürworten kann.“
Barbara Brejla, die Bezirkssprecherin der Grünen, verwies zunächst darauf, dass über den konkreten Inhalt der Koalitionsvereinbarungen Stillschweigen vereinbart sei. Was Sache sei, werde aber auf jeden Fall bei der Landesversammlung der Grünen am 21. März auf den Tisch gelegt: „Aber es ist nicht ausgemacht, dass diese Regierung auch zustande kommt.“ Für die Außerferner Grünen gelte auf jeden Fall: „Wir werden mit all unserer Kraft gegen den Lkw-Transit kämpfen. Egal, wer die Regierung bildet.“ Maria Zwölfer aus Lermoos verwies auf eine Landtagsdebatte, in der sie als Abgeordnete von Impuls Tirol Landeshauptmann Günther Platter gefragt habe, ob er garantieren könne, dass das 7,5-Tonnen-Limit am Fernpass nicht falle. Dessen Antwort sei gewesen: „Nein!“ Wenn die Haarnadelkurve am Fernpass weg sei, sei diese Begrenzung nicht zu halten: „Da kann die Sonja Ledl-Rossmann als ÖVP-Abgeordnete sagen, was sie will. Das entscheiden andere, nicht sie.“
Für Fritz Mitterbauer, Gemeinderat in Lermoos, sind die „Schalmeienklänge für den Tunnel so schön, dass man darob die Probleme gar nicht mehr sieht“. Freilich: „Wer dieses Spiel eingeht, wird dieses Spiel verlieren.“ Er verwendete in Bezug zum Tonnage-Limit auch den Vergleich mit einem Skitourengeher: „Wer sich in einen Hang hineinbegibt, in dem die Wahrscheinlichkeit einer Lawine zu fast 50 Prozent besteht, der handelt unverantwortlich.“ Genauso hoch sei selbst nach Aussagen von Befürwortern die Wahrscheinlichkeit, dass diese Begrenzung für die Brummis falle.
Fabian Walch aus Bach, Bezirks-obmann der FPÖ, gab zwar den Grünen bezüglich der Stillschweigeverpflichtung bei Koalitionsverhandlungen recht, verriet aber: „In den Sondierungen mit uns war der ÖVP der Scheiteltunnel schon sehr wichtig.“ Die Freiheitlichen seien indes total gegen dieses Projekt: „Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt einfach nicht.“ Der jetzige Zustand sei aber auch untragbar: „Daher waren wir immer für den Großtunnel durch die Gartnerwand.“ Hin oder her, eins sei klar: „Wenn der Scheiteltunnel kommt, dann war’s das. Dann gibt es keine zukunftsgewandte Lösung fürs Außerfern. Die ÖVP führt die Außerferner an der Nase herum.“
Florian Grund aus Pflach plädierte für eine Maut auf der Fernpass-Strecke: „So können wir den Schleichverkehr der Ausländer bekämpfen.“
Siegfried Kerle aus Rieden (auch von den Grünen) hatte eine noch weitergehende Idee: „Der Verkehr richtet sich nach Angebot und Nachfrage.“ Daher solle man Kontingente für die Fernpass-Strecke vergeben, deren Preis je höher sei, desto mehr fahren wollten. Denn: „Wir sind an die Grenze des Individualverkehrs und des Massentourismus gestoßen. Man sollte sich nicht täuschen lassen von der angeblichen Zeitersparnis ins Inntal. Die gibt es schlichtweg nicht, wenn der Verkehr zunimmt.“ Regina Karlen, grüne Gemeinderätin in Breitenwang, forderte, dass die Boom-Regionen jenseits des Fernpasses über die Tourismus-Abgabe das Außerfern unterstützen sollten: „Die haben satte Gewinne. Und wir hier haben nur Lärm, Dreck und Stau. Die sollen jetzt etwas abgeben für einen Bahntunnel von uns zum Inntal.“ Albert Linser sprach nach rund zwei Stunden, nachdem sich kein einziges Wort pro Scheiteltunnel geregt hatte, das ebenso engagierte wie zuversichtliche Schlusswort: „Wir wollen diesen Irrsinn verhindern. Und das werden wir auch! Es geht hier um unsere Heimat. Und für die und um die werden wir kämpfen!“

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.